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DigitalisierungWie sich die ING gegen digitale Konkurrenten rüstet

Die ING gilt in Deutschland als Online-Vorzeigebank. Doch für die Zukunft ist sie noch lange nicht digital genug, meint ING-Vorstand Ralph Müller. Mit 30 Millionen Euro will er das ändern.Yasmin Osman, Dennis Schwarz 18.03.2024 - 08:52 Uhr
Die ING Deutschland hat bislang 71 Prozent ihrer Prozesse digitalisiert. Bis Ende 2025 will sie einen Anteil von 85 Prozent erreichen. Foto: ING Deutschland

Frankfurt. Die ING Deutschland will die Hürden für eine Kreditentscheidung deutlich senken. „Wir wollen künftig mehr Kreditentscheidungen sofort treffen und zwar ohne, dass Kunden uns dazu Unterlagen einreichen müssen“, sagt der für die internen Prozesse zuständige Vorstand der Direktbank, Ralph Müller, im Gespräch mit dem Handelsblatt. Selbst für Baufinanzierungen soll das in absehbarer Zeit möglich sein.

„Bislang gibt es das für unsere Bestandskunden bereits in der Konsumentenfinanzierung“, so Müller. Die ING wolle das aber noch in diesem Jahr auch Neukunden anbieten. Auch bei Krediten für Geschäftskunden, im sogenannten Business Banking, sei eine Entscheidung ohne Einreichung von Unterlagen möglich. „Bis spätestens Ende 2025 wollen wir das auch in der Baufinanzierung einführen“, so Müller.

Banken haben viele Dienstleistungen in den vergangenen Jahren digitalisiert. Kunden sehen dennoch weiteren Nachholbedarf in den Angeboten. Müssten die Kunden ihrer Bank eine Note für das digitale Angebot geben, bekäme dieses im Schnitt nur „befriedigend“. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Branchenverbands Bitkom von Dezember des vergangenen Jahres. 

Zu der durchschnittlichen Bewertung dürfte auch die Baufinanzierung beitragen. Gerade bei privaten Baufinanzierungen, bei denen es um für Privatleute hohe Darlehenssummen geht, müssen Kundinnen und Kunden üblicherweise zahlreiche Nachweise einreichen, bevor ein Kreditinstitut ein Darlehen bewilligt. Die Branche arbeitet aber daran, die Zahl der notwendigen Unterlagen zu verringern.

Müller will etwa auf die üblichen Einkommensnachweise potenzieller Immobilienkäufer verzichten, indem er sich von Ihnen Einblick in ihre Kontobewegungen der letzten drei Monate gewähren lässt. Die Zahlungsdiensterichtlinie PSD 2 macht so ein Vorgehen möglich. Komplizierter ist die Bewertung der Immobilie.

Müllers Ziel: Die Adresse der Wunschimmobilie soll dafür künftig ausreichen. „In der Baufinanzierung können wir den Wert einer Immobilie theoretisch auch einschätzen, indem wir auf die Adresse des Objekts zurückgreifen und in Ämtern und bei öffentlichen Datenquellen zusätzliche Informationen einholen“, sagt er. Das sei allerdings kompliziert und brauche noch etwas Zeit, räumt er ein. „Aber wir sind dran und überzeugt, eine Lösung gefunden zu haben. Exposés benötigen wir dann nicht mehr.“

In der Baufinanzierung können wir den Wert einer Immobilie theoretisch auch einschätzen, indem wir auf die Adresse des Objekts zurückgreifen und in Ämtern und bei öffentlichen Datenquellen zusätzliche Informationen einholen.
Ralph Müller
ING Deutschland

Einen volldigitalisierten Baukredit halten auch andere Branchenexperten für attraktiv. „Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass Kunden einen möglichst geringen Unterlagenaufwand bei der Beantragung eines Immobiliendarlehens schätzen“, sagt Henning Ludwig, Spezialist für Baufinanzierung bei Dr. Klein in Lübeck.

Dr. Klein hat zusammen mit der Schwesterfirma Europace und zwei Bankpartnern einen Kreditprozess entwickelt, der bis zur Kreditzusage mit relativ wenigen Unterlagen auskommt. Die Bonitätsprüfung erledigen die Banken dabei ebenfalls digital, für die Sofortbewertung der Immobilie muss allerdings das Exposé eingereicht werden. Zumindest die Kreditzusage kann dann sehr schnell erfolgen. Für den endgültigen Vertrag müssen die Unterlagen dann aber doch noch eingereicht werden, wenngleich digital.

Ralph Müller ist als Chief Operating Officer für die internen Prozesse und Betriebsabläufe der ING Deutschland zuständig.  Foto: ING Deutschland

Die ING will auf Dokumente verzichten. Das hält Ludwig für ein schwer realisierbares Vorhaben, etwa wegen der dafür notwendigen Datenrecherche in deutschen Amtsstuben: „Vielerorts hinkt die Digitalisierung auf Amtsebene immer noch hinterher. Es braucht sicher noch einige Zeit, bis ein vollumfänglicher digitaler Fortschritt auch dort Einzug gehalten hat“, sagt Ludwig. „Nichtsdestotrotz ist es mit Sicherheit spannend, was künftig beim Thema ‚dokumentenlose Baufinanzierung‛ passieren wird.“

Die ING will sich mit ihrer Digitalisierungsoffensive für die wachsende Konkurrenz im Bankgeschäft rüsten. „Die Bankenbranche ist an einem kritischen Punkt. Die Kundenbedürfnisse im Onlinebanking verändern sich stark, hin zu noch mehr Einfachheit und Komfort“, sagt Müller. „Wir sehen Wettbewerber, die in anderen Ländern der Welt bereits jetzt in der Lage sind, diese Kundenbedürfnisse zu erfüllen und dadurch enorm positiven Zulauf haben“, so Müller. Das dürfte aus seiner Sicht in Deutschland in ein paar Jahren auch so sein.

