Kriegswirtschaft: Russische Unternehmen sollen Nintendo und Co. ersetzen
Moskau. Das Gaming-Café liegt im Keller eines tristen Moskauer Betonbaus, in den Gängen riecht es nach Shisha-Rauch. Die Räume sind fensterlos, erhellt fast nur vom Licht der vielen Bildschirme. Auf einem besonders großen Monitor ist ein Boxring zu erkennen, in dem ein heftiger Schlagabtausch stattfindet. Zwei Besucher sitzen auf der Couch gegenüber, sie halten die Schalthebel in ihren Händen.
Videospiele sind beliebt in Russland, Gaming-Cafés wie dieses bleiben oft Tag und Nacht geöffnet. Schon 2001 erklärte Russland „Cybersport“ als erstes Land der Welt zur offiziellen Sportart.
Doch seit dem Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 gibt es Probleme: Große internationale Unternehmen im Gamingbereich verließen das Land, allen voran Playstation-Hersteller Sony, Xbox-Hersteller Microsoft und Switch-Produzent Nintendo. Sie stellten den Hard- und Softwareverkauf für Spiele ein, die Onlineshops waren für Nutzerinnen und Nutzer aus Russland nicht mehr zugänglich. Deshalb dürfte es viele Spiele und Konsolen dort offiziell gar nicht mehr geben.
Viele Russen behelfen sich seither mit Parallelimporten, virtuellen Zugängen in Drittländern und Raubkopien westlicher Spiele. Doch Präsident Wladimir Putin wittert nun offenbar eine Chance – und will legale Alternativen schaffen.
Russischen Medienberichten zufolge beauftragte er die Regierung schon Ende Januar damit, einen Plan zur Entwicklung eigener russischer Konsolen vorzustellen. Dieser solle sich mit der „Produktion von stationären und tragbaren Spielekonsolen“ sowie der Schaffung eines passenden Betriebssystems und einer Cloud befassen.
Doch in Russland gibt es Zweifel daran, dass dieser Plan aufgeht. Die Zeitung „Kommersant“, die als eine der ersten über den Auftrag berichtete, zitierte Marktteilnehmer, denen zufolge Russland bis zu zehn Jahre bräuchte, um ein vergleichbares Produkt auf den Markt zu bringen.
Denn für Russland sind die Microchips, die es für die Entwicklung bräuchte, wegen der Sanktionen mittlerweile schwerer zu erhalten als zuvor. Und auch an IT-Fachkräften mangelt es: Seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine und der Mobilmachung im September 2022 haben viele hochqualifizierte Kräfte der Branche das Land verlassen.
Auch Juri, 22, der in dem Moskauer Gaming-Café arbeitet, hat keine große Hoffnung, dass eine russische Playstation das Original ablösen könnte. Sein Vater sei Computer-Ingenieur, er selbst spiele schon sein ganzes Leben lang, sagt er. „Ich glaube einfach nicht daran, dass wir so etwas Komplexes hier entwickeln können“, sagt Juri. „Wir bauen ja auch russische Autos, trotzdem fahren die Leute weiterhin Mercedes.“
Um trotz der Rückzüge westlicher Unternehmen alle Spiele anbieten zu können, nutze man über verschlungene Wege eine türkische Lizenz, erklären seine Kollegen. Einer Erhebung des irischen Unternehmens Allcorrect Games zufolge ist auch der virtuelle Umweg über Kasachstan beliebt.
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Laut der Russischen Vereinigung für elektronische Kommunikation (RAEC) verzeichnete der Online-Spielemarkt 2022 im Vergleich zu 2021 einen Rückgang um 80 Prozent. Allcorrect nennt den Rückzug der westlichen Unternehmen und den Umzug russischer Studios ins Ausland als Gründe. Auch Probleme bei der Zahlungsabwicklung – Visa- und Mastercard haben Russland verlassen – hätten dazu beigetragen. Nun sei der Markt schwerer einzuschätzen, es sei „schwierig, das Volumen von Parallelimporten akkurat zu beziffern“, so der Bericht.
Die Beliebtheit hingegen lässt sich ermitteln: Konsolenspiele liegen in Russland mit geschätzten 18,3 Millionen Nutzern nur auf Platz drei der nationalen Beliebtheitsskala, hinter Handyspielen mit 65,2 Millionen Nutzern und PC-Spielen mit 41,1 Millionen Nutzern, wie die Experten im Bericht schätzen.
Warum Putin dennoch Wert auf ein russisches Pendant zur Konsole legt? Sebastian Hoppe, Russlandexperte von der Freien Universität Berlin, sieht darin einen Versuch, die heimische Wirtschaft zu stärken und Innovation zu fördern. „Wir sehen das in vielen Bereichen: Die internationalen Unternehmen gehen raus, also entstehen Lücken für heimische Unternehmen“, sagt Hoppe. Dass man diese staatlich unterstütze, sei nicht ungewöhnlich. „Der Markt ist ziemlich groß, es gibt viele Nutzer, doch eine Besonderheit in Russland ist, dass offenbar nur etwa die Hälfte der Menschen auch bereit ist, fürs Spielen Geld auszugeben“, meint er.
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Er geht davon aus, dass Putins Vorschlag nicht nur wirtschaftlich motiviert ist: „Wahrscheinlich sieht er außerdem die Möglichkeit, indirekt sogenannte traditionelle Werte und eine großrussische Weltsicht zu vermitteln.“ Zuletzt hatte das Einwirken des Staates auf die Gamingszene in Russland Schlagzeilen gemacht, als Verbote westlicher Spiele wegen angeblicher Propaganda von LGBTQ-Inhalten diskutiert wurde. Auch hatte ein russisches Gericht das US-Streamingportal Twitch zu einer Geldstrafe verurteilt. Der Vorwurf: Verbreitung von Falschinformationen zum Ukrainekrieg.
Schon seit Jahren ist dem Kreml außerdem die sogenannte „digitale Souveränität“, die Unabhängigkeit im digitalen Raum, wichtig. Die Spieleszene selbst sei dafür laut Russlandexperte Hoppe zwar nicht entscheidend. „Aber die Möglichkeit, eigene Narrative und Erzählungen anzubieten, schon.“ Auch an anderen Stellen betont die Führung des Landes immer wieder, dass man in Sachen Technologie und Fortschritt nicht auf den Westen angewiesen sei.
Laut „Kommersant“ könnte der Staat das Technologieunternehmen VK mit der Umsetzung des Projekts beauftragen. Die Produktion könnte denselben Quellen zufolge die GS-Gruppe übernehmen, ein russischer Entwickler von Fernseh-Empfangsanlagen. Bis zur Vorstellung des Plans hat Ministerpräsident Mischustin noch Zeit, die Frist läuft am 15. Juni ab. Zumindest die Betreiber des Moskauer Gaming-Cafés sind optimistisch: „Aus Chaos wird irgendwie Ordnung entstehen“, steht in Neonbuchstaben an der Wand.