Genossenschaftsbank: Warum eine Volksbank Mitgliedern ohne Girokonto kündigt
Frankfurt. Die meisten Genossenschaftsbanken sind stolz darauf, wenn sie besonders viele Mitglieder, also Anteilseigner, haben. Die Volksbank Haselünne indes ist einen ungewöhnlichen Schritt gegangen. Sie hat binnen zwei Jahren rund 550 Mitgliedern gekündigt.
Der Grund: Die meisten Betroffenen sind aus Sicht der Bank „inaktiv“, sie haben kein Girokonto bei der Bank. Zudem wohne etwa die Hälfte nicht mehr im wesentlichen Geschäftsgebiet der Bank, erklärte das Geldhaus.
Die Bank habe Ende 2024 versucht, „unsere inaktiven Mitglieder zu einer aktiven Mitgliedschaft zu bewegen“, erklärten die Bankvorstände Andreas Knief und Oliver Pohl auf Anfrage. Der Hintergrund sei, dass man im Sinne aller aktiven Mitglieder eine faire Nutzung der Mitgliedervorteile gewährleisten wolle. Zuerst hatte die „Neue Osnabrücker Zeitung“ darüber berichtet.
Ende 2022 hatte die Bank aus der Nähe von Meppen bereits 200 Personen angeschrieben, im November erhielten rund 350 Mitglieder Post von der Volksbank, heißt es in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Insgesamt habe die Volksbank derzeit gut 5000 Mitglieder.
Dass Kunden Eigentümer der Bank sind und über Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat abstimmen, ist im umkämpften deutschen Bankenmarkt ein Alleinstellungsmerkmal der genossenschaftlichen Geldhäuser. Daneben erhalten Mitglieder eine jährliche Dividende.
Über Jahre hinweg überzeugte das immer mehr Menschen. Zudem kamen die Genossenschaftsbanken in der Finanzkrise ohne staatliche Hilfe aus, aktuell allerdings sieht sich der Sektor einer Reihe von Skandalen gegenüber – gleich drei Banken müssen durch die gemeinsame Sicherungseinrichtung der Branche gerettet werden. Die Zahl der Mitglieder stieg 2018 bis auf 18,6 Millionen. Seitdem aber sinkt sie, per Ende 2023 auf 17,8 Millionen, vor allem weil Mitglieder sterben und nicht viele neue hinzukommen.
Schließfach nur für Mitglieder
In der Regel sind die Mitglieder der Genossenschaftsbanken auch zugleich Kunden des jeweiligen Finanzinstituts, was in der Branche teils als „aktive Mitglieder“ bezeichnet wird. Andersherum sind aber keineswegs alle Kunden auch Mitglieder. Dem genossenschaftlichen Sektor ist dieser Grundsatz wichtig. „Eine inaktive Mitgliedschaft entspricht nicht dem Charakter einer Genossenschaft“, erklärt der Branchenverband BVR.
Der BVR verweist auf das genossenschaftliche Förderprinzip, das im Genossenschaftsgesetz verankert sei. Demnach verpflichteten sich Genossenschaftsbanken dazu, das Wohl ihrer Mitglieder zu fördern. „Dieses Prinzip gilt beidseitig, was bedeutet, dass auch die Mitglieder verpflichtet sind, zur Förderung der Genossenschaft beizutragen“, so der Lobbyverband.
Manche Volks- und Raiffeisenbanken verdeutlichen das auch in ihrer Satzung: Bei ihnen können nur diejenigen Anteile erwerben, die ein Girokonto bei der Bank haben und in der Region wohnen.
Etliche Genossenschaftsbanken gewähren Mitgliedern Vorteile. Bei der Volksbank Haselünne gilt beispielsweise, dass nur Mitglieder ein Schließfach erhalten. Hinzu kommt, dass Mitglieder seit Kurzem Anteile bis zur Summe von 44.000 Euro erwerben können. Auf der Mitgliederversammlung habe dieses Mitglied dennoch nur eine Stimme.
„Dass jemand, der mit bis zu 44.000 Euro an der Bank beteiligt ist, dort auf jemanden trifft, der nur einen Anteil hat und keinerlei Geschäftsbeziehung, halten wir für ungerecht“, findet der Bankvorstand. Er betont, dass die gekündigten Mitglieder weitgehend mit Verständnis reagiert hätten.
Volksbanken schütteten bis zu 4,2 Prozent aus
Einige genossenschaftliche Geldhäuser haben zuletzt verstärkt um neue Mitglieder geworben. Oder sie erhöhen die Maximalsumme, die ein Anteilseigner zeichnen kann – teilweise um mehrere Tausend Euro. Dabei geht es den Banken darum, Kunden, die auch Mitglieder sind, enger an sich zu binden. Zudem werden die gezeichneten Anteile zum wichtigen harten Kernkapital der Geldhäuser gezählt.
Das Verbraucherportal Biallo stellt fest, dass die aktive Mitgliedschaft keineswegs immer Pflicht ist: „Bei einigen Banken können Sie aber auch Genossenschaftsanteile kaufen, ohne dort ein Girokonto zu eröffnen, einen Kredit abzuschließen oder eine Geldanlage zu erwerben.“
Gerade in Zeiten der Negativzinsphase galten Anteile bei Genossenschaftsbanken teils als attraktive Anlage. In den Jahren 2017 bis 2022 schütteten die Geldhäuser durchschnittlich 2,6 bis 4,2 Prozent aus, während es auf Einlagen bei deutschen Banken und Sparkassen gar keine Verzinsung gab oder bei höheren Vermögen sogar Strafzinsen fällig wurden.