Igor Kirillow: Wer ist der getötete russische General?
Düsseldorf. Für Kiew ein Massenmörder, für Moskau eine Galionsfigur im Kampf gegen die Nato und die Ukraine: Der General Igor Kirillow ist bei einer Explosion im Südosten Moskaus ums Leben gekommen.
Am frühen Dienstagmorgen detonierte eine Bombe in einem Elektroroller vor einem Wohnhaus in der russischen Hauptstadt. Neben Kirillow wurde auch sein Adjutant getötet.
Mittlerweile hat der ukrainische Geheimdienst SBU mehreren übereinstimmenden Medienberichten zufolge die Verantwortung für den Anschlag übernommen. Zu diesen Medien gehört auch die ukrainische Nachrichtenagentur Interfax Ukraina. Sie beruft sich auf Geheimdienstquellen.
Die Begründung für den Anschlag: Kirillow sei ein „absolut legitimes Ziel“, ein Kriegsverbrecher, der den Einsatz verbotener chemischer Waffen befohlen habe, so die Geheimdienstquellen.
Am Vortag hatten ukrainische Staatsanwälte Kirillow in Abwesenheit wegen des Einsatzes verbotener chemischer Waffen durch Russland während der Invasion verurteilt. Die Ukraine wirft ihm vor, mehr als 4800 Chemiewaffeneinsätze befohlen zu haben.
Igor Kirillow: Britische Regierung verhängte Sanktionen
Kiew ist mit seiner Einschätzung nicht allein. Im Oktober verhängte die britische Regierung Sanktionen gegen Kirillow. Seine Vermögenswerte wurden eingefroren, ein Reiseverbot wurde verhängt. Kirillow sei zudem ein „bedeutendes Sprachrohr für Desinformation des Kremls“, hieß es vom Außenministerium.
Zuvor hatten die USA seiner Einheit vorgeworfen, in der Ukraine gefährliche Chemikalien eingesetzt zu haben, darunter das Erstickungsmittel Chlorpikrin, das erstmals im Ersten Weltkrieg in Kämpfen eingesetzt wurde.
Kirillow hat eine Vorzeigekarriere im russischen Militär absolviert. Geboren wurde er 1970 in der Stadt Kostroma, rund 300 Kilometer nordöstlich von Moskau. Er besuchte die Militärakademie für ABC-Schutz in seiner Heimatstadt, war anschließend Zugführer und zwischenzeitlich in der DDR stationiert. ABC steht für atomare, biologische und chemische Kampfmittel.
1995 begann seine Karriere in der ABC-Abteilung der russischen Armee. Zunächst durchlief er verschiedene Positionen in einer Schutzbrigade. Seit 2009 war er im Büro des Chefs der russischen Chemieverteidigungskräfte tätig, bis er schließlich im April 2017 Chef der chemischen Verteidigungskräfte wurde.
Kirillow verbreitete Kreml-Propaganda
Die Reaktionen der russischen Führung zeigen, wie wichtig Kirillow für den russischen Angriffskrieg und die Kreml-Propaganda war. Der stellvertretende Sprecher des Föderationsrats, Konstantin Kosachev, bezeichnete ihn laut der staatlichen Nachrichtenagentur Tass als einen „irreparablen Verlust“.
Die Vertreterin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, erklärte auf Telegram, Kirillow habe viele Jahre lang systematisch und „mit Fakten die Verbrechen der Angelsachsen“ und der Nato aufgedeckt.
Kirillow gilt als einer der bedeutendsten Kriegshetzer, ist bekannt für Behauptungen über angebliche westliche Biolabore und deren Zusammenhang mit der Verbreitung von Infektionskrankheiten, darunter Covid-19. Er behauptete, Washington plane, die Ukraine mit Biowaffen zu versorgen. Dazu gehöre auch der Angriff auf russische Truppen mit malariainfizierten Moskitos.
Wiederholt warf er der ukrainischen Regierung vor, Chemiewaffen einzusetzen. Im Oktober 2024 behauptete er, das ukrainische Militär habe in der von Kiew gehaltenen Stadt Sudscha in der russischen Region Kursk Chemiewaffen westlicher Produktion eingesetzt. Ohne Beweise behauptete er zudem mehrfach, Kiew entwickle eine „schmutzige Bombe“ – eine Massenvernichtungswaffe, die bei ihrer Explosion radioaktives Material verteilt.
Russland droht mit Vergeltung
Kirillow ist der ranghöchste russische Armeeangehörige, der in jüngster Zeit auf russischem Territorium angegriffen wurde. Die „Kyiv Post“ berichtet unter Berufung auf ukrainische Geheimdienstquellen, die Ukraine habe eine Operation gegen Personen gestartet, die für den Einsatz von Waffen gegen Zivilisten verantwortlich sind.
Erst vor wenigen Tagen wurde der Raketenentwickler Mikhail Shatskyi erschossen. Shatskyi war für die Modernisierung der von Russland gegen die Ukraine eingesetzten Raketen vom Typ Kh-59 und Kh-69 verantwortlich. Berichten zufolge soll er zudem an KI-Technologie für russische Drohnen gearbeitet haben. Verantwortlich für den Mord war laut „Kyiv Post“ der Militärnachrichtendienst der Ukraine HUR.
Im Oktober war Dmitri Golenkow, ein hochrangiger Offizier eines russischen Bomberregiments, ermordet worden. Die Ukraine reklamierte die Tötung für sich.
Offen ist noch, wie Moskau auf die Tötung des Top-Generals reagieren wird. Der stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrats Dmitri Medwedew erklärte, Kiew werde „unweigerlich mit Vergeltung rechnen müssen“. Andrei Kartapolow, Vorsitzender des Verteidigungsausschusses der Staatsduma, versprach, die Organisatoren und Täter hinter Kirillows Tod würden „gefunden und bestraft, egal wer es ist und egal wo sie sind“.