Stromausfall: Zehn Millionen Menschen auf Kuba sitzen im Dunkeln
San Salvador. Das Fleisch vergammelt in den Kühlschränken, Ventilatoren und Klimaanlagen stehen still, kein Fernseher und kaum ein Mobiltelefon läuft noch. Alle nicht notwendigen Operationen wurden in den Hospitälern gestoppt. In Kuba ging an diesem Wochenende im wahrsten Sinne des Wortes nichts mehr. Der größte Stromausfall seit mehr als einem halben Jahrhundert hat die Antilleninsel und ihre zehn Millionen Einwohner seit Freitag in Dunkelheit und Stille getaucht.
Die Straßen Havannas waren praktisch leer, der öffentliche Nahverkehr fuhr nicht. Auch die Ampeln waren außer Betrieb. Schulen und Geschäfte bleiben geschlossen, und der Weiterbetrieb der Krankenhäuser ist in Gefahr. Bis zum Sonntagmorgen (Ortszeit) war die Elektrizität nicht zurück.
Die Bevölkerung, die Kummer und Leid und auch regelmäßige Stromabschaltungen gewohnt ist, hat sich weitgehend stoisch in ihr Schicksal gefügt. „Es wird schlimmer und schlimmer“, sagte eine Frau aus einem Randbezirk von Havanna. Der totale Stromausfall wurde am Freitag durch den Zusammenbruch des Kraftwerks Antonio Guiteras – das größte auf der Insel – in der Provinz Matanzas ausgelöst. Wie fast alle Kraftwerke wird auch dieses mit fossilen Brennstoffen betrieben und stammt noch aus der Sowjet-Ära.
Wirtschaft ist schwächer als 2019
„Es gibt keinen festen Zeitpunkt, zu dem wir die Versorgung wieder garantieren können“, sagte Lázaro Guerra Hernández vom Ministerium für Energie und Bergbau in einer Nachricht, die am Samstagmittag auf dem Instagram-Account der kubanischen Präsidentschaft gepostet wurde. Der großflächige Ausfall sei auf einen „erheblichen Mangel an Treibstoff“ zurückzuführen.
Die neue Krise trifft eine ohnehin schon gebeutelte Wirtschaft. Das kubanische Bruttoinlandsprodukt ist im vergangenen Jahr laut der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) um 1,9 Prozent gesunken und wird in diesem Jahr voraussichtlich nur um 0,5 Prozent wachsen. Die Wirtschaftskraft liegt nach offiziellen Angaben immer noch unter dem Niveau von 2019.
Jahrzehntelange unzureichende Investitionen in Anlagen und Netze sowie die fast vollständige Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen wie Gas und vor allem Diesel und Heizöl, die beide importiert werden, haben das Land zu einem der anfälligsten in der Region gemacht. Und dies trotz der guten Ausgangsbedingungen für die Entwicklung von Photovoltaik und Windenergie.
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2022, dem letzten Jahr, für das der Internationalen Energieagentur der OECD Daten vorliegen, wurden mehr als 83 Prozent des Stroms aus Erdölderivaten erzeugt. Erdgasanlagen steuerten weitere zwölf Prozent bei. Erneuerbare Energieträger generieren immer noch weniger als fünf Prozent des Energiemixes. In der jüngeren Vergangenheit konnte der Mangel an Stromerzeugungskapazität mit mehreren geleasten schwimmenden Kraftwerken gemildert werden.
Kein Geld für Investitionen in erneuerbare Energie
Die Regierung von Staatschef Miguel Díaz-Canel weiß, dass die Zukunft für Kuba in den erneuerbaren Energien liegt. Dafür erforderliche Investitionen blieben in den vergangenen Jahren jedoch aus. Im März kündigte das Energieministerium dennoch einen Plan zur Installation von 92 Photovoltaikanlagen bis 2028 an. Damit soll die Stromerzeugungskapazität der Insel um rund zwei Gigawatt erhöht werden und der Anteil der grünen Energie bis zum Ende des Jahrzehnts auf rund 25 Prozent steigen.
Einige Familien mussten am Wochenende mit Brennholz kochen, standen stundenlang für Flüssiggas an. Viele Haushalte waren ohne Wasser, da die Stromversorgung von elektrischen Pumpen fehlte. Nach Einbruch der Dunkelheit leuchteten am Wochenende in der Zwei-Millionen- Hauptstadt Havanna nur noch die Lichter von Hotels, Krankenhäusern und einigen wenigen Privatunternehmen, die über eigene Kraftwerke verfügen.
Am Samstag im Morgengrauen kam der Strom kurzfristig in einigen Stadtteilen Havannas zurück, aber die Energieversorgung brach umgehend wieder komplett zusammen. Schon am Donnerstag hatte die kommunistische Regierung den „Energienotstand“ ausgerufen. Präsident Díaz-Canel erklärte, die Wiederherstellung der Energieversorgung habe „absolute Priorität“.
Aber die Bevölkerung ist nach Monaten der Entbehrungen aller Arten mit ihrer Geduld am Ende. Viele Menschen machen ihrem Unmut in den sozialen Netzwerken Luft, noch gibt es jedoch keine Berichte über Proteste im Land. Allerdings beeinträchtigte der Ausfall auch die Internetverbindungen erheblich. Nach Angaben der digitalen Beobachtungsstelle NetBlocks war ein Großteil der Insel am Samstag immer noch offline.
Im Juli 2021 gingen Tausende Kubanerinnen und Kubaner auf die Straßen, um gegen tagelange Stromausfälle und die Machthaber zu protestieren. Die kommunistische Regierung ist sich zunehmend bewusst, dass viele Menschen den Respekt vor der Regierung und die Angst vor dem Repressionsapparat verloren haben. Im März protestierten Hunderte von Menschen in Santiago, der zweitgrößten Stadt, gegen chronische Stromausfälle und Lebensmittelknappheit und attackierten aus Frust staatliche Einrichtungen.