1. Startseite
  2. Meinung
  3. Homo Oeconomicus
  4. Gastkommentar: Darum ist die Deindustrialisierung kein Mythos mehr

GastkommentarDarum ist die Deindustrialisierung kein Mythos mehr

Die Gefährdung der deutschen Industrie ist akut, aber noch gibt es eine Chance, sie zu retten, analysiert Daniel Stelter. Allerdings nicht mehr lange. 03.12.2024 - 16:24 Uhr Artikel anhören
Stahlproduktion bei Thyssen-Krupp: Das Unternehmen hat eine harte Schrumpfkur angekündigt. Foto: IMAGO/Rupert Oberhäuser

Die Worte „Dunkelflaute“ und „Deindustrialisierung“ haben inzwischen Karriere gemacht – nach einer ähnlichen Entwicklung. Zunächst wurden die Begriffe ins Reich der Mythen und Fake News verdammt, heute  werden sie im normalen Sprachgebrauch verwendet, auch international.

In beiden Fällen sorgte die Realität dafür, dass aus angeblichen Mythen anerkannte Fakten wurden. Je offensichtlicher die Lücke in der Stromversorgung in den Zeiten von Windstille und Sonnenarmut – den Dunkelflauten – wurde, desto schwerer war sie zu leugnen.

Spätestens seit dem Alarm von Markus Krebber, dem Vorstandsvorsitzenden von RWE, der vor einem möglichen Blackout warnte und den raschen Bau von Reservekapazitäten forderte, müsste dem letzten Beobachter die Dramatik der Situation klar sein. Die Zeit zum Gegensteuern wird knapp, und die Kosten steigen deutlich.

Die Deindustrialisierung ist jedoch noch immer nicht einhellig als signifikante Gefahr für unseren Wohlstand anerkannt. Zwar ist nicht mehr von einem Mythos die Rede – umso mehr aber von einem angeblich normalen Prozess, den man hinnehmen müsse, wie jeden x-beliebigen anderen Strukturwandel.

Und natürlich gibt es Studien, die Hoffnung machen. So rechneten Robert Lehmann und Timo Wollmershäuser vom Ifo-Institut im Februar vor, dass bei einer Betrachtung der Wertschöpfung eine Deindustrialisierung derzeit nicht sichtbar ist.

Bislang greift die Premiumstrategie

In der Tat zeigt sich ein differenziertes Bild: Die Produktion im Inland ist nach den Berechnungen zwar seit 2015 preisbereinigt um rund sechs Prozent gesunken, was zur Theorie der Deindustrialisierung passt. Andererseits ist die preisbereinigte Bruttowertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes im selben Zeitraum um sieben Prozent gestiegen. Damit hat sich im Verlauf von knapp acht Jahren eine Divergenz von mehr als 13 Prozent zwischen den Indizes aufgebaut.

Der Autor: Daniel Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Diskussionsforums beyond the obvious, Unternehmensberater und Autor. Jeden Sonntag geht auf www.think-bto.com sein Podcast online. Foto: Robert Recker/ Berlin

Vereinfacht kann man dies so erklären: Die Unternehmen haben die Produktion im Inland reduziert und gleichzeitig andere Aktivitäten ausgebaut, zum Beispiel in Forschung und Entwicklung. Ebenso ist die Konzentration auf hochwertige Produkte ein Treiber.

Solche Produkte erlauben es den Unternehmen, eine Preisprämie im Markt zu realisieren. Die Autoren der Studie sprechen von mehr „Klasse statt Masse“, eine Strategie, die deutsche Unternehmen schon lange verfolgen, um die hohen Kosten am Standort tragen zu können.

Diese Faktoren haben es ermöglicht, mehr inländische Wertschöpfung zu realisieren, während die Verlagerung von Produktion an kostengünstigere Standorte die Profitabilität sicherte. Die entscheidende Voraussetzung, damit das weiterhin funktioniert, ist allerdings, dass die hier entwickelten Waren immer noch eine Preisprämie erzielen.

Entfällt der technische Vorsprung, wird es schwer, höhere Preise durchzusetzen. Steigen die Kostennachteile am Standort zu stark an und werden in der Folge zu hoch, genügt die Preisprämie nicht mehr zur Kompensation. Das ganze System kommt unter Druck.

Beyond the obvious

Deindustrialisierung nur ein Mythos?

01.12.2024
Abspielen 01:03:45

Genau das erleben wir derzeit. Wie der Sachverständigenrat der Bundesregierung im aktuellen Gutachten vorrechnet, hat sich die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie in den vergangenen Jahren dramatisch verschlechtert.

Die Vermutung liegt also nahe, dass die Premiumstrategie an ihre Grenzen stößt, beziehungsweise von immer weniger Unternehmen erfolgreich umgesetzt werden kann. Was droht, ist ein zeitverzögerter Verlust an Bruttowertschöpfung.

Verwandte Themen
Berlin
RWE
Sachverständigenrat
Thyssen-Krupp

Stimmt diese Analyse, so läge es noch in unserer Hand, eine Deindustrialisierung zu verhindern. Die Zeit dafür wird aber knapp.

Erstpublikation: 01.12.2024, 10:19 Uhr.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt