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Zwei Jahre Ukraine-KriegWie Nord- und Südkorea die Welt aufrüsten

Nordkorea liefert Waffen für Russlands Krieg gegen die Ukraine. Gleichzeitig steigt Südkorea zu einem wichtigen Lieferanten für die Nato auf.Martin Kölling 23.02.2024 - 11:10 Uhr
Eine ballistische Rakete wird in Pjöngjang während einer Militärparade präsentiert. Foto: dpa

Tokio. Seit Jahrzehnten rüsten sich die beiden koreanischen Staaten für einen Krieg gegeneinander. Auf beiden Seiten stehen gut ausgerüstete Armeen, die jeweiligen Waffen wurden immer weiter entwickelt.

Durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine und die globale Aufrüstung zahlt sich das nun aus. Die verfeindeten Nachbarn sind zu wichtigen Rüstungsexporteuren geworden – Nordkorea für Russland, Südkorea für den Westen.

Nordkorea erregte kürzlich weltweit Aufsehen, weil der kleine, arme, aber hochgerüstete Frontstaat seinen alten Verbündeten Russland nun mit Kurzstreckenraketen, Munition, Mörsern und Granaten beliefert. Der südkoreanische Verteidigungsminister Shin Wok Sik schätzte Mitte Januar, dass der Norden trotz eines Waffenexportverbots der Vereinten Nationen bereits mehr als 5500 Container mit Kriegsgütern ausgeführt hat.

Weniger bekannt ist der Kriegsbeitrag des US-Verbündeten Südkorea. Das Land liefere offiziell nur nicht-tödliche Ausrüstung wie Gasmasken und schusssichere Westen direkt an die Ukraine, keine Munition oder Waffen, berichtet Frederic Spohr, Büroleiter der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung in Südkorea.

Indirekt helfen aber auch südkoreanische Waffen der Ukraine bei ihrer Verteidigung. „Hinter vorgehaltener Hand heißt es, dass Südkorea große Mengen Munition an die USA geliefert hat, damit diese wiederum Kapazitäten haben, um die Ukraine zu unterstützen“, sagt Spohr. „Außerdem stecken in einigen westlichen Waffen für die Ukraine südkoreanische Komponenten, zum Beispiel in polnischen Krab-Haubitzen.“

Was Russland von Nordkorea will

Wie kommt es, dass die beiden kleinen Länder am anderen Ende der Welt so eng in den Ukraine-Konflikt eingebunden sind?

Während Russland im Krieg gegen die Ukraine Waffen und Munition ausgehen, gleicht Nordkorea einem riesigen Waffen- und Munitionsdepot. Denn auch nach dem Koreakrieg (1950 bis 1953) hat sich der kleine Staat auf einen neuen Konflikt mit dem Süden und dessen Schutzmacht USA vorbereitet.

Von den 26 Millionen Einwohnern Nordkoreas sind mehr als eine Million Soldaten. Entsprechend viele Waffen und Munition hält das Land vor. Auch mit Artillerie ist die Armee ausgestattet, seien es Haubitzen oder atomar bestückbare Kurz-, Mittel- und Langstreckenraketen. Schätzungen zufolge hat das Land zwischen 50 und mehreren Hundert Sprengköpfen.

Russland bedient sich nun reichlich aus dem Arsenal: Mehrere Einsätze der nordkoreanischen KN-23 seien bisher verifiziert worden, berichtet Nordkorea-Experte Spohr. Diese ballistische Kurzstreckenrakete kann vermutlich einen 500 Kilogramm schweren Sprengkopf tragen und ist auch atomar bestückbar.

Seit Herbst kursieren in russischen sozialen Medien zudem Bilder, die russische Soldaten in der Ukraine mit nordkoreanischen Artillerie- und Mörsergranaten zeigen. Auch nordkoreanische Raketen für Mehrfachraketenwerfer vom Kaliber 120 mm wurden auf Fotos gesichtet.

Ein Vertreter der Staatsanwaltschaft zeigt Teile einer Rakete, von der die ukrainischen Behörden glauben, dass sie in Nordkorea hergestellt wurde und bei einem Angriff auf die Ukraine eingesetzt wurde. Foto: REUTERS

Für den Korea- und Sicherheitsexperten Ramon Pardo vom britischen King’s College ist das erst der Anfang: „Wenn sich die russische Invasion hinzieht und der russische Präsident Wladimir Putin darum bittet, könnte Nordkorea bereit sein, Raketen mit größerer Reichweite zu liefern.“ Generalleutnant a.D. Chun In Bum hält es sogar für möglich, dass Nordkorea künftig ganze Waffenfabriken exportiert.

Was sich Nordkorea von der Waffenhilfe Russlands erhofft

Für Jenny Town, Senior Fellow am amerikanischen Think Tank Stimson Center, gewinnt Nordkoreas Diktator Kim Jong Un durch die neue Waffenbrüderschaft drei Vorteile:

  1. eine politische Absicherung gegen weitere Strafmaßnahmen der Vereinten Nationen, da Russland und China bei Verstößen gegen UN-Resolutionen nicht mehr für Sanktionen stimmen,
  2. eine verstärkte wirtschaftliche Zusammenarbeit, um die extrem schwache Wirtschaft anzukurbeln,
  3. und eine neue Stufe der militärischen Zusammenarbeit, „die es seit den Tagen der Sowjetunion nicht mehr gegeben hat“, so Town.

