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Immanuel KantWas Kant zur Wirtschaft zu sagen hat

Gegen den puren Markt, aber für ordentliche Haushaltsführung: Der große Aufklärer, vor 300 Jahren geboren, hatte einen nüchternen Blick auf Kaufleute und die Welt der Geschäfte.Frank Wiebe 16.06.2024 - 14:42 Uhr
Schiffe ankern in der russischen Ostsee-Exklave Kaliningrad, der Stadt, die früher Königsberg hieß und Kants Heimatstadt war. Foto: dpa

Frankfurt. Immanuel Kant, der berühmteste deutsche Philosoph, gilt als einer der großen Aufklärer der Geschichte. Er wollte den Menschen aus „seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“, aus der Abhängigkeit von unreflektierten Traditionen und Denkmustern, befreien. Er gilt als Wegbereiter des Begriffs der Menschenwürde, die nach dem Zweiten Weltkrieg und den Verbrechen der Nazizeit zum Kern der neuen deutschen Verfassung, des Grundgesetzes, wurde, das gerade 75 Jahre alt geworden ist. Und der Philosoph ist bis heute, im „Kant-Jahr“ 300 Jahre nach seiner Geburt, immer noch für kluge Zitate zu gebrauchen; und als Anreiz, über den Tag hinaus zu denken.

Aber Kant und die Wirtschaft? Aufklärung und schnödes Streben nach Geld und materiellem Reichtum? Passt das zusammen?

In der Tat hat Kant diesem Bereich keines seiner Werke speziell gewidmet. Aber er war in der heimatlichen Hafenstadt Königsberg mit britischen Kaufleuten befreundet. Er kannte das Werk des Schotten Adam Smith, der mit „Die Wohlfahrt der Nationen“ als Begründer der modernen Volkswirtschaftslehre gilt und zugleich mit der „Theorie der ethischen Gefühle“ ein herausragender Philosoph war, dessen Ethik bis heute auch als Alternative zu der Kants gelesen werden kann.

Wichtig aber vor allem: Kant, der zugleich ein Konstrukteur beeindruckender Gedankengebäude wie auch ein sehr nüchterner Denker war, hat über sein breit angelegtes Werk verstreut immer wieder Gedanken zu wirtschaftlichen Themen geäußert.

Achim Brosch, der als Mitarbeiter der Deutschen Börse über viel praktische Erfahrung in der Finanzbranche verfügt, hat sich die Mühe gemacht, diese unsystematisch verstreuten Hinweise des großen Systematikers zu sammeln und in eine Ordnung zu bringen. Sein neues Buch „Haus, Markt, Staat: Ökonomie in Kants praktischer Philosophie und Anthropologie“ ist als Doktorarbeit bei dem renommierten Frankfurter Philosophen und Kant-Experten Marcus Willaschek entstanden.

Einführung in das Denken Kants

Brosch erhebt explizit nicht den Anspruch, eine Wirtschaftsphilosophie Kants zu rekonstruieren, aber genau in diese Richtung geht seine Arbeit eben schon. Nebenbei ist sie auch eine Einführung in das Denken des großen Aufklärers anhand von Beispielen mit wirtschaftlichem Bezug und damit von großem Wert für alle, die Kant nicht nur als Zitatgeber gebrauchen, sondern sich seinem Denken wirklich nähern wollen.

Haus Markt, Staat: Ökonomie in Kants praktischer Philosophie und Anthropologie
Achim Brosch
De Gruyter GmBH, 2024,
340 Seiten,
109,95 Euro

Außerdem gibt es Einblicke in die ökonomische Literatur des 18. Jahrhunderts. Insgesamt ist es ein Buch, das vom Leser einige Geduld verlangt, aber über seinen Wert als wissenschaftliches Grundlagenwerk hinaus auch philosophischen Laien einen Zugang zu Kant ermöglicht. Eine Rezension des Werks kann nur einzelne Schlaglichter auf die Materie werfen.

Der Titel des 360 Seiten starken Buchs spricht drei Begriffe an, die grundlegende Bedeutung für den Bereich der Wirtschaft haben. Das „Haus“, altgriechisch Oikos, hat der Ökonomie den Namen gegeben und war auch in der Antike schon ein philosophisches Thema.

Gemeint ist damit die Wirtschaft innerhalb eines Gutshofs, einer großen Hauswirtschaft oder aus heutiger Sicht vielleicht eines Unternehmens. Die beiden Begriffe „Staat“ und „Markt“, ihr Gegensatz und Zusammenspiel, geben bis heute Anlass zu ökonomischem und politischem Streit.

Kant lässt sich allerdings nur schwer politisch vereinnahmen. Weil „Freiheit“ einer seiner Leitbegriffe war und „Eigentum“ für ihn notwendiger Bestandteil eines „bürgerlichen“, eines geordneten Zustands, lässt er sich kaum allzu weit links im politischen Spektrum verorten: „Eine reine Staatswirtschaft wäre für Kant zu despotisch“, heißt es bei Brosch. 

