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GasDeutsche Energieversorger legen ihre Netze nur langsam still

Betreiber in deutschen Städten stellen nach einer Handelsblatt-Umfrage ihre Energienetze nur langsam auf umweltfreundlichere Versorgung um. Mannheim will sein Gasnetz bis 2035 stilllegen.Henri Schlund 23.01.2025 - 08:27 Uhr Artikel anhören
Erdgasleitung in einem Heizkraftwerk: Für die Fernwärmeerzeugung planen viele Betreiber mit Wasserstoff. Foto: IMAGO/Joerg Boethling

Düsseldorf. Deutschlands größte Gasnetzbetreiber haben noch keinen konkreten Plan für die künftige Versorgung von Heizungskunden. Dies, obwohl das Klimaschutzgesetz dringend eine Umstellung auf umweltfreundlichere Energieversorgung nötig macht. Das ergibt eine Umfrage des Handelsblatts.

Auf die Frage, wann wie viel ihrer Gasnetze stillgelegt werden soll, wollte keiner der Betreiber ein konkretes Datum nennen. Hintergrund der Umfrage war eine Ankündigung des Mannheimer Energieversorgers MVV im November, sein Erdgasnetz bereits 2035 stillzulegen.

Nach dem Klimaschutzgesetz muss Deutschland bis 2045 klimaneutral sein. Bis dahin soll das Land „netto treibhausgasneutral“ sein. Das heißt: Falls es noch Emissionen gibt, müssen diese an anderer Stelle kompensiert werden, indem man der Atmosphäre mithilfe von Technologien oder zusätzlichen Pflanzen Kohlendioxid entzieht. Die Nutzung von Gas in Heizungen wäre dann nur noch erlaubt, wenn das Gas grün ist, also entweder aus Pflanzen oder aus klimaneutral hergestelltem Wasserstoff stammt.

Die MVV geht allerdings davon aus, dass bis dahin „alternative Biogase oder Wasserstoff für eine klimaneutrale Gasheizung in Haushalten nicht oder jedenfalls nicht ausreichend und keinesfalls bezahlbar zur Verfügung stehen“ werden. Deshalb entschied sich das Unternehmen für eine frühere Stilllegung seiner Gasnetze.

Eigentlich müssen sich die Gasnetzbetreiber längst mit der Zukunft ihrer Infrastruktur beschäftigen: Großstädte ab 100.000 Einwohnern müssen nach dem sogenannten Wärmeplanungsgesetz bis Mitte 2026 eine sogenannte kommunale Wärmeplanung vorlegen, kleinere Kommunen bis Mitte 2028.

Darin sollen sie planen, welche Gebiete der Stadt künftig auf welche Weise mit Wärme versorgt werden sollen. Doch im Gegensatz zu Mannheim wollen die vom Handelsblatt befragten Betreiber noch keine verbindlichen Pläne für eine Stilllegung von Gasnetzen machen.

Gasnetzbetreiber setzen auf späten Ausstieg aus der Gasversorgung

Während MVV aus dem eigens gesteckten Ziel, bis 2035 klimaneutral zu werden, ableitet, ihr Erdgasnetz zu diesem Zeitpunkt stillzulegen, ziehen die befragten Betreiber andere Schlüsse aus den Zielen ihrer Kommunen.

Sieben der zehn Städte, in denen die befragten Versorger Gasnetze betreiben, streben Klimaneutralität zwischen 2030 und 2040 an. Das zwingende Ende für die Erdgasversorgung durch ihre Netze sehen die Betreiber derzeit erst 2045.

So plant die Freiburger Badenova, bereits bis 2035 zwar in ihren direkten Prozessen und beim Bezug von Energie treibhausgasneutral zu sein, die Gasnetze will sie aber erst dann schrittweise auf grüne Gase umstellen.

Die Hamburger Energienetze wollen erst einmal abwarten, ob die Politik die bestehenden Regeln noch einmal ändert: „Angesichts des anstehenden Regierungswechsels und möglicher Folgen für das Gebäudeenergiegesetz verfolgen wir derzeit keine konkreten Pläne für die Stilllegung von Erdgas-Netzabschnitten.“

Versorger in Berlin, Chemnitz und Frankfurt knüpfen ihre Zukunftsaussichten an die noch ausstehende kommunale Wärmeplanung. Die Frankfurter Mainova erklärt: „Weiter gehende Pläne für das Gasnetz können wir verbindlich erst danach entwickeln.“

Gasbetreiber wollen ihre Netze schneller abschreiben als bislang geplant

Auch wenn die Betreiber kein Stilllegungsdatum für ihre Gasnetze festlegen wollen, bereiten sich mehrere der befragten Unternehmen zumindest finanziell auf ein Gas-Ende vor: Sie erwägen, ihre Netze schneller abzuschreiben als bisher geplant.

