Transformation: Kritiker halten das geplante Wasserstoff-Netz für überdimensioniert
Berlin. Mit dem „Wasserstoff-Kernnetz“ soll der Aufbau einer kompletten Wasserstoff-Wertschöpfungskette Fahrt aufnehmen. Doch mittlerweile werden Stimmen laut, die Zweifel an dem Projekt anmelden. Das geplante Netz sei größer als erforderlich und damit zu teuer, ist zu hören.
Zu den Kritikern gehört Benjamin Pfluger von der Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geothermie IEG: „Es spricht viel für die Annahme, dass das Wasserstoff-Kernnetz in der jetzigen Form für 2032 überdimensioniert ist“, sagt er. Pfluger hat sich im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums mit der Finanzierung des Wasserstoffnetzes befasst.
Sein Fazit: „Die Größenordnung des Wasserstoff-Transportbedarfs, für die das Kernnetz ausgelegt ist, passt im Großen und Ganzen. Aber der Transportbedarf wird erst deutlich später bestehen“, sagt er. Darum, so Pfluger, werde man es möglicherweise jahrelang mit erheblichem Leerlauf zu tun haben: „Die Infrastruktur wird lange zu schwach ausgelastet sein.“
Das sieht auch Sebastian Heinermann, Geschäftsführer der Initiative Energien Speichern (INES), so: „Für die Planung des Wasserstoffnetzes wird für das Jahr 2032 ein Bedarf angenommen, der erst für deutlich spätere Jahre zu erwarten ist“, sagt er. INES ist der Branchenverband der Gasspeicherbetreiber.
Unterstützung erhalten Pfluger und Heinermann von Ampelpolitikern. „Es ist sehr wichtig, dass die Größe des Wasserstoffnetzes genau zum Bedarf passt, um den Hochlauf zu beschleunigen. Ein überdimensioniertes Netz löst hohe Netzgebühren aus und behindert so den Wasserstoffhochlauf“, sagt etwa Michael Kruse, energiepolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion.
Investitionen von rund 20 Milliarden Euro
Das Wasserstoff-Kernnetz ist ein wichtiger Baustein für die Transformation der Industrie zur Klimaneutralität. Es umfasst eine Länge von 9700 Kilometern und soll 2032 fertiggestellt sein. Ziel ist es, große Abnahmezentren in den Industrieregionen, Einspeisepunkte an der Küste, künftige Speicher und mit Wasserstoff betriebene Kraftwerke miteinander zu verbinden.
Außerdem umfasst das Kernnetz Übergabepunkte an den Grenzen. Sie sollen den grenzüberschreitenden Wasserstoffaustausch und den Import von Wasserstoff aus anderen Weltregionen ermöglichen. Ein großer Teil des Netzes wird aus umgewidmeten Erdgasleitungen bestehen.
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hatte den finalen Entwurf für das Kernnetz nach monatelanger Abstimmung mit Netzbetreibern, potenziellen Wasserstoffabnehmern und den Bundesländern Mitte November vergangenen Jahres vorgestellt und gesagt, bei den Leitungen des Kernnetzes handele es sich um die „Bundesautobahnen“ des Wasserstoffnetzes. Das Netz sei größer dimensioniert, als der für 2030 erwartete Wasserstoffbedarf es erforderlich mache.
Aktuell wird über die Finanzierung des Netzes, das nach Angaben der Gasnetzbetreiber Investitionen von rund 20 Milliarden Euro erforderlich machen wird, verhandelt. Noch im März soll die entsprechende Regelung im Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) verankert werden. Parallel wird die Planung des Netzes vorangetrieben. Bis zum 21. Mai sollen die Netzbetreiber die entsprechenden Anträge bei der Bundesnetzagentur stellen, damit möglichst schnell mit den Baumaßnahmen begonnen werden kann.
