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KommentarEin Zivilisationsbruch lässt sich nicht durch einen neuen unschädlich machen

Sechs Monate nach dem Hamas-Massaker zeigt sich: Netanjahu führt Israel mit seiner kollektiven Vergeltungsstrategie in die Isolation. Er gefährdet damit sein Hauptziel, Israel sicherer zu machen.Jens Münchrath 07.04.2024 - 17:25 Uhr
Benjamin Netanjahus erbarmungsloser Krieg gegen den Hamas-Terror vor allem die Gegner Israels gestärkt Foto: dpa

Ein halbes Jahr ist es her, dass die Hamas in Israel einen Zivilisationsbruch beging, 1400 israelische Zivilisten ermordete, schändete oder verschleppte – jene Terroristen, die erklärtermaßen einen palästinensischen Staat aufbauen wollen, indem sie Israel vernichten.

Das gilt es in Erinnerung zu behalten, wenn es darum geht, sich ein Bild von der katastrophalen humanitären Lage in Gaza zu machen oder gar über sie zu urteilen.

Fest steht: Ein Zivilisationsbruch lässt sich nicht durch einen neuen unschädlich machen. Und was die israelische Armee, die sich für die „moralischste der Welt“ hält, in Gaza an menschlicher Tragödie verursacht, geht längst in diese Richtung, hat längst Züge einer kollektiven Bestrafung der Palästinenser mit mehr als 30.000 Todesopfern, einem dem Boden gleichgemachten Gazastreifen und einer drohenden Hungerkatastrophe. 

Auch die Tatsache, dass das unermessliche menschliche Leid zum Kalkül der Hamas gehört, kann nicht darüber hinwegtäuschen: Die Verantwortung dafür trägt Benjamin Netanjahu, jener Premier, der Israel schon 16 Jahre lang regiert und jetzt auf dem besten Weg ist, die Solidarität der wichtigsten Partner Israels zu verspielen und das Land weltweit zu isolieren. Denn Netanjahu beitreibt keine Selbstverteidigung mehr, er übt Rache – und schadet damit den langfristigen Sicherheitsinteressen seines Landes.

US-Präsident Joe Biden hat in einem Telefonat mit Netanjahu jetzt erstmals mit harten Konsequenzen gedroht, sollte der Premier nicht Maßnahmen zum Schutz von Zivilisten einleiten. Auch Bundesaußenministerin Annalena Baerbock hatte gemahnt, Deutschland trage „eine Verantwortung für die Sicherheit Israels, aber auch für das internationale Recht“.

Israels Unterstützer zweifeln, Israels Gegner sind gestärkt

In Berlin ist man sich inzwischen klar geworden, dass die bedingungslose Unterstützung für Israel zu einem Reputationsrisiko geworden ist. Zu groß ist die weltweite Empörung über die israelische Kriegsführung, der zuletzt auch sieben internationale Helferinnen und Helfer der Organisation World Central Kitchen zum Opfer fielen.

Der Druck Bidens hat immerhin dazu geführt, dass Israel zumindest vorübergehend einen Grenzübergang im Norden für Hilfslieferungen geöffnet hat. Das was das Mindeste und überfällig. Ob der Teilrückzug israelischer Truppen aus dem Süden des Gaza auch zu den Zugeständnissen an die USA gehört oder ob er einem militärstrategischen Schwenk geschuldet ist, bleibt offen. 

» Lesen Sie auch: Ist die Hamas besiegbar?

Die Androhung ernsthafter Konsequenzen für die bilateralen Beziehungen, die Biden ausgesprochen hat, zeigt aber offenbar Wirkung – zumindest kurzfristig. Auch US-Außenminister Antony Blinken hat den Premier gewarnt, die USA würden eine grundsätzliche Änderung der Israelpolitik vornehmen, sollte er sich nicht mäßigen. Ein Vertrauensentzug Washingtons aber wäre der größte Sieg der Feinde Israels.

Ohnehin hat Netanjahus erbarmungsloser Krieg gegen den Hamas-Terror vor allem die Gegner Israels gestärkt. Das Verhältnis Israels zu den Golfstaaten, wo sich vor dem Krieg eine hoffnungsvolle Annäherung abzeichnete, ist wieder zerrüttet.

