Bahnstreik: „Für die Gesamtwirtschaft irrelevant“ – Was der Bahnstreik kostet
Düsseldorf. Es ist nicht der erste Bahnstreik in der laufenden Tarifrunde. Und es wird wohl auch nicht der letzte Streik sein, glaubt man GDL-Chef Claus Weselsky. Ab Donnerstag wollen für 35 Stunden deutschlandweit Lokführer ihre Arbeit niederlegen.
Doch so groß der Ärger aktuell auch ist, Ökonomen gehen davon aus, dass der Schaden für die deutsche Volkswirtschaft sich im Rahmen hält. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) geht davon aus, dass die Kosten für einen flächendeckenden Streiktag im Zugverkehr bei etwa 100 Millionen Euro liegen. Eine Zahl, die bei den vergangenen Streiks schon häufig zitiert wurde – und von anderen Instituten kritisiert wird.
Nur: Wie berechnet man überhaupt, was ein Streiktag die Wirtschaft so kostet? Wie genau diese Zahl zustande kommt und warum die Berechnungen kritisiert werden, zeigt die folgende Analyse. Und auch, wieso künftige GDL-Streiks weitaus größeren Schaden anrichten könnten.
So berechnen Ökonomen den Schaden von Streiktagen
Die Rechnung hinter den viel zitierten 100 Millionen erklärt der IW-Ökonom Michael Grömling so: Der am einfachsten zu berechnende Schaden sei der bei der Deutschen Bahn. Der liege ungefähr bei 20 bis 30 Millionen Euro.
Der nächste Bereich sei der Privatkonsum. Der mache schätzungsweise drei Milliarden Euro pro Tag in den Wirtschaftsbereichen aus, die vom Bahnstreik betroffen seien. „Geschäfte in Bahnhöfen verkaufen weniger, Geschäftsreisen werden nicht angetreten. Wir gehen darum davon aus, dass also ungefähr ein Prozent an Konsum ersatzlos wegfällt“, erklärt Grömling.
Und dann sei da noch der dritte, am schwierigsten zu beziffernde Teil: der Effekt, den der Streik auf die Lieferketten habe. „Das Containerschiff in Rotterdam, das der Autohersteller verpasst, solche Dinge eben“, sagt Grömling. Wie sehr leiden Lieferketten darunter, wenn Einzelteile verspätet eintreffen?
Auch hier schätzt der Ökonom Grömling, dass der Schaden bei ungefähr einem Prozent von ebenfalls schätzungsweise drei Milliarden Euro liege. Macht 90 Millionen Euro. Oder großzügig gerechnet und griffiger, eben jene 100 Millionen Euro.
100 Millionen Euro – das ist am Ende nicht einmal ein Prozent des täglichen Bruttoinlandsprodukts von etwa elf Milliarden Euro.
Grömlings Kollege Sebastian Dullien geht sogar so weit zu bezweifeln, dass die Streiks überhaupt einen Effekt auf die deutsche Wirtschaftskraft haben. Der Ökonom der arbeitnehmernahen Hans-Böckler-Stiftung sagt: „Die Wirtschaft ist flexibel und kann Ausfälle ausgleichen, denn es wird ja aktuell nirgendwo am Anschlag gearbeitet.“
Schwertransporte, die während der Streiktage nicht stattfinden, würden an anderen Tagen nachgeholt. Autos, die wegen fehlender Zulieferungen am Streiktag in der Montagehalle blieben, würden dann später fertiggestellt.
Auch dass der Deutschen Bahn ein Schaden entstehe, sei für die Gesamtwirtschaft irrelevant. Das Geld für die Fahrkarten würden dann Unternehmen einsparen oder eben für Flugtickets, Bustickets oder Sprit ausgeben, erklärt Dullien.
Er sagt: „Das Ganze quasi als Dreisatz zu rechnen, das ist in dem Fall zu kurz gegriffen.“ Ihm sei überhaupt nur ein einziger Streik bekannt, der einen messbaren Effekt auf die Wirtschaft gehabt hätte. 1984 habe durch den über Monate andauernden Streik der Metallarbeiter Deutschland tatsächlich weniger Autos produziert.
Ähnlich geht es auch Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle, dem ebenfalls nur das Beispiel von 1984 einfällt. „Ja, natürlich können durch den Streik Leute Geschäftsreisen nicht antreten oder kommen vielleicht nicht an den Arbeitsplatz. Aber gesamtwirtschaftlich hat ein Streik von ein, zwei Tagen keinen dauerhaften Effekt“, sagt Holtemöller. So gesehen sorgen die aktuellen Streiks zwar für viel Unmut, aber wenig wirtschaftliche Probleme.
Der Ökonom aus Halle sieht jedoch andere mögliche Gefahren in der aktuellen Streiksituation. Ein weitaus längerer Streik könne durchaus Probleme verursachen. Wenn zum Beispiel über Wochen der Verkehr dauerhaft lahmliege, könne es sein, dass der Produktionsrückstand in manchen Industriezweigen nicht mehr aufzuholen sei.
Das größte Problem sei jedoch die Unplanbarkeit. „Solange man 48 Stunden im Voraus weiß, wann ein Streik beginnt und wie lange er dauert, können sich die meisten Betriebe darauf einstellen. Wenn aber weder Anfang noch Ende oder Ausmaß bekannt sind, dann ist es ein massives Problem“, sagt Holtemöller.
Insofern greift also die Lokführergewerkschaft GDL mit ihren geplanten Streikwellen womöglich bald zu der Form des Arbeitskampfs, die großen wirtschaftlichen Schaden anrichten kann. Und selbst Dullien von der Hans-Böckler-Stiftung sieht in der andauernden Streiksituation ein Problem. „Bisher war ein Standortvorteil von Deutschland, dass es eben nicht so viele Streiks gibt. Wenn sich das verändert, verändert das natürlich auch unsere Situation im weltweiten Wettbewerb“, sagt er.