Energiewende: Für die einen ist Strom zu teuer, für die anderen nicht teuer genug

So richtig zufrieden ist mit den Energiepreisen derzeit wohl niemand: Den einen sind sie zu hoch, den anderen zu niedrig.
Die einen, das sind Deutschlands Industrieunternehmen. 45 Prozent dieser Unternehmen mit hohem Stromkostenanteil planen, ihre Produktion im Inland einzuschränken oder ins Ausland zu verlagern. Das zeigt das aktuelle Energiewende-Barometer der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK).
Die anderen, das sind Energiekonzerne, die von hohen (und vor allem schwankenden) Energiepreisen profitieren – und deren Profite hingegen schrumpfen, wenn sich die Preise normalisieren. So wie Deutschlands größter Gashändler Uniper: Das Düsseldorfer Unternehmen hat in den ersten sechs Monaten dieses Jahres deutlich weniger verdient als im Vorjahr.
Und in den kommenden Geschäftsjahren dürfte das Ergebnis „in Anbetracht des herausfordernden Marktumfeldes“ eher weiter schrumpfen, kündigte der Uniper-Chef Michael Lewis am Mittwoch an. Uniper wird sich zunehmend auf neue Geschäftsfelder konzentrieren müssen: übergangsweise auf neue Gaskraftwerke, längerfristig auf erneuerbare Energien.
Doch obwohl Strom in Deutschland so teuer ist, dass viele Unternehmen übers Abwandern nachdenken, sind die Profite aus erneuerbar erzeugtem Strom nicht hoch genug, um für Energiekonzerne ein attraktives Geschäftsmodell zu werden. Das gilt zumindest für die großen Ölkonzerne.
Total, BP und Shell haben in den vergangenen Tagen ebenfalls ihre Halbjahreszahlen vorgelegt, Exxonmobil und Chevron tun das an diesem Freitag. Die Ergebnisse zeigen: Mit fossilem Öl und Gas lässt sich weiterhin gut Geld verdienen. Und die Gewinne verwenden die Unternehmen oft lieber für höhere Ausschüttungen an ihre Aktionäre als für einen nennenswerten Umstieg auf Erneuerbare.
Wie kommt es, dass erneuerbare Energien so unprofitabel für ihre Erzeuger, und gleichzeitig so teuer für ihre Verbraucher sind? Die Antwort ist komplex und hat unter anderem mit Lieferkettenengpässen bei Windkraft und dem Wettbewerb um verfügbare Flächen zu tun.
Ein wichtiger Teil der Antwort sind aber auch die hohen Stromnetzgebühren: Verbraucher zahlen eben nicht nur für die kostengünstige Herstellung von grünem Strom, sondern auch für den Transport dieses Stroms von Wind- oder Solarparks zu ihnen. Und der wird immer teurer. Mehr als 600 Milliarden Euro dürfte der Ausbau der Stromnetze nach neuen Schätzungen kosten.
Das Problem ist übrigens kein spezifisch deutsches: In Texas, wo eine zentrale Planung für das Stromnetz fehlt, sind die Auswirkungen noch um ein Vielfaches größer. Wer auswandert, weil er die Begleitschwierigkeiten der Energiewende scheut, sollte sich also zumindest gut überlegen, wohin.
Dieser Text ist am 2. August 2024 zuerst im Handelsblatt-Newsletter Energie Briefing erschienen.