Kapitalmarkt: Japan erlebt eine versteckte Schuldenkrise
Tokio, Frankfurt. Es ist eine Zeitenwende für Japan: Am 22. Mai stieg der Zinssatz für zehnjährige Staatsanleihen (JGBs) zum ersten Mal seit elf Jahren auf ein Prozent und hält sich seitdem auf diesem Niveau.
Das allein ist schon etwas Besonderes, denn die japanische Notenbank hatte den Zinssatz für langfristige Anleihen von 2016 bis 2022 bei null Prozent belassen. Dieser Anstieg könnte nach Meinung von Experten für Turbulenzen an den globalen Kapitalmärkten sorgen.
Als Auslöser für den Zinsanstieg gilt, dass der größte Besitzer japanischer Staatsanleihen, die Bank of Japan (BoJ), weniger Bonds am Markt kauft als üblich. Martin Schulz, Ökonom beim Technologiekonzern Fujitsu, sieht darin eine Reaktion auf den wachsenden Druck auf die japanische Notenbank, den Verfall des Yens zu bremsen.
Selbst mit massiven Interventionen am Devisenmarkt konnte die Zentralbank den Wertverlust der Währung bislang nicht stoppen. Ende Mai bestätigten Daten des japanischen Finanzministeriums den Verdacht der Investoren. Die Behörden Japans hatten zweimal massiv am Devisenmarkt eingegriffen, um zu verhindern, dass der Yen noch weiter fällt, nachdem er am 29. April mit 160,25 je Dollar auf den tiefsten Stand seit 34 Jahren gesackt war.
Die Interventionen hatten ein Volumen von insgesamt knapp zehn Billionen Yen oder umgerechnet über 60 Milliarden Dollar. Seit Januar hat die japanische Währung rund zehn Prozent gegenüber dem Dollar verloren. Aktuell liegt der Kurs bei etwa 155 Yen.
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„Die im internationalen Vergleich niedrigen Zinsen in Japan haben zu einer anhaltenden Schwäche des Yens geführt“, erläutert Schulz. Er hält es für realistisch, dass die Zinsen für zehnjährige JGBs bis 2025 auf zwei Prozent steigen könnten, wenn die Wirtschaft wieder solide wachsen sollte. Die Experten rätseln jetzt, wie die geldpolitische Wende weitergehen kann und welche Konsequenzen sie über Japan hinaus haben wird.
Japan spielt eine Sonderrolle unter den großen Industriestaaten. Das Land hat nach einer großen Aktien- und Immobilienblase in den 80er-Jahren lange Zeit unter niedrigem Wachstum und einem Trend zur Deflation, also fallenden Preisen gelitten.
Die Notenbank hat mit extrem lockerer Geldpolitik entgegengesteuert, die Regierung mit Ausgaben auf Pump, die die Staatsverschuldung auf rund 250 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) hochgetrieben haben. Über die Hälfte der Staatsschulden hat die Notenbank gekauft. Jetzt deutet sich eine Normalisierung an – doch die geht nicht ohne Verwerfungen ab.
Torsten Slok, Chefökonom der US-Beteiligungsgesellschaft Apollo, warnt vor möglichen Konsequenzen für den weltweiten Kapitalmarkt, weil die Japaner bisher gern ausländische Anleihen gekauft haben. Das Land hält insgesamt US-Staatsanleihen im Wert von 1,2 Billionen Dollar.
Die etwas höheren Zinsen auf dem Heimatmarkt werden laut Slok die japanische Nachfrage nach US-Papieren aber „dämpfen“, und das vor dem Hintergrund einer rasch steigenden US-Staatsverschuldung, die die Regierung in Washington immer abhängiger von ausländischen Investoren macht.
Umgekehrt glaubt die US-Fondsgesellschaft Blackrock, dass Japan künftig eine „größere Rolle“ in den Portfolios großer Investoren spielen wird. Sollten sich diese Prognosen bewahrheiten, könnte es zu deutlichen Verschiebungen auf den internationalen Märkten kommen. Wie stark, hängt auch davon ab, wann die US-Notenbank (Fed) die Zinsen senkt. Die Erwartungen, dass dies bald geschieht, sind zuletzt gesunken.
