Allianz: Investoren erwarten hohe Renditen bei der Allianz
Frankfurt. Der Versicherungsriese Allianz steuert dieses Jahr auf einen weiteren operativen Rekordgewinn zu. Dennoch steht Konzernchef Oliver Bäte unter dem Erwartungsdruck von Investoren. Denn wichtige Wettbewerber wie Zurich und Axa haben sich zuletzt ehrgeizigere Finanzziele als die Allianz gesetzt.
„Es würde mich sehr wundern, wenn die neuen Ziele der Allianz weniger ambitioniert ausfallen würden“, sagt Steffen Weyl, Portfoliomanager beim Fondsanbieter Union Investment. Finanzexperten gehen davon aus, dass Bäte den Kapitalmarkttag der Allianz am 10. Dezember dazu nutzen wird, um die Ziele für den Versicherer ebenfalls höherzustecken.
» Lesen Sie auch: Bei diesen Lebensversicherern steigen im kommenden Jahr die Zinsen
Für dieses Jahr zeichnet sich ein Gewinnsprung ab: Nach neun Monaten liegt das bereinigte Ergebnis je Aktie 15 Prozent über dem Vorjahreswert. Die annualisierte bereinigte Eigenkapitalrendite liegt bei 17,5 Prozent. Für das gesamte Jahr rechnet der Konzern mit einem operativen Gewinn, der in der oberen Hälfte der Zielspanne von 13,8 bis 15,8 Milliarden Euro liegen soll.
Der letzte Strategieplan der Allianz aus dem Jahr 2021 hatte folgende Ziele: ein jährliches Gewinnwachstum um fünf bis sieben Prozent, eine Eigenkapitalrendite von mehr als 13 Prozent und eine Solvenzquote – ein Maß für die Widerstandsfähigkeit von Versicherern in Extremsituationen – von mehr als 180 Prozent.
Mit dem, was die Allianz seitdem erreicht hat, dürfte sie sich am jährlichen Kapitalmarkttag zufrieden zeigen, auch wenn es im abgelaufenen Strategiezyklus teils auch schwierigere Zeiten gab. Vor allem im Jahr 2022 hatte eine Affäre um Milliardenverluste von US-Investoren mit Allianz-Hedgefonds das Ergebnis belastet.
Neue Finanzziele dürften höher ausfallen
Im neuen Strategieplan, der für die kommenden drei Jahre gilt, dürfte die Allianz dennoch eine Schippe drauflegen: Andrew Baker von der US-Bank Goldman Sachs rechnet damit, dass der Versicherer von 2025 bis 2027 eine Steigerung des Gewinns je Aktie von sechs bis acht Prozent, Kapitalausschüttungen in Höhe von 27 bis 30 Milliarden Euro und eine Eigenkapitalrendite von mehr als 15 Prozent avisieren wird.
Mit solch einer Zielmarke wäre die Allianz weniger ehrgeizig als Zurich: Der Schweizer Wettbewerber strebt in den Jahren 2025 bis 2027 eine Eigenkapitalrendite von mehr als 23 Prozent und ein Wachstum des bereinigten Gewinns je Aktie von über neun Prozent pro Jahr an. Goldman-Analyst Baker geht jedoch davon aus, dass die Allianz sich Spielraum lassen wird, um ihre Ziele am Ende übertreffen zu können.
Michael Huttner von der Privatbank Berenberg glaubt, dass die Allianz auch einen stärkeren Fokus auf das weitere Umsatzwachstum legen wird. Er rechnet damit, dass der Konzern ein Plus von sechs bis acht Prozent pro Jahr in Aussicht stellen wird – nicht unbedingt als konkretes Ziel, aber zumindest als Richtschnur.
Zudem hofft Huttner darauf, dass sich die Allianz zusätzlich zu der Vorgabe, 60 Prozent des Jahresüberschusses als Dividende auszuschütten, konkrete Ziele zu Aktienrückkäufen setzt – ähnlich wie Axa das im Frühjahr getan hat. Der französische Konzern will neben der ebenfalls 60-prozentigen Dividendenausschüttung 15 Prozent des Gewinns in den Rückkauf von Aktien stecken.
Auch die Allianz kauft regelmäßig Anteilsscheine zurück, im Jahr 2024 beispielsweise im Wert von 1,5 Milliarden Euro. Sie gibt Investoren hier bisher aber keine detaillierten Ziele an die Hand. Aktienrückkäufe wirken tendenziell dividenden- und kurssteigernd.
