Industrie: Chemiebranche erwartet 2025 schrumpfendes Geschäft
Düsseldorf. Die Krise der Chemieindustrie ist nicht überwunden. 2025 wird der Umsatz der Branche voraussichtlich um drei Prozent schrumpfen, wie die am Mittwoch veröffentlichte Prognose des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) zeigt. Auch die Produktion dürfte laut VCI um zwei Prozent sinken. Nur in der Pharmaindustrie werden Zuwächse erwartet.
„2024 war ein weiteres Jahr zum Vergessen“, sagte VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup. Statt der erhofften Trendwende habe die Branche einen neuen Tiefpunkt verkraften müssen.
„Die schlechten Nachrichten reißen aber auch im neuen Jahr nicht ab“, sagte Große Entrup. Er verwies auf die „unberechenbare“ Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump, erneut steigende Energiepreise und ungelöste Strukturprobleme.
BASF und Covestro sehen kein Wachstum
Diese Punkte benennt auch das Ifo-Institut und ergänzt bürokratische Hürden und eine schwache Nachfrage. „Die Zollpläne von Donald Trump belasten das Exportgeschäft“, sagte Ifo-Chemieexpertin Anna Wolf. Angesichts dieser Belastungen planten die Unternehmen mit sinkender Produktion – und damit, weiter Personal abzubauen.
Die Chemieindustrie gilt als Gradmesser der Konjunktur. Denn sie stellt die Grundstoffe und Vorprodukte für nahezu die gesamte verarbeitende Industrie her. Wenn sich die Chemie auf ein schwieriges Jahr vorbereitet, sieht es also auch für die Wirtschaft nicht gut aus.
Die Analysten der Baader Bank zeichnen ein ähnliches Bild wie der Branchenverband. Sie gehen davon aus, dass es in diesem Jahr kaum Impulse für spürbares Wachstum in der Chemie geben wird – und verweisen auf die Erwartungen der Unternehmen.
BASF-Chef Markus Kamieth sagte: „Wir rechnen nur begrenzt mit Rückenwind aus dem Markt und wissen, dass wir uns fast alle Verbesserungen selbst erarbeiten müssen.“
Covestro spürt in keiner der drei großen Wirtschaftsregionen USA, Europa und China bisher eine spürbare Erholung und verlässt sich auf seine eigenen Hebel wie etwa Effizienzsteigerung. Wacker Chemie prognostizierte am Mittwoch zwar leichte Zuwächse für 2025. Mit Blick auf das weiterhin schwache Marktumfeld stünden aber Kostendisziplin und Effizienzsteigerungen weiterhin im Fokus, teilte der Münchener Konzern mit.
„Sorgenkind“ Europa in der Krise
Im vergangenen Jahr war vor allem Europa das „Sorgenkind“, wie der VCI es bezeichnet. Sowohl die Inlandsumsätze in Deutschland schrumpften als auch die Auslandsumsätze mit europäischen Kunden. „Die europäische Industrie blieb in der Krise“, so der VCI.
Viele Industriebranchen hätten ihre Produktion erneut gedrosselt, der Warenkonsum sei schwach gewesen und die Wettbewerbsfähigkeit unter Druck. Die Auslastungsrate der Produktionsanlagen der Chemieindustrie lag im gesamten Jahr 2024 unter der Rentabilitätsschwelle von 82 bis 85 Prozent. Im vierten Quartal etwa lag sie bei nicht einmal 75 Prozent.
Währenddessen habe sich in den USA eine immerhin robuste Entwicklung gezeigt. Und China habe zum Jahresende ein dynamisches Wachstum erfahren. Doch die positiven Impulse aus dem außereuropäischen Ausland waren zu schwach, um das Blatt insgesamt zu wenden.
In seinem Ausblick betrachtet der VCI die Chemie- und die Pharmabranche zusammen. Die gesamte Produktion der beiden Branchen dürfte 2025 demnach stagnieren, obwohl die Pharmaproduktion um zwei Prozent wachsen dürfte. Doch das könnte die ebenfalls um zwei Prozent zurückgehende Chemieproduktion nur gerade so kompensieren.
Der Pharmabereich wirdauch der Bereich sein, dessen Umsatz in diesem Jahr wächst, um immerhin zwei Prozent. Da der Chemieumsatz parallel aber um drei Prozent schrumpfen dürfte, kommt der VCI in seinem Gesamtausblick zu einem Umsatzminus von einem Prozent.
Auch beim Blick auf die Beschäftigtenzahlen fängt die Pharmaindustrie derzeit auf, was die Chemieindustrie abbaut. „Der Druck auf die Beschäftigtenzahlen in der Chemie blieb wegen der weiterhin schwierigen Lage unvermindert hoch“, erklärte der VCI. Noch könne dies der Zuwachs in der Pharmaindustrie kompensieren. Das könne sich aber ändern, vor allem im Hinblick auf Ankündigungen von Umstrukturierungen.
Evonik verspricht Gewinnsteigerung
Die scheinen sich bei Evonik schon im laufenden Jahr auszuzahlen: Bei der Prognose stechen die Essener positiv heraus und versprechen schon jetzt eine Gewinnsteigerung.
Vorstandschef Christian Kullmann sieht zwar aktuell „nur ganz wenige helle Flecken am Himmel“, was die Lage für die gesamte Chemie angeht. Doch die Ergebnisse des Umbaus bei Evonik sollen sich 2025 voll bemerkbar machen.
Vergangenes Frühjahr hatte er seinen Umbauplan angekündigt. Unter anderem sollen 2000 Stellen in der Verwaltung wegfallen. Geschäfte mit 3600 Beschäftigten sollen ausgegliedert werden.
Außerdem streicht Kullmann eine Führungsebene und rückt die Geschäftseinheiten näher an das Leitungsgremium. Dazu räumt Evonik im Portfolio auf und fokussiert sich auf margenstarke Geschäfte.
„Mangelnde Priorisierung“ der Politik
Die Chemieindustrie fordert von der künftigen Bundesregierung einen klaren wirtschaftspolitischen Kurs, um den „viel beschworenen Neustart in die Tat umzusetzen“. Eine radikale wirtschaftspolitische Kurskorrektur sei überfällig, so der VCI. Er fordert die Devise „Economy first“, also Wirtschaft zuerst.
Dass der politische Kurs die Unternehmen beeinflusst, zeigte sich vergangene Woche, als CDU/CSU und SPD ihre Pläne für ein riesiges Infrastrukturpaket sowie die Aufrüstung der Bundeswehr bekannt gaben. Dabei gehörten die Aktien deutscher Chemiekonzerne zu den besonders starken Gewinnern.
So legten Lanxess, Evonik und BASF an der Börse am Tag nach der Ankündigung um bis zu 15 Prozent zu. Anleger gehen davon aus, dass die Grundstoffhersteller vor allem von einem möglichen Bauboom profitieren könnten. Lanxess etwa ist ein großer Hersteller von Pigmenten für die Bauindustrie, BASF liefert Zusatzstoffe für den im Straßenbau benötigten Asphalt.
Doch hat das aus Sicht von Analysten keine Bedeutung für die Geschäftsaussichten in diesem Jahr. Die angekündigten riesigen Ausgabenprogramme in Deutschland würden sich möglicherweise nicht so schnell und nicht so deutlich in einem höheren Auftragsvolumen niederschlagen, wie derzeit angenommen werden könnte, kommentiert die Baader Bank.