
Wochenende: Mehr Lob für das, was wir nicht getan haben!
Liebe Leserin, lieber Leser,
ich habe festgestellt: Ich werde zu selten gelobt. Ich habe mich zum Beispiel dagegen entschieden, Ihnen einen pseudo-metamäßigen Text über die große Kunst des Verlierens oder Ähnliches zum Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft zu schreiben. Ich war nie in irgendwelche Cum-Ex-Geschäfte verwickelt. Ich habe mir nicht mal mit 18 ein Arschgeweih stechen lassen, obwohl viele andere, die ich toll fand, eines hatten. Hat deshalb der Bundespräsident angerufen? Oder wird mir zumindest regelmäßig auf die Schulter geklopft? Natürlich nicht.
Das finde ich unfair. Denn an anderer Stelle beobachte ich derzeit, wie exzessiv Menschen für Dinge gelobt werden, die sie nicht getan haben.
Neulich musste ich beispielsweise kurzfristig einen lang geplanten Wochenendtermin absagen. Ich habe mich mit dieser Entscheidung sehr schwergetan, der Termin war mir wichtig. Dementsprechend ewig habe ich mich vor der Absage gedrückt.
Aus meiner Sicht wären die folgenden Reaktionen auf meinen Ausstieg angemessen gewesen: Genervtheit, Enttäuschung, vielleicht auch Wut. Stattdessen bekam ich: Lob. Lob dafür, dass ich „Nein“ sage. Es fielen Formulierungen wie „Self-Care“ und „auch mal an sich denken“. Das war kurzfristig sehr nett und sicher besser, als am Telefon angeschrien zu werden. Mittelfristig grübele ich nun allerdings darüber, was es für mein weiteres Leben bedeutet.
Wenn „mal an sich denken“ und Neins derartige Euphorie-Ausbrüche verursachen – sollte ich das nicht vielleicht noch viel öfter tun? Ich könnte dem Kollegen Sven Prange zum Beispiel sagen, dass ich diesen Newsletter doch nicht mehr schreibe, weil ich einfach mal Me-Time brauche. Meinem Chef mitteilen, dass ich lieber Eiskunstläuferin werden möchte, anstatt eine KI-Strategie zu entwickeln. Meine Kinder nicht mehr vom Kindergarten abholen, weil ich Nein sage zur Betreuungssituation in Deutschland. Dafür erwarte ich dann exzessives Lob.
Aber hoffen Sie jetzt nicht auf Lob von mir, wenn Sie Nein zu diesem Newsletter sagen und unseren zehn folgenden Leseempfehlungen. Ich muss da einfach mal an mich denken.
Ihre Charlotte Haunhorst
Das Teleshopping ist zurück! Aber warum?
Teleshopping war für mich lange etwas aus der Zeit Gefallenes. Kein Business, in das ich persönlich jetzt investieren würde. Bis ich hörte, dass Teleshopping in China boomt und auch westliche Unternehmen wieder auf diesem Markt experimentieren. Wie gut, dass der Kollege Jan Lutz der Frage nachgegangen ist, was da dran ist.

Florence Gaub über die Nato: „Ich glaube, wir sind wiederbelebt worden“
Florence Gaub ist aktuell der Popstar unter den Militärstrateginnen und -strategen. Vielleicht, weil die Forschungschefin der Nato-Akademie es schafft, hochkomplexe Militärthemen so zu erzählen, dass man ihr folgen kann. So auch im Interview mit den Kollegen Jens Münchrath und Sven Prange. Dort verrät Gaub sehr klar, was ihr an Donald Trump Sorgen bereitet und was nicht, warum der Ukrainekrieg nicht so bald enden wird und wie sie zur Wiedereinführung einer Wehrpflicht in Deutschland steht.
Ein Plädoyer dafür, Verantwortung zu übernehmen
Wenn Sie mich nach meiner Meinung zu unserer stellvertretenden Chefredakteurin Kirsten Ludowig fragen würden, kann ich Ihnen sagen: Sie ist fantastisch. Weil sie verstanden hat, dass Leadership als Führungskraft kein Hobby sein sollte, sondern Hauptaufgabe. Diese Woche schreibt Kirsten darüber, wie man wieder Freude an Führung finden kann. Der Text erscheint im Rahmen unserer Management Summer School, die Kirsten und unsere Karriere-Chefin Julia Beil federführend entwickelt haben. Auch diese lege ich Ihnen ans Herz.

