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DeutschlandDax-Konzerne klagen über höhere Krankenstände als im Ausland

Bei Deutschlands größten Unternehmen sind immer mehr Beschäftigte krank – vor allem im Heimatmarkt. Die Gründe sind vielfältig, auf Blaumacherei muss das aber nicht zwingend hindeuten.Michael Scheppe 25.10.2024 - 12:41 Uhr Artikel anhören
Beschäftigte: Die Zahl der krankheitsbedingten Fehltage in Deutschland steigt. Foto: IMAGO/photothek

Düsseldorf. Andreas Tautz beobachtet am Konzernsitz der DHL Group in Bonn eine eindeutige Entwicklung: Deutschland habe konzernweit die höchsten Krankenstände, gefolgt von Ländern in der EU. Die geringsten Fehlzeiten verzeichneten Länder außerhalb der EU.

Tautz ist leitender Arzt des Deutsche-Post-Konzerns. Auch andere Dax-Unternehmen stellen im Inland höhere Krankenstände fest, zeigt eine Handelsblatt-Umfrage unter Deutschlands größten Börsenunternehmen.

Beschäftigte bei der Allianz etwa waren 2023 global gesehen an 7,8 Tagen krank. In Zentraleuropa lag der Durchschnitt mit 12,3 Tagen fast 60 Prozent höher. Und im deutschen Heimatmarkt sei der Wert sogar noch höher, teilte der Versicherer mit, ohne konkrete Zahlen zu nennen.  Allianz-Chef Oliver Bäte hatte sich zuletzt im Gespräch mit dem Handelsblatt über die steigenden Krankmeldungen in Deutschland beklagt.

Und Mercedes-Chef Ola Källenius sagte dem Handelsblatt mit den gleichen Worten wie kürzlich im Interview mit dem „Spiegel“: „Der hohe Krankenstand in Deutschland ist ein Problem für die Unternehmen.“ Wenn unter gleichen Produktionsbedingungen der Krankenstand in Deutschland teils doppelt so hoch sei wie im europäischen Ausland, habe das wirtschaftliche Folgen.

Der AOK-Bundesverband hatte in seinem Anfang Oktober veröffentlichten Fehlzeitenreport eine historisch hohe Zahl festgestellt: Auf 100 erwerbstätige AOK-Versicherte kamen 225 Krankmeldungen. In den Jahren zuvor lag der Wert lediglich bei 160.

Auch die Dax-Konzerne bestätigen den Trend hin zu einer kranken Republik: 20 der 40 größten Unternehmen Deutschlands wollten oder konnten sich nicht äußern – offenbar ist es ein heikles Thema. Von denen, die Einblicke gewährten, klagen 50 Prozent in diesem Jahr über wenigstens leicht steigende Krankenstände im Vergleich zum langjährigen Mittel. 35 Prozent sehen kaum Veränderungen, 15 Prozent beschreiben einen leichten Rückgang.

Volkswagen beklagt „jüngst sehr hohe Fehlzeiten“

Für die Mehrheit der Unternehmen gilt das, was Mercedes mitteilt: „Der hohe Krankenstand belastet.“ Volkswagen hat die Krankenzahlen sogar intern zum Thema gemacht: Die Wolfsburger weisen ihre Beschäftigten nach den „jüngst sehr hohen Fehlzeiten“ vermehrt auf die Gesundheitsangebote des Konzerns hin.

Produktion bei Volkswagen: Der Konzern beklagt hohe Fehlzeiten. Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Das Statistische Bundesamt stellte vergangenes Jahr 15,1 Krankheitstage im Schnitt fest. Beim Pharma- und Laborzulieferer Sartorius waren die Beschäftigten bis Ende September dieses Jahres im Schnitt rund 18 Arbeitstage krank, was einer Quote von rund sieben Prozent entspricht. Die Krankheitstage seien im Vergleich zum Vorjahr noch einmal leicht gestiegen.