Weil er zugleich dem Staat wichtige Funktionen gerade zum Erhalt des bürgerlichen Zustands zubilligt, ist er ebenso weit von libertärer Ideologie entfernt. Außerdem, schreibt Brosch, ist er im Zweifel auch für die „Armenfürsorge“ zuständig, „rein marktliberale Lesarten“ seiner Philosophie seien daher ausgeschlossen, er sei „kein dogmatischer Marktoptimist“.

„Weil wir keine Bestien sind“

Kant fordert, wie Brosch zitiert, sehr deutlich, „hülflose Arme“ zu unterstützen. Warum? „Weil wir keine Bestien sind“, lautet seine prägnante Begründung; ein Satz für die Ewigkeit, der andeutet, dass wir uns als Menschen schuldig sind, menschlich zu handeln, und damit auf den Kern der Philosophie des großen Aufklärers verweist.

Brosch unterschlägt auch Schattenseiten in Kants Werk nicht. Foto: imago images/imagebroker

Zugleich mahnt Kant aber auch, sich nicht durch hohe Verschuldung in Abhängigkeit zu begeben, „Selbstständigkeit“ gehört für ihn zur Freiheit dazu. In dem Zusammenhang hat Kant, wie Brosch minutiös nachzeichnet, auch Unterscheidungen zu der Frage getroffen, wer denn selbstständig und damit auch politisch in vollem Umfang als Bürger zu werten ist.

Abhängigkeit als Hausdiener stellt er zum Beispiel Handwerkern gegenüber, die ihre Fähigkeit eigenständig am Markt anbieten können, womit der Markt gewissermaßen auch eine philosophische Qualität bekommt.

Brosch ging es bei seiner Arbeit, die er bescheiden als „in vielerlei Hinsicht nur eine Ideenskizze“ bezeichnet, zunächst darum nachzuweisen, dass Kant zu wirtschaftlichen Themen Substanzielles beizutragen hat; das war in der Forschung zuvor offenbar umstritten, kann aber jetzt wohl kaum noch übersehen werden.

Der Autor selbst benennt als Kernthese seiner Arbeit: „Ökonomie ist bei Kant eine prinzipiell notwendige, in der Ausgestaltung aber empirisch offene Voraussetzung für moralisches Handeln in Staat und Gesellschaft.“

Dabei „bestimmt der Primat der Moralität die Grenzen ihrer Handlungsempfehlungen“. Hier deutet sich an, dass eine rigorose Moralität und eine nüchterne Analyse zusammenkommen müssen, damit Menschen die Freiheit, die sie sich selbst schuldig und gegenseitig schuldig sind, auch tatsächlich leben können. Dabei legt sich der Philosoph gerade nicht auf bestimmte ökonomische Strukturen fest.

Wer sich auf Kant einlässt, diese Warnung kann man nicht ersparen, muss bereit sein, sehr feine Differenzierungen, auf den ersten Blick vielleicht Haarspaltereien, nachzuvollziehen. So beschäftigt sich der Philosoph mit dem „klugen Kaufmann“ und unterscheidet in dem Zusammenhang, ob der nur „pflichtmäßig“ oder „aus Pflicht“ handelt.

Anders gesagt: Ethisches Verhalten wäre nur, wenn er sich aus Überzeugung und nicht nur aus „Klugheit“, modern gesprochen aus Sorge um sein Image, fair verhält. Was zunächst etwas akademisch erscheint, dürfte aber vielen in der Wirtschaft Tätigen durchaus schon untergekommen sein: dass Geschäftspartner nur so lange fair bleiben, wie es ihnen nützt. Bei Kant, das zeigt dieses Beispiel, passen sehr grundsätzliche Überlegungen und lebensnahe Beobachtungen doch sehr gut zusammen.

Antisemitische Vorurteile

Brosch unterschlägt auch Schattenseiten in Kants Werk nicht. Dass der Philosoph der Aufklärung Juden besondere „List und Verschlagenheit“ unterstellt, nennt Brosch „zweifellos antisemitisch“. Als „klar rassistisch“ wertet er auch Kants abfällige Bemerkungen über außereuropäische Bevölkerungen. Immerhin geißelte Kant den Sklavenhandel als „Verletzung des Menschenrechts“ und kritisierte auch den Kolonialismus.

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Kants klischeehafte Ausführungen über die zweitrangige Rolle der Frau sind laut Brosch „bereits für seine Zeit einseitig und lassen sich nicht allein aus historisch bedingten Voreingenommenheiten erklären“. Hier bestätigt sich: Peinliche Vorurteile und großartige Gedanken können nebeneinander bestehen.

Das Werk ist bei De Gruyter im Rahmen der renommierten Serie „Kantstudien-Ergänzungshefte“ erschienen und, wie in der wissenschaftlichen Publizistik leider eher die Regel, mit einem Preis von 109 Euro kein Schnäppchen.

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