Was wurde eigentlich aus Alete?
Als ich ein Kind war, war Alete das „Deonym“ für Babybrei. Okay, das mit dem Deonym habe ich mir jetzt ergoogelt, es bedeutet so viel wie wenn ein Markenname zum Synonym für ein Gesamtprodukt steht. Sie wussten das sicher. Dann verschwand die Marke vom Markt. Seit einiger Zeit ist Alete wieder unter dem Namen „Alete bewusst“ in den dm- und Rossmann-Regalen anzutreffen. So richtig bewusst scheint es allerdings nicht zu sein: Gerade wieder wurde dem Hersteller der „Goldene Windbeutel“ für besonders massive Produkttäuschung verliehen. Annika Keilen hat über eine Marke recherchiert, die eigentlich eine Erfolgsgeschichte made in Germany hätte sein können.
Warum in einer Stadt mit 50.000 Einwohnern kein Zug hält
Die Stadt Bergkamen in NRW hält einen ganz wunderbaren Rekord: Sie ist die größte Stadt in Deutschland ohne Bahnhof. Sebastian Dalkowski hat recherchiert, warum das so ist und was sie tun müsste, um doch (wieder) ans Schienennetz angeschlossen zu werden.

Überpsychologisieren wir uns selbst?
Das hat Teresa Stiens diese Woche die Psychotherapeutin Gitta Jacob gefragt. Sind wir alle einfach selbstreferenzieller geworden? Oder geht es uns wirklich schlechter, und wir brauchen häufiger psychologische Hilfe? Mein Lieblingssatz aus dem Interview: „Es ist ein großes Thema in intellektuellen, urbanen Kreisen und bei jüngeren Frauen eher als bei älteren Männern.“
Clubbetreiber anstatt Kleinkrimineller
Mich fasziniert ja die Frage, wie Menschen in Berufe geraten, für die es eigentlich keinen Ausbildungsweg gibt. Clubbetreiber zum Beispiel. Alexander Kulb ist so jemand, ohne Schulabschluss schlägt er sich jahrelang durch. Dann macht er in Düsseldorf 2019 seinen ersten Club auf, das Trafic. Noch während der Coronapandemie entsteht die Idee zu einem zweiten. Was treibt ihn an? Sebastian Dalkowski hat Alexander Kulb begleitet.

Was ist die richtige Menge an Sport?
Zu dieser Frage hat man schon einiges gehört – nur die Antwort „gar keiner“ kommt irgendwie nie. Thorsten Firlus hat nun für jede Lebenslage (Gewicht verlieren? Fitter werden?) die richtige Antwort herausgefunden.
Wo übernachten in Wien?
Ich liebe Wien und habe in einem der Hotels des dieswöchigen Hotel-Duells sogar bereits übernachtet. Aus journalistischer Distanz heraus verrate ich Ihnen aber natürlich nicht in welchem. Bühne frei für das Hotel-Duell Schani vs. Ferdinand.
Zehn Tipps gegen unerwünschte Ablenkung
Während ich diesen Newsletter schreibe, habe ich zwischendurch immer wieder darüber nachgedacht, ob ich nicht doch noch das Himbeertörtchen essen sollte, das im Kühlschrank steht, einige Sprachnachrichten an Freundinnen verschickt und das große Bedürfnis verspürt, das Wohnzimmer aufzuräumen. Sollten Sie sich auch so leicht ablenken lassen: Kolumnistin Patricia Thielemann hat zehn konkrete Tipps dagegen.