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Interview mit Jean-François van Boxmeer„Europa verliert rapide an Wettbewerbsfähigkeit“

Wenn die EU die nötigen Reformen nicht schneller umsetze, drohe eine Abwanderung europäischer Industrieunternehmen, warnt der Chef des European Round Table for Industry.Gregor Waschinski 02.12.2024 - 04:15 Uhr Artikel anhören
Hochofen von Thyssen-Krupp: Die EU-Wirtschaftslobby fürchtet eine Deindustrialisierung. Foto: IMAGO/Olaf Döring

Paris. Die Europäische Industrie fordert von der neuen EU-Kommission mehr Geschwindigkeit bei den Reformen für bessere Wettbewerbsfähigkeit. Sonst dürften vor allem energieintensive Unternehmen bald abwandern, warnt der European Round Table for Industry (ERT), eine der wichtigsten Interessenvertretungen in Brüssel.

„Europa verliert rapide an Wettbewerbsfähigkeit“, sagte der ERT-Vorsitzende Jean-François van Boxmeer im Interview mit dem Handelsblatt, „Les Échos“ aus Frankreich, „El Mundo“ aus Spanien und „Corriere della Sera“ aus Italien. „Die Deindustrialisierung verläuft in Europa schneller als die Dekarbonisierung.“

Van Boxmeer dringt daher auf die Umsetzung der Empfehlungen des Draghi-Berichts. Darin hatte der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank Mario Draghi im September konkrete Reformvorschläge für die Europäische Union formuliert. Unter anderem mahnte er, dass Dekarbonisierung und Wettbewerbsfähigkeit gemeinsam gedacht werden müssten.

Die transatlantischen Beziehungen mit dem künftigen US-Präsidenten Donald Trump dürften angespannt werden, prognostiziert van Boxmeer. Den Zollrisiken müsse Europa proaktiv begegnen, etwa indem man anbiete, mehr Produkte aus den USA zu importieren. Wenn Trump sich im Rahmen seiner Deregulierung von den Klimazielen abwende, werde Europa aber nicht folgen, machte der Lobbyist klar. „Die europäische Industrie hat sich zu diesem Wandel verpflichtet.“

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr van Boxmeer, wie steht es um die europäische Industrie?
Europa verliert rapide an Wettbewerbsfähigkeit – und zwar jedes Jahr, wenn wir uns mit China und den USA vergleichen. Im Jahr 2000 lag unser Anteil an der weltweiten Industrieleistung bei 22,5 Prozent, gegenüber den 21 Prozent der USA. Zwei Jahrzehnte später ist Europas Anteil auf 14,5 Prozent gefallen, die USA stehen bei 16 Prozent. Chinas Anteil ist von zehn auf 28 Prozent gestiegen.

Gibt es ein Risiko, dass die Industrie weiter abwandert?
Das ist nicht nur ein Risiko. Schlimmer noch: Es ist bereits die Realität. Energieintensive Industrien wie Stahl oder Aluminium sind wegen des jüngsten Schocks bei den Energiepreisen überhaupt nicht mehr wettbewerbsfähig. Die Deindustrialisierung verläuft in Europa schneller als die Dekarbonisierung. Die Stromkosten für die Industrie waren in den vergangenen 20 Jahren 65 Prozent teurer als in den USA.

Jean-François van Boxmeer, Chef der EU-Industrielobby ERT, warnt vor der Abwanderung von Firmen. Foto: ERT

Es liegt also an der Energiepolitik?
Und der strengen Regulierung. Multinationale Unternehmen entscheiden sich deshalb, außerhalb von Europa zu produzieren. Am Ende geht es auch um Subventionen und um die Stabilität der Regulierung. Das erfordert einen radikal anderen Ansatz der neuen EU-Kommission. Die große Mehrheit unserer Mitglieder beim ERT glaubt, dass Investitionen binnen drei Jahren nach Europa zurückkommen würden, wenn die Empfehlungen des Draghi-Berichts umgesetzt würden.

Kann Atomenergie zur Lösung des Energieproblems beitragen?
Wir sollten die Produktion von Atomenergie nicht scheuen. Kurzfristig müssen wir über erneuerbare Energien wie Solar- und Windkraft nachdenken. Langfristig müssen wir Wasserstoff und Atomkraft in Betracht ziehen. Wir brauchen diese gesamte Palette in unserem Energiemix. Die Entscheidung von Deutschland, seine Atomkraftwerke abzuschalten, war nicht realistisch.

Aus der deutschen Industrie kam eine Reihe von schlechten Nachrichten. Was ist das deutsche Problem?
Die Herausforderungen für Deutschland haben nicht nur mit den Energiekosten, sondern auch mit dem internationalen Handel zu tun: mit den aufkommenden Spannungen zwischen China und der EU, zwischen der USA und der EU, und zwischen den USA und China.

