US-Wahl 2024: Wenn die Kita 4000 Dollar im Monat kostet
„Sechs Küchenrollen für fast 15 Dollar?" Meine Frau kann es nicht fassen. „Das ist doch verrückt!“ Doch die US-Drogeriekette Walgreens meint das ernst.
Meine Familie und ich sind vor vier Monaten von Hamburg nach San Francisco gezogen. An die hohen Preise in unserer neuen Heimat gewöhnen wir uns nur langsam. Zu grotesk erscheinen die mitunter zweistelligen Beträge, die für Alltagsprodukte wie Shampoo oder Bier aufgerufen werden.
Mittlerweile wundere ich mich, warum die hohen Lebenshaltungskosten – die während der Amtszeit von Präsident Joe Biden stark zulegten – im Wahlkampf nicht noch ein größeres Thema sind. Kamala Harris wie Donald Trump klagen zwar regelmäßig über teure Medikamente und Lebensmittel, doch so richtig überzeugend sind viele ihrer Lösungsvorschläge nicht. Trumps Zollpläne dürften die Preise zum Beispiel weiter nach oben treiben. Von Harris' Babybonus haben die meisten Familien nichts.
Ich bin vor der Coronakrise regelmäßig in die USA und dabei auch ins schon damals teure Silicon Valley gereist. So krass wie heute war der Unterschied zu Deutschland seinerzeit indes noch nicht. Während man es mit einem niedrigen oder normalen US-Einkommen in dieser Gegend schon immer schwer hatte, geraten nun auch die Top-Verdiener unter Druck.
Haarschnitt für 70 Dollar – ohne Trinkgeld
Ein normaler Haarschnitt für Männer kostet in unserem Viertel zum Beispiel 70 Dollar – ohne Trinkgeld. Bei Supermärkten wie Safeway oder Target fällt es schon schwer, eine gute Tiefkühlpizza für weniger als sechs Dollar zu finden. Selbst die an sich fürstlichen Gehälter, die Tech-Konzerne wie Meta oder Salesforce unseren Nachbarn zahlen, verpuffen angesichts der hohen Alltagskosten mitunter wie Wasser auf einer heißen Herdplatte.
Familien leiden besonders unter der Inflation. Sie kämpfen nicht nur mit hohen Lebensmittelpreisen. Auch die Mieten (eine kleine Vier-Zimmer-Wohnung mit zugigen Fenstern? 6.000 Dollar im Monat) stiegen zuletzt wieder schneller. San Franciscos linke Regierung mag sich in diesem Bereich der strengsten Regulierung des Landes rühmen – trotzdem können Vermieter sich alle zwölf Monate einen Mietaufschlag genehmigen.
Hinzu kommen die aus deutscher Sicht abstrus hohen Kosten für Kinderbetreuung, die je Platz bis zu 4.000 Dollar im Monat verschlingen kann. Auch hier müssen Familien bei den meisten Einrichtungen jedes Jahr mit einer Erhöhung rechnen.
34.000 Dollar für eine Privatschule pro Jahr
Trotz des immensen Wohlstands, der in und um San Francisco erwirtschaftet wird, spitzt sich die Lage immer weiter zu. Ich war neulich beim Elternabend in der Kita unserer Tochter. Eine Mutter berichtete beim Smalltalk über ihr Dilemma: Da das öffentliche Schulsystem der Stadt gerade in einer tiefen Krise steckt und vor Kurzem mehrere Schulschließungen angekündigt wurden, werden sie und ihr Mann ihr älteres Kind wahrscheinlich an einer der vielen Privatschulen anmelden. Kostenpunkt: 34.000 Dollar im Jahr.
„Mit Urlaub wird es dann wahrscheinlich nichts mehr“, sagte sie lächelnd.
Daily US-Election Insight – die tägliche Kolumne der US-Korrespondentinnen und -Korrespondenten des Handelsblatts mit persönlichen Eindrücken aus dem amerikanischen Wahlkampf.