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Handelsblatt Auto-GipfelAutos bauen geht – aber Deutschland macht es falsch

Autobauer sehen die Wettbewerbsfähigkeit der wichtigsten Industrie des Landes schwinden. Manager aus der Branche fordern: Neben schnellen Entscheidungen braucht es Entlastung bei den Kosten.Lazar Backovic 26.11.2024 - 15:32 Uhr Artikel anhören
Dirk Große-Loheide beim Handelsblatt Auto-Gipfel: Er spricht über die Lage bei VW. Foto: Willi Nothers

Salzgitter. Hohe Stromkosten, eine belastende Bürokratie, das Aus der Ampelkoalition und die Wahl Donald Trumps zum nächsten US-Präsidenten: Aus Sicht von Managern aus der Autobranche wird es Deutschland schwierig haben, wettbewerbsfähig zu bleiben.

VW-Einkaufsvorstand Dirk Große-Loheide sagte am Dienstag beim Handelsblatt Auto-Gipfel: „Wir sind zu schwach bei Innovationen, sind zu wenig investiert, und die Energie- und Arbeitskosten hierzulande sind eindeutig zu hoch.“ Große-Loheide ist auch Teil der erweiterten Konzernführung bei Volkswagen.

Europas größter Autobauer dient exemplarisch für den Zustand der Branche. VW befindet sich aktuell in der schwersten Kosten- und Strukturkrise seit Jahrzehnten. Erstmals in der Konzerngeschichte stehen bei Volkswagen drei deutsche Werke zur Disposition, Zehntausende Jobs könnten damit in den nächsten Jahren bei dem Dax-Konzern wegfallen.

Doch nicht nur am Beispiel Volkswagen zeigt sich, wie groß der Druck auf dem Heimatkontinent des Automobils für Unternehmen ist, sich zu restrukturieren. Der US-Autobauer Ford hatte jüngst für Europa angekündigt, 4000 Stellen zu streichen, die meisten davon in Deutschland. Auch die Zulieferer Bosch, Continental und ZF planen in den nächsten Jahren zusammengenommen mit Zehntausenden Stellen weniger.

Wie kann die Branche wieder wettbewerbsfähiger werden? Das war eine zentrale Frage beim Handelsblatt Auto-Gipfel. Die Manager wünschen sich mehr Unterstützung durch die Politik – und betonen, wie wichtig es wäre, eine europäische Batterieindustrie aufzubauen.

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Warum sich die Branche restrukturieren muss, zeigen die Zahlen. Allein in Deutschland ist die Autoproduktion in den vergangenen zehn Jahren um eine Million Fahrzeuge geschrumpft. Europaweit fehlen derzeit sogar mehr als zwei Millionen Autoverkäufe. Gleichzeitig stockt der Ausbau der Elektromobilität, weshalb mehrere Batteriehersteller ihre Ankündigungen, neue Fabriken für Elektroautoakkus zu bauen, teilweise wieder kassiert oder Kapazitäten zurechtgestutzt haben.

Große-Loheide betont, dass Deutschland in erster Linie gute und bezahlbare Produkte brauche, um wettbewerbsfähig zu bleiben, aber auch stärkere Partnerschaften, etwa zwischen Autokonzernen und Zulieferern, sowie den Abbau bürokratischer Hürden.

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Konkret schlug Große-Loheide vor, stärker Gebrauch von sogenannten Genehmigungsfiktionen zu machen und das Instrument auszuweiten. Das würde bedeuten: Ist die Frist eines Verfahrens abgelaufen, gilt es automatisch als genehmigt. Diese Regelung würde entscheidende Prozesse in der Transformation massiv beschleunigen. Es könne nicht sein, dass andere Regionen im Wettbewerb davonziehen, weil Genehmigungsverfahren zu lange dauerten, sagte Große-Loheide.

Hoher Industriestrompreis belastet die Branche

Zwei, die bereits in die Transformation investiert haben, sind Ulrich Grethe von der Salzgitter AG und Frank Blome von Volkswagens Batterietochter Powerco. Als energieintensive Betriebe ist für sie ein Industriestrompreis dringlicher denn je.