Vita Jean-François van Boxmeer
Der European Round Table for Industry (ERT) bringt rund 60 multinationale Unternehmen aus Europa zusammen. Das Forum gilt als eine der wichtigsten Interessenvertretungen für die europäische Industrie. Insgesamt erwirtschaften die ERT-Mitglieder einen Umsatz von mehr als zwei Billionen Euro und stehen für rund fünf Millionen Arbeitsplätze - davon die Hälfte in Europa.
Jean-François van Boxmeer steht seit 2022 an der Spitze des ERT. Der belgische Manager war lange Vorstandsvorsitzender der Brauerei Heineken, derzeit ist er Aufsichtsratsvorsitzender des Telekomkonzerns Vodafone.

Hat es Europa mit dem Green Deal übertrieben?
Wir sind die Sache zu überstürzt angegangen. Europa ist bereits der Weltmeister bei der Energiewende und schreitet schnell voran. Unser einziger echter Wettbewerber hier ist China. In den USA ist die Lage bei der Dekarbonisierung durchwachsener. Wichtig ist, dass wir in Europa realistischer beim Tempo der Energiewende werden, um nicht unseren Wohlstand durch Dekarbonisierung aufs Spiel zu setzen.

Sie haben die Handelsrisiken angesprochen: Wie sollte Europa auf die drohenden Zölle unter Donald Trump reagieren? EZB-Chefin Christine Lagarde schlägt vor, mehr aus den USA zu importieren.
Die Idee von Frau Lagarde ist sinnvoll. Wie ich gesagt habe, besteht ein Risiko, dass europäische Firmen in die USA abwandern. Das hat sich schon im Zuge des Inflation Reduction Act unter Präsident Joe Biden gezeigt. In jedem Sektor, wo in Europa weniger verdient wird als in den USA, werden Unternehmen eher in Amerika investieren.

Und die Trump-Zölle?
Wir kennen seine Verhandlungstaktiken. Die Beziehung wird angespannt sein. Das Handelsvolumen zwischen den USA und der EU ist allerdings auch viel höher als das zwischen den USA und China. Es gibt also die Chance, sich an einen Tisch zu setzen und zu schauen, wie wir zusammenarbeiten können. Als Europäer müssen wir hier proaktiv sein und unseren Stolz zurückstellen.

Trump hat Deregulierung und niedrigere Steuern versprochen. Ist das etwas, das Wirtschaftsvertreter in Europa begrüßen würden?
Alles, was das Investitionsklima in den USA verbessert, ist gut – für die Amerikaner und für uns. Wir müssen aber sehen, was unter Trump wirklich passiert. Deregulierung kann viel bedeuten. Was wir in Europa brauchen, ist eine Vereinfachung der Bürokratie. Wenn Trump unter Deregulierung die Abwendung von den Klimazielen versteht, dann ist das etwas anderes. Da werden wir nicht folgen. Die europäische Industrie hat sich zu diesem Wandel verpflichtet.

Sind die Regeln des EU-Wettbewerbsrecht noch zeitgemäß?
Ich hoffe hier auf Änderungen. Das gilt vor allem für Sektoren, die sehr kapitalintensiv sind oder hohe Ausgaben für Forschung und Entwicklung erfordern. Sie brauchen Skalierung. Europa hat mit 430 Millionen Einwohnern Skalierungspotenzial, Brüssel nimmt bei der Untersuchung von Marktkonzentration aber die 27 unterschiedlichen Länder als Rahmen. Wir müssen hier unseren Ansatz ändern.

Hat die EU-Kommission die nötige Rückendeckung für Reformen und die Umsetzung des Draghi-Berichts?
Ursula von der Leyen ist als Kommissionschefin bestätigt worden. Die Agenda ihrer neuen Kommission ist die Umsetzung der Draghi-Empfehlungen. Das sind gute Nachrichten. Der Kommission ist bewusst, dass es sehr schwierig werden wird für Europa, wenn wir nicht wettbewerbsfähiger werden und den gemeinsamen Markt vertiefen. Es geht nicht nur um Krisenmanagement, sondern um das strukturelle Fundament unseres Wohlstands.

Haben Sie den Eindruck, dass diese Sichtweise überall in der EU geteilt wird?
Die Frage ist natürlich, was in Paris, Berlin, Madrid und Rom passiert. Die politische Lage in den vier größten Volkswirtschaften der EU ist gerade sehr unterschiedlich. Die künftige Regierung in Deutschland ist unbekannt, die Verhältnisse in Frankreich sind kompliziert. Spanien wird von den Folgen der tragischen Überschwemmungen in Valencia erschüttert. In Italien herrscht derzeit mehr Stabilität. Wir hoffen, dass alle es als Generationenaufgabe begreifen, Europas Wirtschaft widerstandsfähiger zu machen.

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Deutschland und Frankreich scheinen mit sich selbst beschäftigt. Wie trifft der Ausfall des deutsch-französischen Motors die EU?
Es ist auf jeden Fall nicht hilfreich. Man kann nur hoffen, dass die künftige Regierung in Deutschland mit der französischen Regierung zusammenarbeitet. Daher ist es ein großes Glück, dass wir mit Ursula von der Leyen eine erfahrene Kommissionspräsidentin haben. Es gibt eine Anführerin im Raum.

Herr van Boxmeer, vielen Dank für das Interview.

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