Die Bankenbranche ist an einem kritischen Punkt. Die Kundenbedürfnisse im Onlinebanking verändern sich stark.
Ralph Müller
ING Deutschland

Aus seiner Sicht werden die relevanten Wettbewerber aus drei Gruppen kommen. Diese seien „etablierte Großbanken wie etwa JP Morgan, Big Techs wie Apple oder auch Google und große Fintechs beziehungsweise Neobanken wie etwa die Nubank aus Brasilien“, so Müller. 

Warnendes Beispiel Nubank

Vor allem von der Entwicklung der Nubank zeigt er sich beeindruckt: Das Unternehmen wurde erst vor zehn Jahren gegründet, ist aber mit etwa 95 Millionen Kunden und einem Marktanteil von mehr als 50 Prozent in Brasilien mittlerweile die größte Neobank der Welt. „Das ist nur durch maximal kundenzentrierte digitale Angebote möglich, denn der brasilianische Markt war schon verteilt“, sagt Müller. Einzelne Fintechs hätten in Teilsegmenten gezeigt, dass so etwas auch in Deutschland möglich sei.

Künstliche Intelligenz hat einen Katalysatoreffekt für die Finanzindustrie – vor allem für Banken.
Markus Bender
Accenture

Wie dynamisch sich das Verfolgerfeld entwickelt, zeigt die jüngste Finanzierungsrunde der britischen Neobank Monzo: Google beteiligte sich daran sowohl über einen unabhängigen Wachstumsfonds seiner Dachgesellschaft Alphabeth als auch über Google Ventures.

Markus Bender, Managing Director für den Bereich Financial Services beim Beratungsunternehmen Accenture, hält indes vor allem Großbanken für eine Gefahr: „Die größte Konkurrenz für deutsche Banken sind internationale Großbanken“, sagt er. „Wenn diese sich entscheiden, den hiesigen Markt zu betreten, haben sie einen großen Vorteil: Sie können digitale Infrastrukturen viel schneller aufbauen und haben deutlich mehr finanzielle Power.“

Müller sieht die ING zwar in einer „Pole Position für das, was ansteht“. Bislang seien Banken aber vor allem im Frontoffice, also bei der Schnittstelle zum Kunden, digital. Im Backoffice, also der nachgelagerten Bearbeitung, gebe es noch viel Nachholbedarf. „Das gilt auch für uns“, räumt Müller ein. Der Digitalisierungsgrad aller Prozesse der ING Deutschland lag Ende 2022 bei 68 Prozent und Ende 2023 bei 71 Prozent. „Bis Ende 2024 wollen wir 80 Prozent erreichen und Ende 2025 rund 85 Prozent“, so Müller.

85
Prozent
aller Prozesse sollen bei der ING Deutschland bis Ende 2025 digital ablaufen. Ende 2023 waren es erst 71 Prozent.

Denn Voraussetzung für dokumentenlose Bankgeschäfte ist aus Sicht von Müller, „dass die Prozesse vollständig digitalisiert sind“. Dabei helfen soll ein Investitionsprogramm. „Wir haben im vergangenen Jahr ein dreijähriges Programm gestartet, bei dem wir 30 Millionen Euro in die Digitalisierung im Operations-Bereich investieren“, sagt Müller.

Mit dieser Summe will Müller nicht nur die nötigen Prozesse für dokumentenfreie Kredite schaffen, sondern auch in Künstliche Intelligenz (KI) investieren, etwa in KI-gestützte Konversation. Täglich erreichen die ING in Deutschland etwa 5000 bis 8000 Kundenmails und werden von Mitarbeitern beantwortet. „Mittels künstlicher Intelligenz werden die Mails gescannt und in Themen gegliedert“, sagt Müller.

So merkt die ING schneller, ob es für Kunden besonders akute Probleme gibt. Kürzlich sei etwa beim Ausrollen einer neuen App-Version die Face-ID, also die biometrische Gesichtserkennung, nicht aktiviert gewesen. „Das Thema wurde durch die KI-Analyse direkt erkannt und wir konnten es schnell beheben. Da spielt Zeit eine wichtige Rolle“, sagt Müller.

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Accenture sieht in solchen Anwendungen Potenzial: „Künstliche Intelligenz hat einen Katalysatoreffekt für die Finanzindustrie – vor allem für Banken“, sagt Accenture-Experte Bender. Dadurch erhielten Banken einen ganz neuen Blick auf interne Prozesse, Effizienzen und Produktangebote. „Banken nutzen die Möglichkeiten der KI mitunter am wenigsten, haben aber eines der größten Potenziale.“

Erstpublikation: 15.03.2024, 15:49 Uhr.

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