2024 hätten sich die Netzentgelte in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt, sagte Stahlmanager Grethe. Auch für das kommende Jahr rechnet die Branche mit steigenden Energiekosten. „Wenn der Strom zu teuer ist, stellen wir den Ofen für unseren grünen Stahl ab“ – im Sinne der Klimaneutralität sei das nicht, argumentiert Grethe, der die grüne Sparte Salcos in der Salzgitter AG leitet. Doch man müsse auch die Wirtschaftlichkeit im Blick behalten, um weiter in Deutschland Stahl produzieren zu können.

Für Powerco-Chef Frank Blome, der Ende 2025 sein Batterieleitwerk in Salzgitter eröffnen will, wäre ein Industriestrompreis zwischen sechs und sieben Cent notwendig, um mit anderen Regionen mitzuhalten. „Momentan sind wir in Deutschland etwa bei dem Zweieinhalbfachen davon“, so Blome. Berichte darüber, dass der Standort in Niedersachsen nach seiner Eröffnung vorerst nicht weiter ausgebaut werden soll, wollte er nicht direkt kommentieren. Nur so viel: Man passe „den Hochlauf der Werke den realen Bedarfen an“.

Frank Blome: Der Powerco-Chef hat sich zu den Transformationsmaßnahmen seines Unternehmens geäußert. Foto: Willi Nothers

Neben Salzgitter errichtet Powerco auch in Spanien und Kanada Batteriezellenfabriken. Im Gegensatz zu dem deutschen Standort sind die Förderbedingungen und Energiekosten im Ausland für die VW-Tochter bedeutsam günstiger. So hat Powerco beispielsweise keinerlei Subvention für den Bau seiner Akkufabrik in Salzgitter erhalten.

Im kanadischen Ontario kann die Volkswagen-Tochter hingegen mit mehreren Milliarden Euro Förderung rechnen. „Deutschland und Europa brauchen unbedingt eine regionale Batterieindustrie“, sagte Blome. Andernfalls sei man „technologisch nicht mehr in der Lage, die besten Fahrzeuge auf den Markt zu bringen“.

Damit der Anteil an Elektroautos in Deutschland bedeutsam steige, müsse nicht nur der Strompreis für die Industrie, sondern auch der Preis an der Ladesäule gesenkt werden, argumentiert Manuel Kallweit, Chefvolkswirt beim Verband der Automobilindustrie (VDA). „Die Kunden wollen verlässliche Strompreise, die gibt es momentan aber nicht.“

Hier ist viel Know-how.
Manuel Kallweit
VDA

Aus Kallweits Sicht spricht vor allem das starke industrielle Netzwerk für den Standort Deutschland. „Hier ist viel Know-how, es gibt viele Fachkräfte, die in der Lage sind, Probleme zu lösen, die andere nicht so schnell lösen können.“ Ob das in Zukunft aber reiche, wisse er nicht.

Auto-Gipfel 2024: Powerco-Chef Frank Blome, Salzgitter-Manager Ulrich Grethe und VDA-Chefvolkswirt Manuel Kallweit (v.l.n.r.) in der Diskussion mit Handelsblatt-Reporter Markus Fasse (r.) Foto: Willi Nothers

Michelin streicht Stellen – baut aber andere neu auf

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1500 Stellen in Deutschland muss der Reifenspezialist Michelin in Deutschland bis Ende 2025 streichen. Ein Kundenzentrum werde in Richtung Osteuropa ausgelagert; die Produktion an den Standorten Karlsruhe und Trier sowie die Lkw-Neureifen- und Halbfabrikatfertigung im saarländischen Homburg würden schrittweise eingestellt, teilte das Unternehmen bereits im vergangenen Jahr mit.

„Das Allerschlimmste haben wir hinter uns“, sagte Nordeuropa-Chefin Maria Röttger beim Handelsblatt Auto-Gipfel. Und trotz der Stellenstreichungen hinterlasse Michelin „keine Wüste, wenn man restrukturieren muss“. Derzeit baut der Reifenhersteller im fränkischen Bamberg einen Innovationspark für grüne Zukunftstechnologien auf, ein ähnliches Konzept hat das Unternehmen bereits in Schottland umgesetzt und dort knapp 800 Jobs geschaffen – wenn auch nicht in der klassischen Reifenproduktion.

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