Naturkatastrophe: Zahl der Toten bei schwerem Erdbeben in Myanmar steigt auf 2886
Bangkok. Nach dem starken Erdbeben in mehreren Ländern Südostasiens geht die Suche nach Opfern weiter. Im abgeriegelten Bürgerkriegsland Myanmar, wo das Epizentrum des Bebens lag, kamen nach Angaben von Staatsmedien inzwischen 2886 Menschen ums Leben. Die Zahl der Opfer könne aber noch steigen, teilte die regierende Militärjunta mit. Mehr als 4639 Menschen seien verletzt worden, 373 Personen würden vermisst.
Zu spüren war das Beben unter anderem auch in Thailands Hauptstadt Bangkok und in Teilen Indiens, Chinas und in Vietnams Hauptstadt Hanoi. Nach Schätzungen der US-Erdbebenwarte USGS könnte die Zahl der Toten in Myanmar bis auf 10.000 steigen. Im benachbarten Thailand starben mindestens neun Menschen.
Am Samstag traf ein chinesisches Rettungsteam in Rangun, der früheren Hauptstadt Myanmars, ein. Das 37-köpfige Team brachte Hilfsgüter mit, wie die chinesische Botschaft mitteilte. Das Land werde Myanmar 13,8 Millionen Dollar an Hilfe zukommen lassen. Auch Russland, Indien, Malaysia, die USA, Singapur und Südkorea kündigten Hilfe an.
Das Deutsche Geoforschungsinstitut (GFZ) in Potsdam meldete ein Erdbeben der Stärke 7,6 in Myanmar in einer Tiefe von etwa 20 Kilometern. Die Erde habe teils minutenlang gezittert, hieß es. Zudem registrierten die US-Forscher kurze Zeit nach dem Erdbeben etwas südlich ein weiteres mit einer Stärke von 6,4.
Erdbeben könnte Chaos in Myanmar vergrößern
Die in Myanmar herrschende Militärregierung verhängte den Ausnahmezustand für mehrere Regionen. Sie bat um internationale Hilfe. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen teilte mit, die EU sei bereit, Unterstützung zu leisten. In einer Mitteilung sprach sie „von herzzerreißenden Szenen aus Myanmar und Thailand“. Auch die Bundesregierung stellte den Ländern Unterstützung in Aussicht.
Das Beben ereignete sich in der Landesmitte Myanmars. In der östlich vom Epizentrum gelegenen Stadt Mandalay, der mit 1,6 Millionen Einwohnern zweitgrößten Stadt des Landes, stürzten Gebäude ein. Im Ort Aung Pan nahe Mandalay stürzte unter anderem ein Hotel ein. Dort sollen viele Menschen eingeschlossen sein, wie Rettungskräfte in den sozialen Medien berichteten. In Sagaing brach eine alte Brücke ein.
Fotos zeigten zudem beschädigte historische Pagoden in Myanmars Hauptstadt Naypyidaw und ein beschädigtes Kloster. Seit einem Militärputsch im Februar 2021 versinkt das frühere Birma ohnehin im politischen Chaos, verschiedene Rebellengruppen kämpfen teils erfolgreich gegen die Armee. Das Erdbeben und die Folgen könnten die Lage verschärfen. Myanmar ist eines der ärmsten Länder Asiens mit einem Pro-Kopf-Einkommen von nur etwas mehr als 1200 US-Dollar im Jahr.
Die Nationale Einheitsregierung, die sich nach dem Putsch als demokratische Alternative zur Junta gebildet hatte, kündigte an, Angriffe auf das Militär für zwei Wochen auszusetzen. Ausgenommen seien „Verteidigungshandlungen“. Nach Medienberichten griff das Militär auch nach den Erdstößen weiter Rebellengruppen an.
Erdbeben ist auch in Thailand zu spüren – heftige Schäden in Bangkok
In der thailändischen Hauptstadt Bangkok, etwa 1000 Kilometer vom Epizentrum entfernt, brach der Rohbau eines Hochhauses nach den Erschütterungen in sich zusammen. Videos im Internet zeigen den Zusammensturz, während Arbeiter davonliefen. Ministerpräsidentin Paetongtarn Shinawatra berief während ihres Besuchs auf der Insel Phuket eine Notstandssitzung ein.
In Bangkok schwanden die Hoffnungen, noch Überlebende aus den Trümmern des Hochhauses zu bergen, das zum Zeitpunkt des Bebens noch im Bau war. Bislang wurden 15 Leichen geborgen, 72 Menschen werden noch vermisst.
