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AutobrancheManagerschreck-Gewerkschaft UAW zieht in erstes deutsches Südstaatenwerk ein

Die „United Auto Workers“ gelten als kämpferische Truppe. Nun ziehen sie in das VW-Werk in Tennessee ein. Automanager fürchten einen Dammbruch im bisher gewerkschaftsfreien Süden.Felix Holtermann 20.04.2024 - 09:51 Uhr
Erstmals vertritt die UAW damit Arbeiter bei einem ausländischen Autobauer in den südlichen Bundesstaaten. Foto: George Walker IV/AP

New York. Es ist ein Signal – für Volkswagen, aber auch für alle ausländischen Autohersteller in den USA: Die Arbeiter im VW-Stammwerk in Chattanooga, Tennessee, haben sich am Freitag mit großer Mehrheit für eine Vertretung durch die Gewerkschaft UAW entschieden.

Fast drei Viertel der Abstimmenden (73 Prozent) votierten für eine Gewerkschaftsvertretung. Insgesamt nahmen 84 Prozent der 4300 stimmberechtigten Beschäftigten teil. Künftig wird VW sich bei Gehaltsverhandlungen, Einstellungen und anderen Themen also mit der Gewerkschaft im Werk einigen müssen.

Die „United Auto Workers“ gelten als besonders kämpferische Arbeitnehmervertretung. Bisher war sie fast ausschließlich im Norden der USA vertreten, insbesondere rund um die alte Autometropole Detroit. Das könnte sich nun ändern. Denn für die UAW ist der Sieg in Chattanooga nur der Auftakt: Die Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter wollen auch in den anderen ausländischen Autowerken in den Südstaaten eine Mitbestimmung einführen.

„Das ist ein äußerst wichtiges Signal. Wir bauen Macht und Schwung auf und lassen nicht länger zu, dass die Konzerne die Arbeitnehmer unter Druck setzen“, sagte UAW-Sprecherin Jessie Kelly am Freitagabend dem Handelsblatt. „Wenn wir bei Volkswagen gewinnen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis wir auch bei anderen Autoherstellern siegen. Ich sehe nicht, was uns noch davon abhalten könnte, alle Autoarbeiter gewerkschaftlich zu organisieren. Wir sind kampfbereit.“

Zurückhaltend kommuniziert VW. „Die Beschäftigten haben sich für eine gewerkschaftliche Vertretung in ihrem Betrieb ausgesprochen“, teilte der Konzern in der Nacht zu Samstag mit. Man danke „für die Teilnahme an dieser Wahl“. Noch stehe die finale Bestätigung der Auszählung aus.

Klarere Worte findet ein Spitzenmanager von VW Nordamerika. „Volkswagen bekommt als erster nicht-amerikanischer Autohersteller eine Gewerkschaftsvertretung im Süden. Damit ist das Eis gebrochen. Nun bleibt abzuwarten, ob es auch zu einem Dammbruch kommt.“ Es komme immer auf die Verhältnisse im einzelnen Werk an, sagte der Manager dem Handelsblatt. Aber klar sei: „Die Stimmung hat sich gedreht. Früher wollten Arbeiter im Süden keine Gewerkschaft im Werk. Jetzt hat die UAW geliefert.“

Renditeziele unter Druck

Beobachter erwarten deutliche Folgen für die Branche nach dem Votum. So dürfte das Gehaltsniveau in den US-Werken von Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz signifikant steigen, was die internen Renditeziele gefährden könnte.

„Die UAW hat Geschichte geschrieben“, urteilt die langjährige Detroit-Korrespondentin der „New York Times“, Micheline Maynard, in einem Blogbeitrag. Vor vier Jahrzehnten seien die ausländischen Autohersteller auch deshalb in die Südstaaten gegangen, um Gewerkschaftsvertretungen zu entgehen. Damit sei Schluss.

Volkswagen-ID.4 am Fließband in Chattanooga. Foto: Volkswagen AG

Ebenfalls misst Branchenkenner Christian Koenig der Entscheidung große Bedeutung zu: „Der Durchbruch ist auch deshalb so bemerkenswert, weil es der UAW gelungen ist, sich gegen den erheblichen Widerstand des Arbeitgeberlagers und der Südstaaten-Gouverneure durchzusetzen“, sagt er. Der Autoexperte hat für Porsche in Nordamerika gearbeitet und berät von Washington aus heute zahlreiche Hersteller.

