Morning Briefing Plus: Back to School
Liebe Leserinnen und Leser,
das Handelsblatt lädt regelmäßig prominente Köpfe aus Politik und Wirtschaft zur Blattkritik ein. Dafür treffen wir uns freitags in großer Runde in unserem Konferenzraum und sprechen mit unseren Gästen über das aktuelle Programm. Ich mag diese Termine so sehr, weil wir dabei immer wertvolles Feedback oder gute Impulse für neue Recherchen bekommen.
Vor einigen Monaten war die Vorständin eines Dax-Konzerns zu Gast. Ihr Feedback war, dass sie es sehr schätze, wie tief das Handelsblatt in viele Unternehmen schaue (auch wenn das nicht immer angenehm sei). Was ihr aber fehle sei, ein anderer Blick hinter die Kulissen. Sie wünschte sich, dass wir nicht nur beschreiben, was die Unternehmen tun, sondern auch, wie die Führungskräfte dabei vorgehen.
Dieses Feedback haben wir uns zu Herzen genommen. Wir haben in den vergangenen Monaten nicht nur unsere Berichterstattung über Management-Themen ausgebaut. Wir testen nun ein völlig neues Format: Die Handelsblatt Management Summer School, die meine Kolleginnen Julia Beil und Kirsten Ludowig zusammen entwickelt haben.
Für die Summer School haben sich Reporterinnen und Reporter unserer Redaktion so intensiv wie nie zuvor mit dem Thema Leadership beschäftigt. Und das Ergebnis werden Sie in den nächsten drei Wochen auf all unseren Kanälen finden: Wir analysieren große Transformationsprojekte, sprechen in Podcasts mit CEOs über ihre Führungsprinzipien, lassen Aufsichtsräte und Business-Coaches zu Wort kommen und bieten unseren Leserinnen und Lesern Video-Talks mit Professorinnen und Professoren zu aktuellen Management-Themen.
Zum Auftakt beschäftigt sich Julia Beil in einer großen Titelgeschichte mit der Frage, warum Transformationen so oft scheitern. Das liegt, man muss es leider so sagen, häufig auch an den Führungskräften selbst. Aus Angst vor Fehlern entscheiden sie nämlich mitunter gar nichts mehr. Oder sie entscheiden und kommunizieren dann nicht. Was mir aus dem Text besonders in Erinnerung geblieben ist: Laut einer Studie des Nürnberg Instituts für Marktentscheidungen sind Topführungskräfte bezogen auf Innovationen sogar ängstlicher als Durchschnittsbürger.
Einer der ziemlich mutig entscheidet, ist Bayer-CEO Bill Anderson. Ich würde sogar sagen, dass er gerade das interessanteste und auch radikalste Transformationsprojekt der deutschen Wirtschaft leitet. Anderson will die Bürokratie in dem angeschlagenen Konzern zurückdrängen, schafft dafür zig Führungsebenen ab und feuert Tausende Bayerianer – die meisten davon sind übrigens Führungskräfte.
Die verbleibenden Leute sollen in viel größeren, flexibleren Teams zusammenarbeiten, sie sollen viel autonomer entscheiden als früher, sich selbst Ziele setzen und sich am Ende gegenseitig bewerten. Es ist ist ein historisch einmaliges Experiment in einem Dax-Konzern. Deshalb gibt es nicht wenige, die fürchten, dass am Ende nichts als ein episches Chaos bleibt.
Der Amerikaner Anderson weiß aber durchaus, was er tut, denn er hat seine Schocktherapie auch schon in anderen Konzernen durchgezogen. Wie er dabei vorgeht, was für ihn gute Führungskräfte auszeichnet – und warum er kaum noch Skateboard fährt, das habe ich mit ihm in einem Live-Podcast bei unserer Veranstaltung Work in Progress diskutiert.
Zwei Aussagen sind mir dabei besonders in Erinnerung geblieben: Anderson sagt, er erinnere seine Leute immer wieder daran, dass er nicht derjenige sei, der die Dinge am besten wisse. „Ich gebe Input“, sagt er seinen Leuten. „Aber ihr müsst dann entscheiden, ob meine Ideen nützlich sind oder nicht. Ich erwarte nicht, dass ihr tut, was ich sage. Ich erwarte, dass ihr das Richtige tut.“
Und: In Deutschland und Europa gebe es diesen Drang, alles genau zu reglementieren, bevor man überhaupt loslege: „Das behindert nur den Fortschritt und die mit diesen Technologien verbundenen Chancen."
Den Podcast finden Sie hier und wenn Sie nicht so viel Zeit haben, finden Sie hier eine Kurzversion des Gesprächs.
Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:
1. Fassungslos verfolgten Abermillionen Menschen das erste TV-Duell zwischen US-Präsident Joe Biden und seinem Kontrahenten Donald Trump. Ein amtierender Präsident, der zunehmend überfordert, fahrig, ja senil wirkt. Ein Herausforderer, der eine Charakterschwäche aufweist und es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. „Das ist das triste Bild, das die Führungsmacht des freien Westens abgibt", kommentiert Meinungschef Jens Münchrath. „Die Demokraten werden sich die Frage stellen müssen, was das geringere Übel ist: an Biden festzuhalten oder ihn jetzt noch, so knapp vor der Wahl, zu ersetzen." „Game over“, sagt ein langjähriger Wahlkampfberater der Demokraten dem US-Sender CNBC.
