Schifffahrt: Ein deutscher Erfinder will Piraten mit Abwurfgeschossen bekämpfen
Düsseldorf. Seit 2023 steigt die Zahl gekaperter Schiffe auf hoher See wieder. 120 Fälle zählte das Seefahrtsbüro der Internationalen Handelskammer im vergangenen Jahr – fünf mehr als im Jahr zuvor. Gleichzeitig kletterte die Anzahl gekidnappter Schiffsbesatzungen von 41 auf 73, darunter Ende November auch die eines Autotransporters, den Huthi-Rebellen im Roten Meer aufbrachten.
Mitte Januar hat deshalb Erfinder Andreas Golmayer in München ein Patent angemeldet, mit dessen Hilfe die gefährlichen Angriffe künftig bekämpft werden sollen. Sein System besteht jeweils aus einer Schiene auf beiden Schiffsseiten, über die eine Abwurfvorrichtung in hoher Geschwindigkeit zwischen Bug und Achtern bewegt werden kann. Diese sollen die Reedereien mit gleich mehreren 500 Kilogramm schweren Stahlzylindern bestücken.
Im Ernstfall können die bombenförmigen Metallteile, nachdem der Kapitän eine Leuchtsignal-Warnung abgegeben hat, per automatischer Lasertechnik über den Angriffsbooten platziert und abgeworfen werden. Das soll die Schiffe der Piraten zerstören oder so sehr beschädigen, dass sie die Attacke abbrechen müssen.
Achterbahnhersteller soll Teile des Systems liefern
„Der Schlitten kann sich mit einer Geschwindigkeit von 100 Stundenkilometern an der Bordwand bewegen“, sagt Golmayer dem Handelsblatt. Die Hochleistungsschienen soll der Achterbahnhersteller Mack Rides liefern. Das Familienunternehmen aus der Nähe von Freiburg rüstet üblicherweise Vergnügungszentren wie den Europapark Rust aus.
Den versehentlichen Fall der Stahlzylinder – etwa bei der Schiffsverladung im Hafen – verhindere eine ausgeklügelte Technik, sagt Golmayer.
Der im niederrheinischen Moers lebende Erfinder war bis vor drei Jahren als Bauunternehmer tätig, musste wegen einer schweren Herzerkrankung aber für längere Zeit aussetzen. „TV-Dokumentationen über die Piratenangriffe brachten mich dann auf die Idee, etwas gegen solche Attacken zu tun“, erklärt er.
Die Metallbaufirma Georg Beyer aus Mülheim an der Ruhr, ein Ende 1945 gegründeter Betrieb mit 16 Mitarbeitern, griff inzwischen zu. Für den Erwerb des Patents überließ das Unternehmen Golmayer die Hälfte der Firmenanteile.
Derzeit befinden sich Golmayer und Beyer-Geschäftsführer Thomas Kretschmer in ersten Gesprächen mit mehreren Reedereien, um das vor vier Wochen beantragte Patent zu präsentieren – und gegebenenfalls einen Prototyp anzufertigen.
Ob sich das rund drei Millionen Euro teure System bewähren wird, muss sich allerdings noch zeigen. „Bei uns hat es noch niemand getestet“, heißt es auf Anfrage beim Verband Deutscher Reeder (VDR) in Hamburg.
Am Horn von Afrika, dem einstmals gefährlichsten Piratengebiet, hat die EU-Marinemission „Atalanta“, an der sich auch die Bundeswehr beteiligt, die Angriffe erfolgreich zurückgedrängt. Dafür nehmen die Attacken im westafrikanischen Golf von Guinea und in der Straße von Singapur erheblich zu.
Schutz der Schiffe ist teuer und aufwendig
Bislang versuchen viele Besatzungen, sich mit Schallkanonen oder Stacheldraht gegen die Überfälle zu wehren. Denn mit Angriffswaffen wie Gewehren oder Schleudern an Bord riskieren sie, dass ihnen die Einfahrt in nationale Gewässer und Häfen verwehrt bleibt.
Private Sicherheitsunternehmen, die Seeschiffe zur Piratenabwehr bewaffnet begleiten, benötigen zudem seit Ende 2013 eine Genehmigung des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle – zumindest dann, wenn die Frachter unter deutscher Flagge segeln. Für die Bewachung einer Schiffspassage werden nicht selten zwischen 50.000 und 100.000 Euro fällig.
Doch gänzlich ohne Schutz kann es noch weitaus teurer werden: Zwei bis zehn Millionen Dollar Lösegeld, ermittelte der Wirtschaftsprüfer PwC, verlangen Piraten üblicherweise für die Freigabe eines gekaperten Schiffs.
Erstpublikation: 20.02.2024, 08:11 Uhr.