Der Iran, der im Verdacht steht, das Hamas-Massaker mindestens gebilligt, wenn nicht mitorganisiert zu haben, gilt als der strategische Sieger, sieht sich ermutigt, die Huthi im Jemen gegen den Westen zu mobilisieren, die Hisbollah im Libanon oder die Milizen in Syrien noch konsequenter zu unterstützen. 

Israels Feinde
Gegründet wurde die Hamas 1987 im Gazastreifen im Zuge der Ersten Intifada – des Palästinenser-Aufstandes gegen Israel. Hamas ist die Abkürzung für Islamische Widerstandsbewegung. Die Organisation wird unterstützt vom schiitischen Iran und teilt die islamistische Ideologie der Muslimbruderschaft, die in den 1920er Jahren im benachbarten Ägypten entstanden ist. Dort ist die Muslimbruderschaft, die auch in anderen islamischen Ländern Nachahmer fand, seit zehn Jahren verboten.

Die Hamas hat seit 2007 im Gazastreifen das Sagen. Vorausgegangen war ihr Sieg bei der palästinensischen Parlamentswahl 2006. Dem folgte ein kurzer Bürgerkrieg zwischen Anhängern der Hamas und der rivalisierenden Fatah-Bewegung, die im Westjordanland die Geschicke bestimmt und von Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas geleitet wird. Er führt auch die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO), die Dachorganisation verschiedener Palästinenser-Fraktionen. Fatah und Hamas hatten sich für 2021 auf Präsidenten- und Parlamentswahlen geeinigt. Sie wurden aber wenige Wochen davor von Abbas abgesagt. Es wurde vermutet, dass er eine Wahlschlappe befürchtete. Seither gab es keine Wahlen mehr in den Palästinenser-Gebieten.

Seit der Machtübernahme der Hamas kam es mehrfach zu gewaltsamen Konflikten mit Israel. Die Hamas weigert sich, den Staat Israel anzuerkennen. Sie widersetzte sich dem Mitte der 1990er Jahre zwischen Israel und der PLO ausgehandelten Osloer Friedensabkommen, in dem beide Seiten einander erstmals anerkannten. Allerdings scheiterten die Verhandlungen in Camp David in den USA, und mit der zweiten Intifada 2000 bis 2005 rückte eine politische Lösung in weite Ferne. Obwohl sich ihre Machtbasis im Gazastreifen befindet, hat die Hamas auch Unterstützer im Westjordanland. Ihre Anführer halten sich in etlichen Ländern im Nahen Osten auf, unter anderem in Katar.

Die Hamas-Organisation verfügt über einen bewaffneten Arm – die Iss-al-Din-al-Kassam-Brigaden (kurz: Al-Kassam-Brigaden). Sie haben zahlreiche Selbstmordanschläge in Israel verübt, die Hamas spricht hierbei von Widerstand gegen die israelische Besatzung. Die Hamas ist zudem politische Partei und betreibt ein Hilfswerk, zu dem beispielsweise Schulen gehören. Hamas ist die arabische Abkürzung für „Bewegung des islamischen Widerstandes“ und bedeutet zugleich so viel wie Kampfgeist oder Eifer.

Unter anderem von Israel, den USA, der EU und Ägypten wird die Hamas als Terror-Organisation eingestuft. Deutschland hat kurz nach dem Angriff auf Israel Hamas-Organisationen die Betätigung untersagt. Die Hamas gehört zu einer regionalen Allianz mit dem Iran, der Hisbollah im Libanon sowie Milizen in Syrien und im Irak. Dieser „Achse des Widerstandes“ haben sich auch Huthi-Rebellen im Jemen angeschlossen, die immer wieder im Roten Meer Schiffe angreifen, die nach ihrer Darstellung Verbindung zu Israel haben.
Die Hisbollah (Partei Gottes) entwickelte sich während des libanesischen Bürgerkrieges 1975 bis 1990 von einer kleinen schiitischen Gruppe zu einer einflussreichen Größe über den Libanon hinaus. Die USA, Großbritannien, Deutschland und andere Staaten stufen sie als Terror-Organisation ein. In der Bundesrepublik ist sie seit 2020 verboten.

