Geldpolitik: Chinas Notenbank beschließt größtes Stützungspaket seit Pandemie
Peking. Chinas Zentralbank PBoC hat am Dienstag eine Flut von Maßnahmen angekündigt, um den Immobilien- und Finanzsektor des Landes zu stützen. Das ungewöhnlich umfangreiche Paket umfasst Zinssenkungen, die Immobilienkredite billiger machen, sowie überraschend auch eine Kapitalspritze für die sechs größten Geschäftsbanken.
Die nun angekündigten Maßnahmen sind ein Eingeständnis, dass die bisherigen Stützungsversuche für die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt nicht ausreichen. Die Finanzmärkte reagierten mit deutlichen Kursanstiegen auf den Schritt.
Chinas Wirtschaft war im zweiten Quartal um 4,7 Prozent gewachsen. Jüngst veröffentlichte Konjunkturindikationen deuten auf eine weitere Abkühlung hin. Zuletzt hatten mehrere internationale Finanzinstitute den Ausblick nach unten korrigiert. Sie bezweifeln, dass China das selbstgesteckte Wachstumsziel von fünf Prozent ohne größeres Stützungspaket erreicht.
Der Großteil der angekündigten Maßnahmen dient dazu, den Immobilienmarkt zu stabilisieren. Denn die anhaltende Krise in der wichtigen Branche bremst die Erholung der chinesischen Wirtschaft. Der Immobiliensektor hat früher direkt und indirekt bis zu einem Drittel zur Wirtschaftsleistung beigetragen. Hinzu kommt, dass rund drei Viertel des Vermögens privater Haushalte in Immobilien steckt. Die Unsicherheit über die weitere Entwicklung der Wohnungs- und Hauspreise hat zur Folge, dass viele Chinesen sparen, statt ihre Ersparnisse für den Konsum auszugeben.
Bei einem seltenen öffentlichen Auftritt erklärte PBoC-Gouverneur Pan Gongsheng, die jetzt verkündeten Maßnahmen zielten darauf ab, „das stabile Wachstum der chinesischen Wirtschaft zu unterstützen“ und „eine moderate Erholung der Preise zu fördern“. Der chinesische Leitindex CSI 300 stieg um 4,3 Prozent. Das ist der größte Kurssprung seit Juli 2020.
Mehrzahl der Analysten lobt die Schritte der Notenbank
Die Schritte der PBoC seien „etwas stärker ausgefallen“ als erwartet, analysiert Wang Tao, China-Chefvolkswirtin der Schweizer Bank UBS. Allerdings vermisst sie mehr finanzielle Unterstützung, um die Leerstände abzubauen und angeschlagenen Immobilienentwicklern die Möglichkeit zur Umschuldung zu geben.
Als „Schritt in die richtige Richtung“, lobt auch Lynn Song, Chefvolkswirt Greater China der Investmentbank ING, die angekündigten Maßnahmen. Positiv bewertet er vor allem, dass nun ein breites Paket angekündigt wurde, statt wie bislang „einzelne Maßnahmen mit geringer Wirkung“. Dennoch ist er der Ansicht, dass weitere Schritte notwendig seien. Sollte zu der geldpolitischen Lockerung auch ein fiskalpolitischer „großer Schub“ kommen, „könnte die Dynamik im vierten Quartal wieder zunehmen“. Eine Einschätzung, die auch Wang teilt.
Chinas Staatsführung hat bislang vor allem die Angebotsseite in Form günstiger Kredite gestärkt, um die Industrieproduktion anzuschieben. Sie schreckt jedoch davor zurück, auch den Konsum anzukurbeln. Das führt dazu, dass in vielen Sektoren Überkapazitäten entstanden sind. Dadurch sinken die Preise, der Deflationsdruck steigt. Zudem wächst das Risiko von Handelskonflikten, weil die überschüssigen chinesischen Waren zunehmend exportiert werden.
Das Handelsblatt gibt einen Überblick über die wichtigsten der nun angekündigten Maßnahmen:
Stützung des Immobilienmarkts
Mit mehreren Zinssenkungen will die Zentralbank Immobilienkredite billiger machen. Davon erhofft sie sich zwei Effekte: Einerseits soll die Zinslast für Gläubiger sinken. Diese Entlastung soll dafür sorgen, dass mehr Geld für den Konsum zur Verfügung steht. Andererseits sinken dadurch auch die Kosten für Neukredite. Das soll den Wohnungsmarkt wiederbeleben. Bereits in den vergangenen Wochen hatten mehrere Städte die Vorgaben für den Kauf von Wohnungen und Zweitwohnungen deutlich reduziert.
Finanzspritze für Banken
Für viele überraschend kündigten die chinesischen Finanzbehörden auch eine Rekapitalisierung der sechs größten Geschäftsbanken an. Die Branche leidet unter geringen Margen, sinkenden Gewinnen und kämpft zunehmend mit Kreditausfällen. Die Finanzregulierungsbehörde NFRA kündigte an, dass das Kernkapital der Banken erhöht werden soll. Weitere Details wurden zunächst nicht genannt.
Der NFRA zufolge ist es das erste Mal seit 2008, dass die Banken eine Finanzspritze erhalten. Dem Finanzdatenportal Bloomberg zufolge ist die Kernkapitalquote der sechs größten Banken zwar leicht gesunken, insgesamt aber auf einem hohen Niveau. Im Durchschnitt lag die Quote Ende Juni bei 11,77 Prozent und damit über dem für Chinas systemrelevante Banken vorgeschriebenen Wert von 8,5 Prozent.
Stützung der Finanzmärkte
Investmentgesellschaften und -fonds sollen sich künftig bei der PBoC finanzieren können, um Aktien zu kaufen. Dieser Schritt dürfte ein wichtiger Grund für den starken Kurssprung an den chinesischen Aktienmärkten sein. Allerdings sei „ungewiss“, wie sich diese Maßnahme langfristig auswirkt, betont ING-Experte Song. Denn noch sei unklar, ob die Investoren sich bei der Zentralbank billiger Geld leihen können als am Markt. Bereits seit Längerem versucht die Staatsführung die Finanzmärkte zu stützen, auch um sie als Alternative zum Immobilienmarkt als Altersvorsorge attraktiv zu machen – bislang ohne nachhaltigen Erfolg.