Nordkorea könnte auf diesem Wege neue Kampfflugzeuge erhalten, zudem andere konventionelle Waffen sowie Hilfe bei seinen Programmen für ballistische Raketen und Satelliten, meint Town. 

Südkoreas UN-Botschafter Hwang Joon Kook warnte außerdem kürzlich, Nordkorea habe die Ukraine zum Testlabor für seine atomar bestückbaren Raketen gemacht. Dies habe „erhebliche Auswirkungen auf die weltweite Nichtverbreitung von Kernwaffen“.

Nordkoreas Waffen könnten darum künftig noch gefragter sein als in der Vergangenheit. Traditionell liefert das Land an Rebellen und Terroristen in aller Welt. Nach Angaben des südkoreanischen Geheimdienstes setzte auch die Palästinenserorganisation Hamas im Krieg mit Israel schon nordkoreanische Waffen ein.

Ein Problem dabei waren immer die Lieferwege. Offizielle Routen sind Nordkorea durch UN-Sanktionen versperrt. Über Russland könnte Pjöngjang seine Ware nun effektiver exportieren. Nordkorea habe „wenig zu verlieren, wenn es Waffen an jeden liefert, der bereit ist zu zahlen“, warnt Town.

Bei Kim Jong Un scheint die neue Rolle zu zusätzlichem Selbstbewusstsein geführt zu haben. Das Regime erklärte Südkorea wieder zum Hauptfeind Nummer eins und spricht wieder mehr über einen möglichen Krieg.

Südkorea will einer der größten Waffenexporteure der Welt werden

Auf der anderen Seite der Grenze hat Südkorea rund 600.000 Soldaten unter weit moderneren Waffen als der kommunistische Teil der getrennten Nation. Viele Waffensysteme stammen aus eigener Produktion.

Um die finanzielle Last der permanenten Kriegsbereitschaft zu mindern und die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Rüstungskonzerne zu erhöhen, hat Südkorea den Rüstungsexport bereits vor 20 Jahren zu einer Säule der Wirtschaftsstrategie gemacht.

Die Ziele sind ehrgeizig: Bis 2027 will der konservative Präsident Yoon Suk Yeol die bisherige Batterie-, Auto- und Chip-Großmacht auch zum viertgrößten Waffenexporteur der Welt machen. Das könnte gelingen, denn mit der globalen Aufrüstung explodieren auch Südkoreas Waffenexporte.

Südkoreanische und US-amerikanische Panzer bei einem Manöver nahe der Grenze zu Nordkorea.  Foto: dpa

Im Jahr 2022 verkaufte Südkorea Rüstungsgüter im Wert von mehr als 17 Milliarden Dollar. Größter Abnehmer war Polen mit 13 Milliarden Dollar. Um seine Verteidigung gegen einen möglichen Angriff Russlands zu stärken, kaufte das Nato-Mitglied koreanische K-2-Panzer, K-9-Haubitzen, leichte Kampfflugzeuge vom Typ FA-50 und Mehrfachraketenwerfer vom Typ K-239.

2023 hat auch Saudi-Arabien ein Rüstungsgeschäft mit Südkorea abgeschlossen. In diesem Jahr rechnet die Regierung dank einer zweiten Lieferung an Polen mit Einnahmen von mehr als 20 Milliarden Dollar.

Korea-Experte Pardo erklärt: „Der Hauptgrund für Südkoreas Erfolg liegt darin, dass das Land kurzfristig eine Reihe hochwertiger Waffen liefern kann.“ Polen erhielt seine ersten Haubitzen nur fünf Monate nach Unterzeichnung des Kaufvertrags. Außerdem seien Südkoreas Waffen billiger als die Angebote aus dem Westen, so Pardo.

Waffen aus Ostasien werden zunehmend attraktiv

Südkoreas Panzerabwehrrakete AT-1K Raybolt kostet nur ein Drittel einer amerikanischen Javelin. Die K9-Haubitzen wiederum sollen die deutschen Pendants unterbieten. Dass die Waffen aus Ostasien zudem Nato-Standards erfüllen, verstärkt ihren Reiz in westlichen Staaten.

Die Regierung steht nun vor der Frage, ob sie auch an die Ukraine direkt verkaufen will. Bisher sind ihr Waffenexporte in Kriegsgebiete gesetzlich verboten. Laut dem deutschen Korea-Experten Spohr drängt Yoon allerdings auf eine aktivere globale Rolle Südkoreas.

„Yoon weiß auch, dass Waffenlieferungen in die Ukraine die Allianz Südkoreas mit den USA weiter festigen würden“, sagt Spohr. Politisch sei der Schritt aber brisant. Die Bevölkerung sei zurückhaltend. „Viele befürchten, dass Russland aus Rache Nordkorea stärker unterstützen könnte“, sagt der Experte.

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Vor den Parlamentswahlen im April rechnet Spohr daher nicht mit Bewegung. „Auch danach halte ich direkte Waffenlieferungen für unwahrscheinlich“, sagt er.

Zudem würden die Südkoreaner auch den Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen im November abwarten. Sollte Donald Trump gewinnen, könnten die amerikanischen Hilfen für die Ukraine komplett eingestellt werden. Dann wären die Bedingungen für Südkorea andere: „Niemand schließt sich gerne einer fragilen Koalition an“, erklärt Spohr.

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