1982 gründeten die iranischen Revolutionsgarden die Hisbollah, um ihre Islamische Revolution – der Schah wurde 1979 gestürzt – zu exportieren. Ziel war es auch, das israelische Militär zurückzudrängen, das in den Libanon eingedrungen war. Ihre Waffen behielt die Hisbollah nach Ende des Bürgerkrieges, um gegen Israel Truppen zu kämpfen, die den überwiegend schiitischen Süden besetzten. Nach einem jahrelangen Guerillakrieg zog Israel 2000 aus dem Libanon ab.

Sechs Jahre später demonstrierte die Hisbollah ihre militärische Macht in einem fünf Wochen dauernden Krieg gegen Israel. Ausgebrochen war er nach einem Eindringen von Hisbollah-Milizionären in Israel, der Entführung zweier und der Tötung weiterer israelischer Soldaten. In dem Krieg wurden 1200 Menschen im Libanon getötet, meist Zivilisten, sowie knapp 160 Israelis, überwiegend Soldaten.

Die militärische Macht der Hisbollah wuchs, als sie Syriens Präsident Baschar al-Assad im 2011 ausgebrochenen Bürgerkrieg gegen meist sunnitische Rebellen unterstützte. Heute verfügt die Schiiten-Miliz nach eigenen Angaben über Präzisionsraketen, mit denen sie alle Teile Israels treffen kann. Nasrallah erklärte 2021, die Hisbollah habe 100.000 Kämpfer. Der Iran, der sich als Schutzmacht der Schiiten begreift, unterstützt die Hisbollah mit Waffen und Geld.

Die Hisbollah unterhält enge Kontakte zur Hamas und zum Islamischen Dschihad, einer weiteren radikalen Palästinenser-Gruppe. Im Libanon mit seinen zahlreichen Religionsgemeinschaften genießt sie Unterstützung vor allem der schiitischen Bevölkerung, die sie als Verteidiger gegen Israel betrachtet. Seit 2005 tritt die Hisbollah verstärkt in der Politik auf. 2016 wurde der mit der Hisbollah verbündete christliche Politiker Michel Aoun Präsident. Zwei Jahre später erlangten die Hisbollah und ihre Verbündeten eine parlamentarische Mehrheit. Im Jahr 2022 ging diese Mehrheit verloren, aber die Organisation übt weiter großen Einfluss aus.
Der Islamische Dschihad (Islamischer Heiliger Krieg) hat seine Wurzeln wie die Hamas in der ägyptischen Muslimbruderschaft. Die Palästinenser-Gruppe wurde 1981 offiziell von Fathi Schikaki, einem Arzt, und anderen Radikalen gegründet. Sie hat in den Flüchtlingslagern im Gazastreifen und im Westjordanland Fuß gefasst. 1983 wurde sie bekannt, weil sie einen Bombenanschlag auf die US-Botschaft in der libanesischen Hauptstadt Beirut verübte, während sich dort fast der gesamte Stab des US-Geheimdienstes CIA für den Nahen Osten aufhielt. Im Laufe der Jahre haben Anhänger des Dschihads zahlreiche Selbstmordanschläge mit Sprengsätzen in Israel verübt.

Seit 2018 führt Sijad al-Nachalah die Bewegung, zu der die Kampfeinheit Dschenin-Brigaden gehört. Der Islamische Dschihad wird vom Westen als Terror-Organisation eingestuft und lehnt jeden Kompromiss mit Israel ab. Weil viele Palästinenser die Palästinensische Autonomiebehörde, die Quasi-Regierung in den Autonomiegebieten in Westjordanland und Gazastreifen, für nutzlos oder korrupt halten, haben radikale Gruppen Zulauf. Der Islamische Dschihad rekrutiert vor allem junge Menschen, die wegen des Jahrzehnte langen Konfliktes, wegen der israelischen Besatzung und zunehmenden jüdischen Siedlungen auf palästinensischem Boden keine Zukunftsperspektive sehen und zu Selbstmordattentaten bereit sind.

Ergo: Das zynische Kalkül des Hamas-Terrors scheint aufzugehen. Und Netanjahu erreicht mit seiner maßlosen Vergeltung nicht mal sein erklärtes Hauptziel, nämlich Israel sicherer zu machen.

Israels Militärs mögen die Strukturen der Hamas zerstören können, die Idee, die sie treibt, nicht. Im Gegenteil: Netanjahus Gewalt sät den Hass, der künftige Generationen radikalisiert. Eine Ideologie lässt sich nicht militärisch besiegen.