2. Schon seit Tagen sammelt Trump immer mehr Unterstützer – das dürfte sich nun beschleunigen. „Trump wäre am besten für die US-Wirtschaft", sagte die Investorin Cathie Wood diese Woche. Im großen Handelsblatt-Check haben meine Kolleginnen Katharina Kort und Annett Meiritz Trumps ziemlich radikale Wirtschaftspläne analysiert – und beschreiben, was sie für Europa bedeuten würden.
3. Die von Emmanuel Macron angeordneten Neuwahlen zur Nationalversammlung haben Frankreich erschüttert. Der rechtsnationale Rassemblement National (RN) unter Marine Le Pen könnte nun erstmals die stärkste Kraft werden. Aber was würde das eigentlich bedeuten? Für Frankreich? Vor allem aber für Europa? Unser Paris-Korrespondent Gregor Waschinski analysiert die Lage – und verfolgt die Wahl für Sie das gesamte Wochenende.
4. Nach dem erfolgreichen Besuch von Wirtschaftsminister Robert Habeck in Peking wagt Bundeskanzler Olaf Scholz einen Schlichtungsversuch im Handelsstreit zwischen der EU und China. Scholz schlägt vor, einheitliche Zölle von 15 Prozent auf Autoimporte aus beiden Regionen zu erheben, um den Konflikt zu entschärfen. In der EU kommt das derweil gar nicht gut an, dort stuft man die Idee als untauglich ein. Alles, was Sie zu dieser exklusiven Recherche unserer Büros in Berlin und Brüssel wissen müssen, lesen Sie hier.
5. Für die Autoindustrie ist das besorgniserregend: Die europäische Batterieindustrie gerät ins Stocken. Hersteller stoppen den Aufbau von Zellfabriken oder stornieren wegen Qualitätsproblemen Bestellungen bei europäischen Herstellern – und wechseln zu asiatischen Anbietern. All das wirft die europäische Batterieindustrie zurück – und schafft immer neue Abhängigkeiten, analysiert unser Auto-Team.
6. Der VW-Konzern leitet einen drastischen Kurswechsel ein. Bis zu fünf Milliarden Dollar will der Konzern in ein Joint Venture mit dem US-Elektroauto-Start-up Rivian stecken, und ordnet damit seine Softwareaktivitäten neu, um in dem Feld endlich mithalten zu können. Damit ist der Ursprungsgedanke des VW-eigenen Softwareunternehmens Cariad tot. „Und das ist gut so", kommentiert VW-Reporter Lazar Backovic.
7. Manchmal habe ich das Gefühl, dass über KI zwar viel gesprochen wird. Es fehlen vielfach aber die konkreten Anwendungsfälle. Hier hat Roche unserem Reporter Jakob Blume einen interessanten Einblick gegeben und erklärt, wie der Pharmakonzern die Medikamentenentwicklung mithilfe von KI drastisch beschleunigen kann. Die Forschungschefin von Roches Biotech-Tochter Genentech, Aviv Regev, verantwortet in dem Konzern alle KI-Initiativen. Ihr erstes Fazit: KI könnte die Entwicklungszeit von Medikamenten um mindestens 18 Monate verkürzen. Von rund neun auf unter acht Jahre.
8. Es ist dieser ganz alte Traum: Eine App, die alle wichtigen Dinge vereint, von Kommunikation übers Einkaufen bis zum Banking... In China ist das mit Wechat längst Realität, doch WhatsApp tut sich damit bislang schwer. Das soll sich nun ändern. Auf der „Meta Conversations“ in São Paulo hat Facebook-Gründer Mark Zuckerberg die Vision vorgestellt, WhatsApp zur zentralen Plattform für alle digitalen Nutzerbedürfnisse zu machen. Mein Kollege Felix Holtermann war dabei und beschreibt in einem spannenden Report, was technologisch auf uns zukommen könnte. Merken Sie etwas? Immer öfter kopieren nicht Chinesen die westliche Technik – westliche Technologiekonzerne orientieren sich immer öfter an China.
9. Wahrscheinlich wissen Sie es längst: Der nächste Lifestyle-Hype bei Gesundheitsfanatikern dreht sich um den Blutzucker. Es gibt Glucose Influencerinnen bei Instagram mit Millionen Followern. Und immer mehr (völlig gesunde) Menschen tragen einen Blutzuckersensor am Arm. Aus ganz unterschiedlichen Gründen, die einen hoffen auf bessere Haut, die andern auf besseren Schlaf, wieder andere wollen leistungsfähiger werden. Mein Kollege Thorsten Firlus wollte wissen, was es mit alledem auf sich hat, rammte sich auch so einen Sensor an den Arm. Heraus kam ein höchst lesenswerter Selbstversuch, der alle interessieren wird, die am Wochenende gern mal über ihre Gesundheit, Bewegung – und, nennen wir es beim Namen: Blutzucker-Spikes – nachdenken.
Ihnen ein schönes Wochenende,
Herzlichst
Ihr
Sebastian Matthes