Tourismus: Reisekonzern FTI muss Insolvenz beantragen
Düsseldorf, Frankfurt. Europas drittgrößter Reisekonzern FTI ist pleite. Die Obergesellschaft FTI Touristik GmbH habe am Montag beim Amtsgericht München einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt, teilte das Unternehmen mit. „Derzeit wird mit Hochdruck daran gearbeitet, dass die bereits angetretenen Reisen auch planmäßig beendet werden können.“
Reisen, die noch nicht begonnen haben, können voraussichtlich vom morgigen Dienstag an nicht mehr oder nur in wenigen Fällen angetreten werden. Das Gericht ordnete am Montagnachmittag vorläufige Insolvenzverwaltung an. Damit solle das Schuldnervermögen vor nachteiligen Veränderungen geschützt werden
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Von der Insolvenz unmittelbar betroffen ist den Angaben zufolge zunächst nur die Veranstaltermarke FTI Touristik. In der Folge würden aber auch für weitere Konzerngesellschaften entsprechende Anträge gestellt, erklärte das Unternehmen.
Zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellte das Gericht Axel Bierbach aus der Kanzlei Müller-Heydenreich Bierbach & Kollegen. Das Handelsblatt hatte darüber zuvor berichtet.
Bierbach kümmerte sich ab 2021 schon um die Großinsolvenz des Billigstromanbieters BEV. Erst vor einigen Monaten hat er auch ein anderes öffentlichkeitswirksames Mandat erhalten: Ihn beschäftigt seither die Pleite des Sportfachhändlers Sportscheck.
FTI-Insolvenz: Bund lehnte weitere Hilfen ab
Über die sich zuspitzenden Probleme bei FTI hatte das Handelsblatt bereits am Samstag berichtet. So hatten noch am Wochenende Manager des Unternehmens in Berlin mit Vertretern des Bundesfinanzministeriums und des Bundeswirtschaftsministeriums intensiv um eine weitere kurzfristige Unterstützung gerungen. Der Bund war dem Konzern schon während der Coronapandemie mit rund 600 Millionen Euro zur Seite gesprungen.
Nun lehnte der Staat aber weitere Hilfen ab. Die Bundesregierung hat nach Angaben des Finanz- und Wirtschaftsministeriums keine Chance mehr gesehen, eine Insolvenz von FTI durch einen erneuten Zuschuss des Bundes abzuwehren. „Es gibt unterschiedliche Gründe, haushälterische, rechtliche und wirtschaftliche Gründe, weshalb hier keine weiteren Hilfen über die sehr vielen großen Hilfen hinaus erfolgten“, sagte eine Sprecherin des Finanzministeriums am Montag.
Von den schon gewährten Hilfen hat FTI bis jetzt nur eine mittlere zweistellige Millionensumme zurückgezahlt. Laut dem Wirtschaftsministerium ist der Großteil des Geldes wohl verloren. „Es muss davon ausgegangen werden, dass nur geringe Rückflüsse aus den offenen Forderungen zu erwarten sind“, erklärte ein Sprecher.
Erst vor wenigen Wochen sah es noch so aus, als ob FTI gerettet werden könne. Mitte April gab das Unternehmen bekannt, dass ein Konsortium um den US-Investor Certares die Gruppe für einen Euro vollständig übernehmen und 125 Millionen Euro frisches Kapital zur Verfügung stellen werde.
Anfang Mai teilte FTI dann mit, dass Certares auch die Finanzverbindlichkeiten übernehmen werde. Allerdings soll der Investor nun nicht bereit gewesen sein, eine akute Finanzlücke zu schließen. Certares habe gar einen vollständigen Rückzieher von seinem angekündigten Engagement insgesamt gemacht, als der Bund weitere Hilfen ebenso abgelehnt habe wie eine Absicherung des Einstiegs von Certares, heißt es aus Regierungskreisen.
Wie viel Geld FTI konkret benötigt hat, ist nicht bekannt. Am Wochenende war die Rede von einer mittleren zweistelligen Millionensumme. Regierungskreise dementierten nun, dass es sich am Ende nur um einen solchen Betrag gehandelt habe, den der Bund hätte aufbringen müssen. Demnach soll vielmehr wöchentlich ein zweistelliger Millionenbetrag gefehlt haben.
Bei FTI soll es erst in der vergangenen Woche eine Krisenschalte per Video beim Tochterunternehmen Meeting Point International gegeben haben, wie das Handelsblatt aus Branchenkreisen erfuhr. Darin sei die Rede von 200 Millionen Euro gewesen, die benötigt würden, um den Sommer zu überbrücken.
Auch vom bisherigen Mehrheitseigner, der ägyptischen Milliardärsfamilie Sawiris, kam offensichtlich kein Geld mehr. Sie war 2014 bei FTI eingestiegen und hatte 2020 die Mehrheit übernommen.
Zu FTI mit Sitz in München gehören unter anderem die Marken:
- 5vorFlug
- Flugbörse
- BigXtra
- und Sonnenklar TV.
Das Unternehmen ist vor allem für Pauschalreisen in beliebte Regionen wie Ägypten und die Türkei bekannt und beschäftigt nach eigenen Angaben 11.000 Mitarbeiter. Im Geschäftsjahr 2022/23 kam FTI auf einen Umsatz von 4,1 Milliarden Euro.
In der Branche ist FTI seit Langem auch wegen seiner Preispolitik umstritten. Das seit Jahren klamme Unternehmen expandierte lange Zeit vor allem deshalb stark, weil es auf sehr knapp kalkulierte Urlaubsangebote setzte, die am Ende kaum noch Gewinne abwarfen.
Am Freitagabend hatte FTI-Sprecherin Angela Winter auf Anfrage des Handelsblatts noch mitgeteilt, ihr sei von einem bevorstehenden Insolvenzantrag nichts bekannt.
