Kommentar: Alexei Nawalny – Tod eines Aufrichtigen

Es gibt sie noch, die Helden. Jene, die ihr persönliches Schicksal als zweitrangig erachten, weil die Sache, um die es eigentlich geht, so viel wichtiger ist.
Alexei Nawalny war ein solcher Held. Er gehörte in Russland zur ohnehin vom Aussterben bedrohten Spezies Oppositionspolitiker. Denn solche gibt es im Reich Wladimir Putins mit seinem absoluten Herrschaftsanspruch kaum noch.
Russen, die nicht Putins Gedankengut teilen – und eine gewisse politische Bedeutung haben – und ihm somit gefährlich werden könnten, befinden sich längst im Exil, im Gefängnis oder sind tot.
Nun traf es den 47 Jahre jungen Nawalny – gestorben in einem Gefangenenstraflager.
Verwunderlich ist weniger die Tatsache, dass Nawalny verstorben ist: Verwunderlich ist vielmehr, dass er so lange dort noch überlebt hat. Seit seiner Rückkehr saß er in unterschiedlichen Straflagern, in denen Menschen auf eine Nummer reduziert werden und ihr Leben unter würdelosen Umständen fristen. Die Haftbedingungen verschlechterten sich zunehmend. Das Regime wollte Nawalny brechen.
Der Oppositionspolitiker war im Januar 2021 freiwillig nach Russland zurückgereist, nachdem er nach einem Giftanschlag in Berlin behandelt worden war. Die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich hatte sich zuvor für ihn eingesetzt.
Einigermaßen genesen, aber immer noch gezeichnet von der Attacke mit dem russischen Nervengift Nowitschok, kehrte Nawalny nach Moskau zurück. Natürlich wusste er, dass er sich damit in Lebensgefahr bringt. Oder genauer: dass die Rückkehr seinen sicheren Tod bedeuten würde. Wer hätte auch nur einen Cent auf sein Leben gewettet?
Nawalnys Botschaft
Nawalny nahm seinen Tod in Kauf. Er wollte eine Botschaft senden, die niemand missverstehen konnte: sein Leben für ein starkes Signal im Kampf um Würde und Freiheit.
Ob Nawalny nun in den Tod getrieben wurde, ob russische Geheimdienste nachgeholfen haben, wird man nie erfahren. Fest steht nur: Der allmächtige Herr im Kreml allein bestimmt über Leben oder Tod in seinem Reich.
Ob Flugzeuge mit Aufsässigen vom Himmel fallen wie im Falle seines revoltierenden Generals Jewgeni Prigoschin, ob sie eines Gifttodes sterben oder einen wie auch immer gearteten tragischen Unfall erleiden – die Tage all jener, die sich Putin widersetzen, sind gezählt. Die im Jahr 2006 vor ihrem Haus in Moskau ermordete Journalistin Anna Politkowskaja gehört ebenso in diese Reihe, wie der 2015 in Sichtweite des Kremls erschossene Oppositionspolitiker Boris Nemzow.
Nachweisbar ist ein direkter Zusammenhang freilich nie. Glauben aber, dass sein Machtapparat dahintersteckt, darf oder soll jeder. Terror, Abschreckung und Angst sind schließlich die effizientesten Mittel zur Absicherung der Herrschaft.
Nawalny hat das mit seiner Reise in den nahezu sicheren Tod aller Welt noch einmal vor Augen geführt. Er hielt es offenbar mit Franklin D. Roosevelt: „Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht“. Von der Angst lähmen jedenfalls ließ Nawalny sich bis zuletzt nicht. Und das gibt am Ende dann doch ein wenig Anlass zur Hoffnung.