Logo der Bundesnetzagentur: Die oberste deutsche Behörde der Energieversorger erlaubt den Gasbetreibern, ihre Gasnetze schneller abzuschreiben. Foto: REUTERS

Dahinter steckt eine neue Möglichkeit, die die Bundesnetzagentur geschaffen hat: Netzbetreiber, die bisher mit einer Nutzung ihrer Gasnetze bis 2050 oder länger rechneten, können die geplante Nutzungsdauer nun auf 2045 oder kürzer begrenzen.

Dadurch dürfen die Netzbetreiber die Gasnetze schneller abschreiben. So können sie das Geld, das sie in diese Netze investiert haben, über einen kürzeren Zeitraum zurückverdienen. Denn Abschreibungszeiten und Netzentgelte hängen voneinander ab: Je kürzer die Abschreibungszeit, desto höhere Netzentgelte für ihre Gaskunden dürften die Versorger verlangen.

Durch diese Möglichkeit sind die Netze schon zu einem früheren Zeitpunkt aus der Bilanz heraus, was den Anreiz verringert, daran festzuhalten.

Die Hamburger Energienetze sagten dem Handelsblatt, die schnellere Abschreibung werde für sie in den kommenden Jahren ein wichtiges Instrument. Die Freiburger Badenova sagte zumindest, sie begrüße die neue Möglichkeit.

Die EWE aus Oldenburg und die Mainova aus Frankfurt haben angekündigt, im Jahr 2025 erstmals einen Teil ihrer Netze schneller abzuschreiben als bislang geplant. Auch die NBB Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg sagte, sie habe „von der Möglichkeit einer beschleunigten Abschreibung der Gasnetzinfrastruktur bis längstens 2045 moderat Gebrauch gemacht“.

Eine breite Nutzung der schnellen Abschreibung könnte die Netzentgelte früher steigen lassen. Eine konkrete Prognose hält die Hamburger Energienetze für „hochspekulativ“. Die Badenova in Freiburg rechnet hingegen mit einer „prozentualen Erhöhung im unteren bis mittleren zweistelligen Bereich“.

Wasserstoff: Nur indirekte Bedeutung für private Haushalte

Wer seine Netze nicht bis 2045 abschreibt, braucht bis dahin genügend grüne Gase, um sie auszulasten. Die meisten Stadtwerke glauben allerdings nicht, dass private Haushalte künftig nennenswert mit Wasserstoff heizen. Von allen befragten Betreibern beschäftigt sich nur die Energie Südbayern mit dem Aufbau einer lokalen Wasserstoffinfrastruktur für Haushalte.

Dennoch wollen viele der Betreiber 2045 nicht alle Teile ihrer Gasnetze stilllegen. Schließlich führen Gasnetze nicht nur zu Haushalten, die mit dem Gas heizen, sondern auch zu Betrieben und größeren Heizanlagen.

Wasserstoff soll nach der Planung der Betreiber künftig entweder als Brennstoff für Fernwärmeerzeugung oder in energieintensiven Industrien eingesetzt werden. So plant Mainova in Frankfurt, ein Heizkraftwerk bis 2026 auf wasserstofffähigen Betrieb umzustellen. Die vorhandenen Gasnetze seien dafür „mit moderatem Modernisierungsaufwand zügig umrüstbar“.

Die Mainova will mit umweltschonenderer Fernwärme dicht besiedelte Gebiete versorgen, in weniger dicht besiedelten hebt sie die Bedeutung von Wärmepumpen hervor.

Auch die meisten der anderen befragten Versorger sind an ersten Umstellungsprojekten und -analysen beteiligt.

MVV bedauert späte Kommunikation über ihre Stilllegungspläne

Ein kleiner Teil des rund 600.000 Kilometer langen Erdgastransportnetzes wird in das Wasserstoff-Kernnetz aufgenommen. Bei dem Rest scheint eine Umwidmung für einen großen Teil der Verteilnetze für eine Nutzung über 2045 hinaus kaum infrage zu kommen.

Viele Gasnetzbetreiber dürften allerdings die Konflikte scheuen, die die MVV durch die vorgezogene Stilllegung ihrer Infrastruktur nun zu spüren bekommt: Als sie ihre Pläne bekannt gab, verärgerte sie damit vor allem Kunden, die erst vor Kurzem in eine Gasheizung investiert hatten.

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Dabei plante die MVV nach eigenen Angaben bereits seit längerer Zeit, ihr Gasnetz früher stillzulegen. Seine Kommunikation sieht der Versorger heute eher kritisch. Ein Sprecher räumte ein: „Rückblickend würden wir vermutlich noch offensiver kommunizieren.“ Sollten sich in den kommenden Jahren aus den jeweiligen kommunalen Wärmeplänen in Städten und Kommunen doch frühere Stilllegungen ergeben, könnten neue Gasheizungen wohl nur wenige Jahre laufen.

Erstpublikation: 21.01.2025, 12:47 Uhr.

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