Wall Street: US-Großbanken könnten laut Stresstest schweren Konjunktureinbruch meistern
New York. Die Großbanken in den USA könnten nach den Ergebnissen des jüngsten Stresstests auch einen schweren Wirtschaftseinbruch überstehen. In einem Krisenszenario der Federal Reserve (Fed), das unter anderem einen sprunghaften Anstieg der Arbeitslosenquote und starke Turbulenzen an den Börsen vorsieht, kamen die 31 getesteten Institute im Schnitt immer noch auf eine Kapitalquote (CET 1) von 9,9 Prozent. Das teilte die US-Notenbank am Mittwoch nach Börsenschluss mit. Die geforderte Mindestkapitalquote lag bei 4,5 Prozent.
Die Banken verbuchten in dem hypothetischen Szenario insgesamt jedoch höhere Verluste als ein Jahr zuvor. Das liegt unter anderem an den deutlich gestiegenen Kreditkartenschulden der Amerikaner.
Die Ergebnisse des jährlichen Belastungschecks bestimmen unter anderem, in welchem Umfang die Institute Aktienrückkäufe anschieben und Dividenden an ihre Aktionäre ausschütten können. Details dazu können die Banken am Freitag nach Börsenschluss bekannt geben.
„Die diesjährigen Ergebnisse zeigen, dass große Banken in unserem Stressszenario insgesamt fast 685 Milliarden Dollar an hypothetischen Verlusten hinnehmen müssten und dennoch über deutlich mehr Kapital als die Mindestanforderungen verfügen“, sagte Michael Barr, der stellvertretende Vorsitzende der Fed, der dort die Bankenregulierung verantwortet. „Das ist eine gute Nachricht und unterstreicht den Nutzen des zusätzlichen Kapitals, das die Banken in den vergangenen Jahren aufgebaut haben.“
Konkret stellte die Fed fest, dass das Niveau des hochwertigen Kapitals im Krisenfall bei den Banken auf 9,9 Prozent sinken würde. Das ist mehr als das Doppelte des aufsichtsrechtlichen Mindestniveaus. Die Anforderungen waren in etwa die gleichen wie beim Stresstest im Jahr zuvor.
Diskussion um schärfere Kapitalvorschriften
So testet die Notenbank, ob die Banken auch dann noch Kredite an Haushalte und Unternehmen vergeben können, wenn die Gewerbeimmobilien um 40 Prozent und die Häuserpreise um 36 Prozent einbrechen, die Aktienkurse 55 Prozent verlieren und die Arbeitslosenquote auf zehn Prozent steigt.
In diesem Szenario wiesen die weltweit größten Banken allesamt Kapitalquoten auf, die deutlich über den Mindestanforderungen lagen. JP Morgan hatte mit 12,5 Prozent die höchste und Wells Fargo mit 8,1 Prozent die niedrigste Quote. Die US-Tochter der Deutschen Bank, die in der Vergangenheit mehrmals durchgefallen war, kam im Negativszenario auf eine Kapitalquote von 14,5 Prozent. Die Fed hat die Tests schon vor Jahren gelockert, sodass Banken nun nicht mehr durchfallen können.
Die soliden Ergebnisse fachen die Diskussion um schärfere internationale Kapitalvorschriften neu an, im Fachjargon Basel III oder Basel IV genannt. Die US-Bankenbranche sieht die Stresstests als Beweis dafür, dass die Institute solide sind, und kritisierte die Bemühungen der Fed und anderer Regulierungsbehörden, die Kapitalanforderungen für Großbanken zu erhöhen.
„Die anhaltende Stärke und Widerstandsfähigkeit der Bankenwelt ist ein weiterer Beweis dafür, dass der jüngste Tsunami neuer Regulierungen, einschließlich der vorgeschlagenen höheren Kapitalstandards, nicht gerechtfertigt ist“, stellte Rob Nichols, Chef des Branchenverbands American Bankers Association, klar.
Die Fed hatte ursprünglich angekündigt, die Kapitalvorschriften noch einmal deutlich verschärfen zu wollen, ist damit jedoch bei den Großbanken auf massiven Widerstand gestoßen. Notenbankchef Jerome Powell hat nun in Aussicht gestellt, die Regeln noch einmal aufzuweichen.
Fed-Gouverneurin Michelle Bowman forderte am Mittwoch vor der Veröffentlichung der Stresstest-Ergebnisse, dass die Regeln deutlich geändert werden müssten. Die Diskussion in den USA führte bereits zu Verzögerungen. Daher haben Europas Banken nun ein Jahr mehr Zeit bekommen, um sich auf strengere Vorschriften für Handelsgeschäfte einzustellen.
Mit Agenturmaterial