Japans geldpolitisches Dilemma
Robin Brooks, Chefökonom der internationalen Großbanken-Organisation IIF in Washington, hat noch eine andere Problematik im Blick: Er glaubt, dass die BoJ die Zinsen noch viel stärker anheben müsste, um den Verfall des Yens zu stoppen. Weil die Regierung so stark verschuldet ist, könne sich das Land aber keine höheren Zinsen leisten.
„Japan erlebt eine versteckte Schuldenkrise, die sich statt am Anleihemarkt am Devisenmarkt zeigt“, folgert er daher im Gespräch mit dem Handelsblatt. Und warnt: „Die Europäer sollten sich die Entwicklung in Japan genau anschauen.“ Brooks wirft der Europäischen Zentralbank (EZB) schon lange vor, zu viele italienische Staatsanleihen zu kaufen und damit die Staatsschulden des Landes von rund 140 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung zu finanzieren. Wenn diese Entwicklung so weitergeht, riskiert der Euro-Raum seiner Meinung nach auch künftig eine kaum zu bremsende Schwächung der eigenen Währung.
Bislang haben japanische Aktien vom tiefen Fall des Yens profitiert. Denn je schwächer die japanische Landeswährung wird, desto stärker wirken sich die Auslandsgewinne bei der Umrechnung auf die Bilanzen der japanischen Exportkonzerne aus. Die große Frage für Anleger ist nun, ob in Japan steigende Zinsen die Yen-Schwäche und damit die Rekordjagd am Aktienmarkt beenden könnten.
Japans Leitindex, der Nikkei 225, hatte im Frühjahr angetrieben von der Yen-Schwäche seinen bisherigen Höchststand aus der Zeit der Spekulationsblase Ende der 1980er-Jahre übertroffen. Ausländische Anleger stehen damit vor einem Dilemma. Sollten Skeptiker wie Brooks recht behalten und der Yen schwach bleiben, dürfte das die Aktien weiter stützen, aber zu Währungsverlusten führen. Wenn es dagegen gelingt, die Währung zu stabilisieren, entfällt damit ein wichtiger Treiber des Aktienmarkts in Tokio.
Sho Nakazawa, Stratege von Morgan Stanley MUFG, sieht Japans Aktien aber weiter im Aufwind, auch dank der höheren Inflation. Durch den Preisschub wächst das bis 2022 stagnierende nominelle Bruttoinlandsprodukt plötzlich stark an. Für Nakazawa ist das eine gute Nachricht: „Höheres nominelles Wachstum könnte einen guten Einfluss auf Vermögenspreise haben.“
Als andere mögliche Kurstreiber wirken die Reformen der Unternehmensführung, mit denen viele Unternehmen zum Wohle ihrer Aktionäre ihre Gewinne, Dividenden und Aktienrückkäufe erhöhen wollen.
Ökonom Schulz hält zudem das Risiko einer Baisse in Japan für gering. „Wenn sich die Konjunktur in Europa und China in Zukunft verbessert, könnten die Exportkonzerne dort wieder stärker profitieren“, sagt er. „Ich rechne daher nicht damit, dass die Aktienkurse wegen steigender Zinsen einbrechen werden.“
Grundlage für diese Hoffnung ist auch die Aussicht, dass die steigenden Zinsen die Wirtschaft in Japan nicht allzu sehr bremsen werden. Denn der Realzins, also der Zins abzüglich der Inflation, ist in Japan immer noch negativ. Das verbilligt die Kreditaufnahme von Unternehmen weiterhin. Gleichzeitig wird der Immobilienmarkt von der Entwicklung der zehnjährigen JGBs nicht so stark betroffen.
Weil inzwischen 80 Prozent der Hypotheken mit flexiblen Zinssätzen laufen, sind dort die Zinsen für kurzfristige Anleihen ausschlaggebend. Eine Serie rascher Zinserhöhungen in dieser JGB-Klasse gilt jedoch als unwahrscheinlich, da Japans Wirtschaft derzeit noch nicht wächst und der Konsum unter dem Vor-Pandemie-Niveau liegt. Alles in allem dürfte die Binnenwirkung der geldpolitischen Wende sich also in Grenzen halten.
Erstpublikation: 04.06.2024, 17:16 Uhr.