Am Montagmorgen konnten Vertriebspartner des Unternehmens über die FTI-Systeme dann plötzlich keine Buchungen mehr tätigen. FTI begründete dies mit einer technischen Störung.
FTI-Pleite: Bewährungsprobe für Reisesicherungsfonds
Die Insolvenz ist nach der Pleite von Thomas Cook im Herbst 2019 die zweite große Insolvenz eines Reiseveranstalters auf dem deutschen Markt und die erste große Bewährungsprobe für den Deutschen Reisesicherungsfonds DRSF. Er war nach der Pleite von Thomas Cook und deren Töchtern wie Neckermann und Öger Tours gegründet worden. Damals reichte die Haftungsgrenze der Versicherer in Höhe von 110 Millionen Euro nicht aus. Viele Tausend Kunden blieben auf ihren Forderungen sitzen, der Staat musste einspringen.
Mittlerweile zahlen die großen Reiseveranstalter ein Prozent des Reisepreises an den DRSF. Der übernimmt dann nicht nur die Rückzahlungen, er organisiert auch mögliche Rückholaktionen und kümmert sich um die Reisenden.
Nach jüngsten Angaben verfügt der DRSF über mehr als 750 Millionen Euro plus Kreditlinien. FTI selbst hat laut dem letzten publizierten Konzernabschluss bis Ende Oktober 2022 eine „umsatzabhängige Sicherheitsleistung“ beim DRSF in Höhe von 161,3 Millionen Euro hinterlegt. Zu einem großen Teil wurde das über ein Nachrangdarlehen des Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) in Höhe von 118 Millionen Euro finanziert.
Dominoeffekt in der Branche befürchtet
Schon jetzt ist klar, dass die Insolvenz von FTI die Branche kurz vor dem Beginn der Hauptreisezeit an ihre Grenzen bringen wird. Viele FTI-Partnerunternehmen – Hotels beispielsweise – werden die bisher von FTI gebuchten Zimmerkontingente wieder freigeben und eine neue Verwendung suchen.
Das wird nicht einfach, denn Wettbewerber von FTI werden um die Konditionen feilschen. „Wenn jemand üblicherweise bessere Konditionen hat, wird er wohl kaum die Zimmer zu den FTI-Bedingungen übernehmen“, ist in der Branche zu hören. Die Insolvenz löse einen großen Dominoeffekt aus.
In der Reisebranche warten nun alle, wie der Reisesicherungsfonds weiter vorgeht. Man werde Unterstützung anbieten, etwa bei der Rückholung von Urlaubern, heißt es. Aber man warte auf Anfragen des Fonds. Die Situation ist äußerst komplex, wie das Beispiel Lufthansa zeigt. Auf der einen Seite dürfte der für FTI offenbar geplante Schuldenschnitt durch die Hintertür auf Kritik gestoßen sein. Demnach war angedacht, dass der Bund seine Forderungen mit hohen Abschlägen an US-Gesellschaften verkauft, die Certares nahestehen.
Die Lufthansa hat im Gegensatz zu FTI ihre Hilfen, die sie während der Coronapandemie vom Staat erhielt, inklusive Zinsen längst getilgt. Bei Staatshilfen müsse gleiches Recht für alle gelten, ist aus dem Umfeld des Unternehmens zu hören.
Auf der anderen Seite ist FTI für die Fluggesellschaften der Lufthansa-Gruppe ein wichtiger Kunde, etwa für die Tochter Eurowings oder die Ferienfluggesellschaft Discover. Beide sind stark auf das Privatreisesegment fokussiert und füllen ihre Jets zum Teil mit Kunden von Reiseveranstaltern. Das lässt vermuten, dass man sich mit Kritik am geplanten FTI-Deal eher zurückgehalten hat. Lufthansa wollte sich dazu auf Anfrage nicht äußern.
FTI-Insolvenz: Bis zu 65.000 Urlauber im Ausland
Urlaubern, die von der FTI-Insolvenz betroffen sind, hat das Auswärtige Amt unterdessen bereits Unterstützung zugesagt. Ein Sprecher teilte mit, das Amt stehe über seinen Krisenstab im engen Austausch mit dem Deutschen Reiseverband und dem DRSF, um sich ein genaues Bild über die Lage zu verschaffen. Die deutsche Reiseindustrie und der Reiseversicherungsfonds würden sich um die Rückholung und Unterstützung der betroffenen Touristinnen und Touristen kümmern.
Der Krisenstab komme bereits am Nachmittag zusammen und erörtere die nächsten Schritte. Wie das Handelsblatt aus Branchenkreisen erfuhr, sollen bis zu 65.000 Urlauber betroffen sein, die aus dem Ausland zurückgeholt werden müssen.
Zumindest aufseiten der Reisebüros gibt man sich ob der Pleite von FTI recht entspannt. „Ich schätze, dass 75 Prozent der Reisebüros zuletzt schon sehr zurückhaltend beim Verkauf von Reisen mit FTI waren“, sagt Marija Linnhoff. Die Vorsitzende des Verbands unabhängiger selbstständiger Reisebüros (VUSR) vertritt die Interessen von 7000 Reisebüros, teils über Kooperationen. Seit Monaten hätte das Gros der Büros FTI-Reisen nur noch auf ausdrücklichen Wunsch verkauft, so Linnhoff. Sie hatte von FTI schon länger gefordert, mehr Klarheit über die eigene Zukunftsfähigkeit zu schaffen.
Womöglich könnte aber an anderer Stelle noch Ärger auf die Büros zukommen. So scheint es möglich, dass der Insolvenzverwalter prüfen könnte, Provisionen für verkaufte Reisen mit FTI zurückzufordern.