Beim Baustoffkonzern Heidelberg Materials war die Zahl hingegen leicht rückläufig: Die Krankmeldungen im ersten Dreivierteljahr lagen bei 5,8 Prozent.

In Unternehmensbereichen, die sich in einer tiefgreifenden Transformationsphase befinden, sehen wir eine Steigerung der Abwesenheitstage.
Andreas Tautz
leitender Arzt bei DHL

Die steigenden krankheitsbedingten Fehltage könnten auch damit zu tun haben, dass sich die Einstellung der Beschäftigten zur Arbeit wandelt. Darauf deuten Beobachtungen von DHL-Arzt Tautz hin. „In Unternehmensbereichen, die sich in einer tiefgreifenden Transformationsphase befinden, sehen wir eine Steigerung der Abwesenheitstage.“

In den meisten Abteilungen stellt man laut Tautz zwar geringere Krankenstände fest. Doch die vielen Arbeitsunfähigkeitsmeldungen in Bereichen mit hohen Veränderungen sorgten im Konzern für insgesamt steigende Krankenzahlen.

DHL: „Bewerbermarkt kann krankheitsbedingte Ausfalltage erhöhen“

Dass in Deutschland seit vielen Jahren nahezu Vollbeschäftigung herrscht, machen mehr Krankmeldungen laut Studien wahrscheinlicher. „Ein Bewerbermarkt kann die Wahrscheinlichkeit von krankheitsbedingten Ausfalltagen erhöhen“, bestätigt Tautz.

Das muss aber nicht zwangsläufig auf Blaumacherei in Deutschland hindeuten, sondern kann auch zeigen, dass sich Menschen in anderen Ländern aus Furcht vor einem Verdienstausfall im Zweifel krank zur Arbeit schleppen.

Die kranke Republik

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Denn hierzulande fallen kranke Beschäftigte in ein soziales Netz: Bis zu sechs Wochen bekommen sie bei Arbeitsunfähigkeit ihren Lohn weiter ausgezahlt, in den USA ist kein Unternehmen dazu verpflichtet.

Die Tatsache, dass die Allianz in Deutschland einen höheren Krankenstand als in Amerika und anderen europäischen Ländern sieht, erschließt sich der Konzern denn auch mit „den unterschiedlichen Sozialversicherungssystemen“.

DHL-Werksarzt Tautz erklärt die höheren Krankheitstage in Deutschland auch mit Unterschieden bei der Meldung: „In Deutschland wird jeder Ausfalltag erfasst.“ In vielen Ländern außerhalb Deutschlands würden die Beschäftigten hingegen über ein Kontingent von Ausfalltagen verfügen, die sie im Zweifel abrufen: „Diese Tage werden aber in der Regel nicht gesondert als Krankentag ausgewiesen.“

DHL-Pakete: „In Deutschland wird jeder Ausfalltag erfasst.“ Foto: PR

Die Ansicht, dass Beschäftigte in Deutschland per se häufiger krank seien, greift für einige Konzerne zu kurz. So weist auch Sartorius darauf hin, dass es in unterschiedlichen Ländern verschiedene Regelungen für Krankmeldungen gebe.

Auch für BMW sind die Zahlen nicht direkt vergleichbar: Der Autobauer verweist etwa auf das höhere Durchschnittsalter der Beschäftigten in Deutschland. Das mache krankheitsbedingte Ausfälle wahrscheinlicher.

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Die meisten Dax-Konzern beteuerten, vergleichsweise niedrige Krankenstände zu haben – und sehen darin die Effekte ihres internen Gesundheitsmanagements von Grippeschutzimpfungen bis Achtsamkeitstrainings.

Für den Gesundheitskonzern Merck liegt es auch am verantwortungsvollen Verhalten der Beschäftigten. So sollen Mitarbeiter mit Erkältungssymptomen in Absprache mit ihrer Führungskraft „das Werksgelände nach Möglichkeit nicht betreten“ – und sich lieber krankmelden oder im Homeoffice arbeiten.

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