Höhere Kundenbindung ist wichtiges Anliegen
Der Blick auf die einzelnen Geschäftssegmente dürfte am Kapitalmarkttag ebenfalls interessant werden. In der Schaden- und Unfallversicherung profitierte die Allianz zuletzt vor allem von inflationsbedingten Preissteigerungen. Künftig dürfte der Konzern wieder mehr Wert auf eine Ausweitung des Geschäfts legen.
Vorstandschef Bäte betont immer wieder, wie wichtig es sei, die Kundenbindung zu erhöhen. Während die Allianz im Neugeschäft oft zulegen könne, gelinge es ihr bisher meist weniger gut, die Kundinnen und Kunden längerfristig zu halten, meint auch Goldman-Experte Baker. Schaffen will die Allianz das mit einem besseren Service – zum Beispiel im Bereich der Schadenprävention. Weniger Kundenverluste würden die Kosten senken, da die Anwerbung neuer Kunden teuer ist.
Geld sparen lässt sich auch durch eine stärkere Automatisierung. Der Einsatz Künstlicher Intelligenz spielt vor allem im Schadenmanagement von Versicherern eine immer größere Rolle. Portfoliomanager Weyl von Union Investment erwartet, dass die Allianz große Kostenvorteile hätte, wenn sie gute Lösungen fände, IT-Systeme auch über Ländergrenzen hinweg zu harmonisieren.
Berenberg-Fachmann Huttner schätzt ebenfalls, dass die Erhöhung der Produktivität im neuen Strategiezyklus eine wichtige Rolle spielt und die Allianz sich eine Schaden-Kosten-Quote von etwa 92 Prozent vornehmen wird. Je weiter die Kennzahl unter 100 Prozent liegt, desto profitabler ist das Geschäft. Im dritten Quartal 2024 betrug sie 93,5 Prozent.
Auch in der Lebens- und Krankenversicherung weist die Allianz derzeit ein starkes Neugeschäft aus. Bei Lebenspolicen setzt der Konzern seit Jahren verstärkt auf Produkte mit weniger Garantien. Dadurch wird eine chancenreichere Kapitalanlage möglich. Etwa ein Drittel der Kundengelder aus dem deutschen Lebensversicherungsgeschäft investiert der Versicherer mittlerweile in alternative Anlagen wie Private Equity und Infrastrukturprojekte.
Zukunft der Vermögensverwaltung steht im Blick
Nicht zuletzt deshalb wird auch eine immer engere Verzahnung mit der Vermögensverwaltung wichtig, insbesondere mit den beiden Allianz-Töchtern Pimco und AGI. Investoren hoffen vor allem auf Hinweise, wie es mit AGI weitergeht.
Vor Kurzem gab es Spekulationen, dass Konzernchef Bäte einen Partner für das Fondshaus suche. Für AGI – seit jeher im Schatten der deutlich größeren Tochter Pimco – wäre eine Fusion oder Übernahme eine Chance, im Wettbewerb besser zu bestehen. Neuigkeiten hierzu sind am Kapitalmarkttag aber noch nicht zu erwarten.
Gleichwohl kommt zunehmend Bewegung in den Markt für Fusionen und Übernahmen, nicht nur bei Vermögensverwaltern, sondern auch bei Versicherern. Ein Beispiel ist der Versuch des britischen Versicherers Aviva, den Konkurrenten Direct Line zu kaufen. „Übernahmen machen für die Allianz in den Märkten und Segmenten Sinn, in denen sie noch nicht zu den größten Anbietern zählt – ein Anspruch, den sie selbst an sich hat“, sagt Portfoliomanager Weyl.
Allerdings lässt sich nicht alles so schnell realisieren, wie sich die Allianz das wünscht: Bei den im Juli angekündigten Plänen, die Mehrheit am Versicherer Income Insurance in Singapur zu übernehmen, stößt die Allianz auf Widerstand. Daher wird nun nachverhandelt. Neben Asien könnte sich die Allianz in Europa nach Übernahmezielen umschauen – in Ländern, in denen sie momentan noch nicht so stark ist, wie etwa in Belgien oder Holland.
An der Börse scheint die Strategie der Allianz jedenfalls aufzugehen. Die Aktie hat in diesem Jahr bereits über ein Fünftel zugelegt und zeitweise die Marke von 300 Euro überschritten. Weyl von Union Investment hält sie nach wie vor für ein attraktives Investment: „Auch wenn der Kurs bereits gestiegen ist, ist die Bewertung im Vergleich zu ähnlich stabilen Unternehmen aus anderen Branchen – wie etwa Pharmafirmen – immer noch günstig“, erläutert der Portfoliomanager.
Erstpublikation: 04.12.2024, 13:47 Uhr.