Weniger Kraftwerke erfordern weniger Wasserstoff
Allerdings hat sich in den vergangenen Wochen gezeigt, dass die Wasserstoff-Bedarfsprognosen, die dem Ausbau des Kernnetzes zugrunde liegen, sehr volatil sind. So hatte Habeck vor wenigen Wochen Kernpunkte seiner Kraftwerksstrategie vorgestellt, die zur Überraschung vieler Akteure von einem wesentlich geringeren Kraftwerksbedarf ausgeht – zumindest bis Anfang des kommenden Jahrzehnts.
In der Strategie geht es um die sogenannten Back-up-Kraftwerke, die künftig immer dann einspringen sollen, wenn die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien nicht ausreicht, um den Bedarf zu decken. Die Kraftwerke sollen zunächst mit Erdgas betrieben werden, später mit klimaneutralem Wasserstoff.
Dass Habeck den akuten Bedarf an Back-up-Kraftwerken jetzt kleiner ansetzt als noch vor wenigen Monaten, wirkt sich auf den Wasserstoffbedarf aus. Darauf weist auch Pfluger hin: „Der Wasserstoffbedarf für den Betrieb von Back-up-Kraftwerken wird zumindest Anfang der 2030er-Jahre signifikant geringer sein als zunächst angenommen“, sagt er. Das Bundeswirtschaftsministerium gehe jetzt nur noch von zehn Gigawatt (GW) Kraftwerksleistung aus und nicht mehr von rund 25 GW, und die Umstellung auf Wasserstoff sei erst ab 2035 vorgesehen. „Das reduziert die Wasserstoffnachfrage deutlich.“
Importe sind bislang nur ein Wunsch
Zweifel meldet Pfluger auch hinsichtlich der bei der Planung unterstellten Wasserstoffimporte an: „Es ist wichtig, vielfältige und robuste Importrouten aufzumachen, um Optionen zu schaffen. Aber bei 58 GW Importkapazität im Jahr 2032 fehlt mir die Fantasie, wo dafür so schnell die Wasserstofflieferungen aus dem Ausland herkommen sollen“, sagt er. Er könne daher nur empfehlen, „die Dimensionierung des Kernnetzes bis zum 21. Mai noch einmal kritisch zu überprüfen“.
Wie kann die Transformation Deutschlands gelingen? Das große Streitgespräch
Pfluger rührt damit an einen zentralen Punkt der Debatte: Der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft basiert wesentlich auf der Annahme, dass der überwiegende Teil des Wasserstoffbedarfs in Deutschland durch Importe gedeckt wird. Konkrete Lieferbeziehungen müssen aber erst aufgebaut werden. Es bestehen erhebliche Zweifel, ob das innerhalb weniger Jahre in dem erhofften Umfang gelingen kann.
INES-Geschäftsführer Heinermann sagt, selbst wenn der Wasserstoffbedarf bis zum Jahr 2032 wie angenommen steige, könnten die Importpipelines nur zu zwölf Prozent ausgelastet sein. „Sie würden an den meisten Tagen des Jahres weitgehend leer dastehen“, warnt er. Heinermann rät dazu, die Rolle der Speicher im Wasserstoffnetz stärker zu berücksichtigen. So könne man eine Überdimensionierung der Importkapazitäten vermeiden und die Netzkosten senken.
Das Bundeswirtschaftsministerium bewertet die Forderungen, die Dimensionierung des Netzes zu überdenken, zurückhaltend. Auf Anfrage verweist das Ministerium darauf, Maßnahmen zum Bau des Kernnetzes könnten im Rahmen der turnusmäßigen Netzentwicklungsplanung ohnehin zeitlich verschoben oder sogar gekürzt werden, wenn die Prüfung der Bundesnetzagentur dies ergebe.
Dieser Aspekt ist auch aus Sicht der Betreiber der Gasfernleitungen, die das Wasserstoff-Kernnetz aufbauen wollen, entscheidend: Die Netzentwicklungsplanung beinhalte bereits Flexibilisierungsmöglichkeiten. So könnten Projekte, die nach dem 31. Dezember 2027 in Betrieb gehen, auf ihre Erforderlichkeit überprüft und in diesem Rahmen entsprechend angepasst werden, heißt es beim Verband FNB Gas, in dem die Betreiber der Gasfernleitungen zusammengeschlossen sind.