Bundesbank: Warum sind drei Posten im Bundesbank-Vorstand nicht besetzt?
Berlin/Frankfurt. So trist war das Gruppenfoto mit dem Vorstand der Bundesbank schon lange nicht mehr: Präsident Joachim Nagel lächelt in die Kamera, links daneben Sabine Mauderer und rechts Vorstand Burkhard Balz. Sonst niemand.
Dabei besteht der Bundesbank-Vorstand regulär aus sechs Personen. Doch Nachfolger oder Nachfolgerinnen für die Vizepräsidentin Claudia Buch und die Vorstände Joachim Wuermeling und Johannes Beermann gibt es bislang nicht.
Dabei hatte Finanzminister Christian Lindner (FDP) den Bundesrat bereits im Mai 2022 schriftlich gebeten, einen Nachfolger für Beermann vorzuschlagen, er werde Ende des Jahres ausscheiden. Ein Jahr später, im August 2023, hatte Lindner obendrein die Länderkammer um einen Vorschlag für den scheidenden Vorstand Wuermeling gebeten. Dieser werde die Bundesbank Ende des Jahres verlassen.
Lindner selbst wusste, dass er jemanden für Vizepräsidentin Buch wird benennen müssen. Sie verantwortet seit Januar bei der Europäischen Zentralbank die Bankenaufsicht.
Getan hat sich bisher nichts. Innerhalb der Bundesbank herrscht darüber längst Unmut. Von „Politikversagen“ reden mehrere mit dem Thema betraute Personen. Wie konnte es so weit kommen?
Die Personalsuche dauerte zwei Jahre
Nach Lindners Briefen war es eigentlich zunächst an Hessen und dann an Nordrhein-Westfalen, je einen neuen Bundesbank-Vorstand vorzuschlagen. Die schwarz-grüne Landesregierung in Wiesbaden vermochte es aber nicht, sich auf einen Kandidaten zu einigen. Beermann ging, das hessische Landtagswahljahr 2023 begann. In seiner Not bot Hessen NRW an, zunächst die erste Vakanz zu besetzen. Hessen würde nach der Landtagswahl jemanden für die ab 2024 freie Stelle suchen.
Und Hessen? Dort regiert seit Januar die CDU mit der SPD – bis heute gibt es keinen Personalvorschlag. Der Bund wartet offenkundig ab, ob Hessen einen Mann oder eine Frau benennt. Also fehlen weiterhin zwei Namen für zwei Vakanzen. „Wir müssen das Thema vorrangig abschließen“, heißt es inzwischen in der Staatskanzlei in Wiesbaden. Die Rede ist „von einer der nächsten Bundesratssitzungen“, in denen die Landesregierung eine Person offiziell nominieren wolle.
Wann auch immer: Der quälend lange Entscheidungsprozess löst längst Kritik aus. „Wenn die Bundesbank eine von der Finanzaufsicht kontrollierte Bank wäre, wäre der Aufsichtsrat schon entlassen geworden, weil er seiner Verpflichtung zur Bestellung der Vorstände nicht nachkommt“, spottet ein Insider.
Die Vakanzen im Vorstand sind aus Sicht von Bundesbankern allein auf politische Gründe zurückzuführen – beispielsweise Uneinigkeit unter den Koalitionspartnern – und nicht auf einen Mangel an qualifizierten Kandidatinnen und Kandidaten.
Knapp 300.000 Euro im Jahr reichen nicht
Gleichwohl betonen Beteiligte, dass Vorstandsposten bei der Bundesbank für viele Banker und Wissenschaftler grundsätzlich nicht attraktiv seien. Das Gehalt einfacher Bundesbank-Vorstände lag laut Geschäftsbericht 2023 bei knapp 300.000 Euro pro Jahr und ist damit deutlich niedriger als bei anderen Geldhäusern üblich. Vorstände bei der staatlichen Förderbank KfW verdienen sogar in etwa das Doppelte, Vorstände bei größeren Privatbanken ein Vielfaches.
„Für viele Bankvorstände ist ein Job bei der Bundesbank nur interessant, wenn sie schon ausgesorgt haben und noch mal etwas für das Gemeinwohl machen wollen“, sagt ein Insider. Positiv seien zudem die hohe Reputation und der gute Apparat der Bundesbank. Deshalb hätten einige Vorstände bei ihrem Wechsel Gehaltseinbußen in Kauf genommen – beispielsweise Andreas Dombret, der 2010 von der Bank of America zur Bundesbank kam.