Die naive Forderung „Free Palestine“

Was also treibt den Premier? Der Verdacht liegt nahe, dass es ihm in erster Linie um Machterhalt geht. Denn solange der Krieg andauert, droht ihm keine Abrechnung für das Sicherheitsversagen seiner Regierung vom 7. Oktober.

Solange Krieg herrscht, kann er auch die Rufe nach Neuwahlen abwehren. Deshalb inszeniert er sich als unbeugsamer Kriegsführer, der Israels Sicherheitsinteressen nicht nur gegen die Feinde, sondern auch gegen die Verbündeten verteidigt.

Kristallisationspunkt dieses Kriegs könnte Rafah werden, die Stadt im Süden Gazas, wohin mehr als eine Million Palästinenser geflohen sind. Netanjahu sagt, der „totale Sieg“ über die Hamas sei ohne eine Militäroperation dort nicht möglich.

Biden sagt, damit überschritte Netanjahu endgültig eine rote Linie. Tatsächlich könnte eine solche Operation mit weiteren unzähligen zivilen Todesopfern ein Wendepunkt für die Haltung des Westens sein.

Israelis tragen bei einer Demonstration ein Plakat mit dem blutigen Gesicht des Premierministers. Foto: AP

Die Solidarität, die Israel nach dem 7. Oktober mit gutem Recht erfuhr und die hierzulande wegen der Verbrechen der Nazis zur Staatsraison überhöht wird, ist eben doch nicht grenzenlos. Sie findet ihre Grenzen dort, wo Israels Militärs selbst das Völkerrecht missachten. Dort, wo Kriegsziele und die Mittel zur Erreichung dieser Ziele in keinem Verhältnis mehr stehen.

Die Solidarität gilt andererseits immer noch uneingeschränkt dort, wo Israel sich mit allen Mitteln, die der Rechtsstaat zulässt, gegen antisemitische Islamisten zur Wehr setzt, die ihm sein Existenzrecht als Staat absprechen.

Biden hat in einem für amerikanische Verhältnisse seltenen selbstkritischen Moment den Israelis geraten, nicht die Fehler zu wiederholen, die sein Land nach den Anschlägen vom 11. September 2001 beging: sich nämlich von Zorn und Rache leiten zu lassen. 

Netanjahu hat diesen Rat ignoriert. Und er macht es mit seiner Brutalität und Eskalationsbereitschaft, die sich in Bombenangriffen auf die iranische Botschaft in Syrien manifestieren, auch all jenen leicht, die immer schon antisemitische Züge in sich trugen.

Dazu gehören übrigens oft auch jene Kreise, die nicht selten etwas naiv „Free Palestine“ skandieren und die Verbrechen der Hamas in ihren Manifesten allenfalls in Fußnoten erwähnen. Was schon allein deshalb etwas schräg anmutet, weil die derzeit dominanten Kräfte Palästinas eher an fundamentalistische Mullahs im Iran erinnern denn an freiheitlich demokratische Gesellschaften.

Das größte Hindernis zu einer  Lösung dieses jahrzehntealten, vielleicht komplexesten Konflikts der Weltpolitik, ist der ständige Versuch der Agierenden vor Ort und Beobachtenden festzulegen, wer Täter und wer Opfer ist. Die Suche nach absoluter Gerechtigkeit aber wird der Komplexität dieses historisch und religiös aufgeladenen Konflikts nicht gerecht. Sie führt geradewegs in die Gewaltspirale. 

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Es wird keinen Frieden im Nahen Osten geben, ohne eine politische Lösung, die erstens das Existenzrecht Israels sowie die Sicherheit seiner Bürger garantiert und zweitens die grundlegenden Rechte der Palästinenser, einschließlich ihres Rechts auf politische Selbstbestimmung sichert.

Das ist die Voraussetzung für die viel zitierte Zweistaatenlösung, die Netanjahu und seine radikalen Koalitionspartner mit allen Mitteln verhindern wollen. Tatsächlich sind die Konfliktparteien von dieser Lösung, die die Weltgemeinschaft seit Jahrzehnten mehr oder weniger einhellig fordert, weiter entfernt denn je. Zumindest in diesem Sinne hat der israelische Premier ganze Arbeit geleistet. 

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