„Bei den großen Streiks in Detroit im Herbst letzten Jahres konnte die UAW historische Lohnzuwächse durchsetzen", sagt Koenig. Sie habe weite Teile der nicht-gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmerschaft mobilisiert. „Nun hat sie in Tennessee die Gunst der Stunde genutzt und im dritten Anlauf den Durchbruch bei VW geschafft. Jetzt richten sich alle Augen auf das Mercedes-Werk in Alabama.“ Dort hat die UAW bereits angefangen, die Mitarbeiter zu mobilisieren.

Die UAW habe eine Petition bei der Aufsichtsbehörde National Labor Relations Board (NLRB) eingereicht, um die exklusive Verhandlungsvertretung für Beschäftigte bei Mercedes-Benz zu übernehmen, erklärte eine Mercedes-Sprecherin auf Anfrage. „Die Mercedes-Benz Group erkennt das Recht der Beschäftigten auf Bildung von Arbeitnehmervertretungen an.“ Man werde die Entscheidung der Beschäftigten akzeptieren. Die Abstimmung wird für Mai erwartet.

Erfolg mit Vorgeschichte

Das Votum bei VW ist ein Durchbruch für die UAW, deren Mitgliederzahl  seit den 1970er-Jahren um etwa drei Viertel auf weniger als 400.000 gesunken ist. Der neue UAW-Präsident Shawn Fain ist bei der umstrittenen Gewerkschaft mit dem Versprechen angetreten, die lange grassierende Korruption und Vetternwirtschaft in der UAW auszumerzen.

Im Herbst gelang ihm bei den Verhandlungen mit den „Großen Drei“ Ford, GM und Stellantis in Detroit ein wichtiger Sieg: eine Lohnerhöhung von 25 Prozent über viereinhalb Jahre inklusive eines jährlichen Inflationsausgleichs. Es war das erste deutliche Gehaltsplus seit Langem für die Autoarbeiter. In der Folge entschlossen sich auch die deutschen Hersteller im Süden, ihren Beschäftigten mehr zu bezahlen – ein Schritt, der aus Sicht von Beobachtern das Image der Gewerkschaft bei den dortigen Beschäftigten eher verbessert haben dürfte.

US-Präsident Joe Biden hatte der Gewerkschaft wiederholt den Rücken gestärkt. Er beglückwünschte in einer Erklärung die Arbeiter in Chattanooga und tadelte mehrere republikanische Gouverneure für den Versuch, die Stimmung zu beeinflussen.

Vor wenigen Tagen hatten die Gouverneure von Tennessee, Alabama, Georgia, Mississippi, South Carolina und Texas eine Erklärung veröffentlicht, in der sie die UAW als Jobkiller anprangerten. „Wir wollen gut bezahlte Arbeitsplätze erhalten und den amerikanischen Automobilsektor hier weiter ausbauen“, schrieben sie. Eine erfolgreiche gewerkschaftliche Organisierung werde das Wachstum stoppen. Auf Internetseiten mit unklarem Hintergrund wurden die Arbeitnehmer dazu aufgefordert, gegen eine gewerkschaftliche Vertretung zu stimmen.

Einschließlich Überstunden und Prämien verdienen viele Beschäftigte nach Angaben von VW in Chattanooga ein Jahreseinkommen von 70.000 Dollar.

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VW-Konzern-Betriebsratschefin Daniela Cavallo gratulierte der UAW nach der Wahl am Freitag. „Ich freue mich riesig für die Belegschaft in Chattanooga. Mit ihrer Wahl hat sie ein Stück US-amerikanischer Gewerkschaftsgeschichte geschrieben." Mitbestimmung sei „kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit für nachhaltige Unternehmensführung“.

Zuletzt hatten sich in den USA unter anderem Beschäftigte bei Starbucks und Amazon für die Bildung von Arbeitnehmervertretungen ausgesprochen.

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