Im Gegensatz zu Bankern ist ein Wechsel zur Bundesbank für die meisten Politiker und Wissenschaftler hingegen durchaus lukrativ. Allerdings wirkt der Arbeitsalltag auf manche Wissenschaftler abschreckend. Bundesbank-Vorstände verbringen viel Zeit in Sitzungen, müssen zahlreiche Reden halten und viel Personal führen. „Für klassische ökonomische Forschung fehlt ihnen die Zeit“, betont ein Insider.
Ein anderer hält wenig vom Argument des Publikationseifers. Als Vorstand bleibe zwar in der Tat keine Zeit für tiefgründige, theorielastige Studien mehr. Aber das rücke für viele ab Mitte 40 typischerweise in den Hintergrund. Eher schrieben Professoren dann Kurzstudien zu latent aktuellen Themen, es gehe um Politikberatung. „Das verbietet einem Bundesbank-Vorstand niemand.“
Einer, der beide Seiten kennt, sieht die Schwierigkeit für Wissenschaftler woanders. Die reguläre Amtszeit im Vorstand dauere acht Jahre. So lange würden Wissenschaftler aber gewöhnlich nicht freigestellt. Entsprechend schwierig sei eine Rückkehr an die Uni. Auch für Akademiker kommt ein Posten nach dieser Logik allenfalls zum Abschluss ihrer Laufbahn infrage. Obendrein sei auch die Verlängerung des Vertrags unsicher: Sie hängt von den nach acht Jahren vorherrschenden Mehrheitsverhältnissen ab.
Ein letzter Job vorm Ruhestand
Oft sind Bundesbank-Vorstände deshalb bereits Mitte 50, wenn sie berufen werden. Nach acht Jahren sind sie dann nicht mehr weit entfernt vom Renteneintrittsalter. „Der Job ist für Leute ausgelegt, die danach mehr oder weniger in den Ruhestand gehen“, sagt ein Insider. Das liege auch an der Abkühlungsphase, in der Bundesbank-Vorstände nach ihrem Ausscheiden bestimmte Jobs nicht übernehmen dürfen.
Viele Bundesbanker sind der Ansicht, dass die Berufung von Vorständen durch Bundesländer und Bundesregierung grundsätzlich nicht mehr zeitgemäß ist. „Für den Präsidenten der Bundesbank ist es recht misslich, dass er selbst kaum Einfluss auf die Besetzung seines Vorstands hat“, sagt ein langjähriger Bundesbanker. „Stattdessen wird davon ausgegangen, dass die Länder und der Bund schon Leute benennen, die Generalisten sind und alles können.“
Die Experten schlagen vor, die Bundesbank solle die Stellen selbst ausschreiben, eine Vorauswahl treffen – und dem Bundestag und der Bundesregierung dann einen Vorschlag unterbreiten. Dass es tatsächlich zu einer solchen Reform kommt und die Politik das Vorschlagsrecht abgibt, glaubt in der Bundesbank allerdings niemand.
Interne Kandidaten haben kaum eine Chance
Die Hängepartie verdeutlicht noch einen anderen Makel: Fast nie schafft es jemand, der schon bei der Bundesbank arbeitet, in den Vorstand. „Das geht gar nicht“, meint einer, der nach eigener Aussage selbst mal ein hochrangiges Jobangebot der Bundesbank ausgeschlagen hat. „Zumal die Bundesbank fachlich richtig gute Leute hat.“
Eine Ausnahme ist Präsident Nagel: Er leitete einen Zentralbereich der Bundesbank, bevor er 2010 in den Vorstand berufen wurde. Wenige Wochen zuvor war der ehemalige SPD-Politiker Thilo Sarrazin unter internem und öffentlichem Druck zurückgetreten, Nagel übernahm.
So speziell die Umstände, so fragil war damals die Lage an den Finanzmärkten: Die Weltfinanzkrise wirkte nach. Der Druck war groß, zügig einen Nachfolger zu finden. Nagels Vorteil war damals wie heute nicht nur seine Fachkenntnis auf dem Gebiet der Marktoperationen – sondern auch seine Nähe zur SPD.
Der Drang, vakante Vorstandsposten schnell nachzubesetzen, ist offenkundig verflogen. Geblieben ist die Bedeutung des richtigen Parteibuchs. Für Aufgaben unterhalb des Vorstands verlange die Bundesbank Bewerbern viel ab, damit sie überhaupt in die engere Auswahl kommen, sagt ein Insider. „Für Vorstände gibt es so etwas nicht.“
Manche Beschäftigte schieben deshalb Frust. Einer, der die Bundesbank inzwischen verlassen hat, sagt: Er habe eine leitende Funktion mit der Vorstellung übernommen, eines Tages ein Kandidat für eine Beförderung nach ganz oben zu sein. Bei anderen Notenbanken sei das üblich – in der Bundesbank nicht.