Löhne: Tarifrunde für Metall- und Elektroindustrie auf der Zielgeraden
Berlin. Auf der Titelseite des neuen Mitgliedermagazins von Nordmetall trägt Lena Ströbele eine gewaltige Hantel – viele Kilo schwer. „Standort stärken“ steht auf dem Trainingsgerät für die Muskeln. Die Hantel ist ein schönes Symbol für die Kraftprobe, vor der die Vizepräsidentin der norddeutschen Metallarbeitgeber steht.
Gemeinsam mit ihrer bayerischen Kollegin Angelique Renkhoff-Mücke wird Ströbele am Montagnachmittag versuchen, den Tarifkonflikt für die rund 3,9 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie zu lösen. Ein Durchbruch könnte in der Nacht zu Dienstag gelingen.
Doch das wird keine einfache Aufgabe, denn auch die Gegenseite will Stärke zeigen. Mehr als eine halbe Million Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben sich laut IG Metall seit Ablauf der Friedenspflicht am 28. Oktober an Warnstreiks beteiligt – deutlich mehr als in früheren Tarifrunden. Allein in Norddeutschland seien dadurch 61.000 Arbeitsstunden verloren gegangen, kritisiert Ströbele.
Und die Gewerkschaft sei bereit, die Streiks noch auszuweiten, wenn man jetzt nicht zu einem Ergebnis komme, warnte der Leiter des IG-Metall-Bezirks Küste, Daniel Friedrich, vor dem Wochenende. Gemeinsam mit seinem bayerischen Kollegen Horst Ott wird Friedrich mit dem Frauenduo auf Arbeitgeberseite verhandeln.
Die Gewerkschaft fordert sieben Prozent mehr Geld und pauschal 170 Euro mehr im Monat für Auszubildende bei einer Laufzeit des Tarifvertrags von zwölf Monaten. Außerdem will die IG Metall untere Entgeltgruppen überproportional vom Tarifabschluss profitieren lassen und das bestehende Wahlmodell zwischen Geld und Freizeit ausweiten.
Die Arbeitgeber haben in der zweiten Verhandlungsrunde Mitte Oktober eine zweistufige Entgelterhöhung um insgesamt 3,6 Prozent angeboten, die aber erst ab Juli 2025 greifen soll. Sie fordern eine lange Laufzeit des Tarifvertrags von 27 Monaten, Firmen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten sollen problemlos von dem Regelwerk abweichen können.
Bislang dürfen kriselnde Unternehmen bestimmte tarifliche Sonderzahlungen nach hinten verschieben oder bei einer Nettoumsatzrendite von weniger als 2,3 Prozent auch ganz ausfallen lassen.
Mittlerweile heißt es aber auf Arbeitgeberseite, dass das vorgelegte Angebot eigentlich schon viel zu hoch gewesen sei, weil sich die Rahmenbedingungen seither weiter verschlechtert haben. Fast jeden Tag kündigen Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie Stellenabbau an oder melden Insolvenz an.
Der Arbeitgeberdachverband Gesamtmetall verwies am Freitag darauf, dass die Produktion in der industriellen Schlüsselbranche Deutschlands mittlerweile seit dem Frühjahr 2023 sinke. Abgesehen von der Coronakrise habe es eine so lange Durststrecke zuletzt Anfang der 1990er-Jahre gegeben.
Auslastung, Auftragsbestände und Geschäftsklima haben sich im Oktober 2024 weiter verschlechtert. Laut Ifo-Konjunkturtest vom Oktober haben noch nie so viele Betriebe der Metall- und Elektroindustrie ihre Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zu ausländischen Standorten so schlecht eingeschätzt wie aktuell.
Angesichts dieser Lage sei das vorliegende Angebot „mehr als angemessen, weil wir keinen Produktivitätsfortschritt mehr haben in Deutschland“, sagte Gesamtmetall-Präsident Stefan Wolf dem Handelsblatt. „Wir müssen eine Lösung finden, die Zuversicht gibt und aufzeigt, dass wir wieder Investitionen möglich machen und Arbeitsplätze sichern wollen.“
Die IG Metall teilt zwar grundsätzlich die Einschätzung über die schwierige wirtschaftliche Lage und hat in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder vor einer Deindustrialisierung in Deutschland gewarnt. Gleichzeitig verweist die Gewerkschaft aber auch auf Unternehmen, die wirtschaftlich immer noch gut dastehen.
Und auf die entscheidende Rolle des Binnenkonsums, wenn es darum gehe, aus dem Konjunkturtal herauszukommen. Deshalb will die IG Metall die Kaufkraft der Beschäftigten stärken. In dieser Gemengelage müssen nun beide Seiten am Montag im Hamburger Hotel Grand Elysée versuchen, einen Kompromiss zu finden.
Da die Arbeitgeber nicht mit einer raschen wirtschaftlichen Erholung rechnen, wollen sie die zusätzliche Belastung durch höhere Lohnkosten möglichst spät ansetzen lassen. „Wir müssen leider davon ausgehen, dass unsere Industrie auch im ersten Halbjahr 2025 noch nicht wächst“, sagt Wolf.
Deshalb sei eine prozentuale Entgelterhöhung ab Juli 2025 angemessen. Außerdem bräuchten die Unternehmen Planungssicherheit, die mit der vorgeschlagenen Laufzeit von 27 Monaten bis Ende 2026 reichen würde. Denn die Tarifverträge sind Ende September ausgelaufen. „Es darf am Ende auch gern länger werden“, betont der Gesamtmetall-Präsident.
Die Gewerkschaft wird sich aber kaum mit neun „Nullmonaten“ zufriedengeben, sondern auf eine frühere Entgeltanhebung pochen. Auf eine sehr lange Laufzeit dürfte sie sich zudem nur einlassen, wenn die Arbeitgeber bei den Prozenten noch einmal ordentlich draufsatteln.
Außerdem verweist Bayerns IG-Metall-Bezirksleiter darauf, dass die Beschäftigten ja nicht für die aktuell schwierige Lage der Branche verantwortlich seien. Gerade angesichts der vielen innen- und außenpolitischen Krisen gebe es eine „Sehnsucht nach Stabilität“ bei den Einkommen.
Dass sich an den Verhandlungen über einen Pilotabschluss, der dann von den anderen Regionen übernommen werden kann, zwei IG-Metall-Bezirke beteiligen, ist eine Premiere. Begründet wird dies unter anderem damit, die Metall- und Elektroindustrie möglichst in ihrer ganzen Branchenvielfalt und regionalen Breite abbilden zu wollen.
Das Kernverhandlungsteam im Hamburger Grand Elysée besteht aus je acht Vertretern des Bezirks Küste und des Bezirks Bayern. Auf Arbeitgeberseite sieht es entsprechend aus. Die übrigen bayerischen Mitglieder der Verhandlungskommission von Gewerkschafts- und Arbeitgeberseite werden via Teams aus München zugeschaltet.
Nordmetall-Vizepräsidentin Ströbele hofft auf eine „realitätsbezogene Diskussion“ mit der Gewerkschaftsseite. Die Sieben-Prozent-Forderung sei schon zu hoch gewesen, als die IG Metall sie Anfang Juli beschlossen habe.
Mittlerweile habe sich die Situation weiter verschlechtert. „Die wirtschaftliche Lage ist und bleibt dramatisch“, sagt Ströbele. Klingt, als wäre bis zu einer Lösung noch eine gewaltige Kraftanstrengung erforderlich.