In Bangkok bebte minutenlang die Erde, Menschen verließen in Panik ihre Häuser. Im Stadtteil Silom im Zentrum der Hauptstadt waren Tausende Menschen auf der Straße, viele rannten. Sofort waren auch Helfer im Einsatz, die die Menschen anleiteten, sich unter freien Himmel zu begeben und die Gebäude zu verlassen. Aus den Krankenhäusern wurden Patienten auf die Straßen gebracht.
Von den Swimmingpools, die sich in vielen Bangkoker Hochhäusern auf dem Dach befinden, schwappten Wassermassen auf die Straßen.
Ein Kran stürzte auf eine viel befahrene Straße und blockierte den Verkehr. Stadtautobahnen wurden vorübergehend geschlossen. Auch die U-Bahn und die Hochbahn – eines der wichtigsten Fortbewegungsmittel für Pendler in der Stadt – stellten den Betrieb ein, um die Bahnstrecken auf Schäden zu untersuchen.
Die Stadtverwaltung erklärte Bangkok zum Katastrophengebiet und ordnete an, die beschädigten Gebiete zu begutachten und zu überwachen.
Die Erdbebenschäden dürften eine Debatte über die Bausicherheit weiter anheizen. Erst vor zwei Wochen starben beim Einsturz eines Betonträgers an der Baustelle für eine Hochstraße sechs Menschen. Ein Ingenieurverband warf der thailändischen Regierung daraufhin vor, Sicherheitsstandards beim Bau nicht wirksam durchzusetzen.
Die thailändische Regierung versuchte, Touristen zu beruhigen. Der Betrieb in Hotels und bei Veranstaltungen laufe normal ab, schrieb sie auf der Plattform X. Es gebe außerdem keine Berichte über Schäden an Sehenswürdigkeiten. Auch die internationalen Flughäfen etwa in Bangkok und auf der beliebten Urlaubsinsel Phuket seien wieder in den normalen Betrieb zurückgekehrt, teilten die Betreiber mit. Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes.
Erdbeben ist auch in China zu spüren
In China war das Beben auch in der an Myanmar angrenzenden Provinz Yunnan in Südwestchina deutlich zu spüren, wie das chinesische Staatsfernsehen berichtete. Betroffen waren unter anderem die Großstadt Kunming und die bei Touristen beliebten Orte Lijiang und Dali.
Der Katastrophenschutz in der Stadt Ruili sprach von Schäden an Häusern und Verletzten, wie chinesische Medien unter Berufung auf die Behörde berichteten. Ein Video auf der chinesischen Onlineplattform Weibo, Chinas Pendant zur Plattform X, zeigte Trümmerteile auf einer Straße in Ruili und Schäden an einem Hausdach. Auch in den chinesischen Provinzen Guizhou und Guangxi waren die Erdstöße zu spüren. Aus Vietnam, wo etwa in der Hauptstadt Hanoi die Erde bebte, wurden zunächst keine Schäden bekannt.
Erdbeben mit vergleichbarer Stärke kosteten oft Tausenden das Leben
Bei schweren Erdbeben wie jetzt in Myanmar sind die Schäden meist verheerend. Oft sterben Tausende, durch die Zerstörungen verlieren ganze Bevölkerungen ihr Zuhause. Gerade Asien ist immer wieder betroffen. Afghanistan (Juni 2022), Indonesien (September 2018) und Nepal (Mai 2015) erlebten Katastrophen mit Tausenden Toten. Als besonders verheerend ist das Erdbeben vom März 2011 vor der japanischen Ostküste in Erinnerung, das fast 16.000 Menschenleben forderte und die Havarie des Atomkraftwerks in Fukushima verursachte.
In Pakistan und Indien wurden nach einem Beben der Stärke 7,6 im Oktober 2005 an die 80.000 Todesopfer gezählt, 3,5 Millionen Menschen wurden obdachlos. Zuvor hatte Weihnachten 2004 ein starkes Seebeben vor der Insel Sumatra gewaltige Tsunamis ausgelöst, die Tod und Zerstörung an die Küsten des Indischen Ozeans brachten. Geschätzt 230.000 Menschen starben – darunter mehr als 500 Deutsche.
Wissenschaftler rechnen mit Nachbeben
Wissenschaftler halten die Gefahr weiterer Erdbeben in Myanmar für sehr realistisch. „Wir gehen davon aus, dass Nachbeben stattfinden. Das ist ein typischer Prozess“, sagte der Geophysiker Oliver Heidbach vom Deutschen Geoforschungsinstitut (GFZ) in Potsdam der Deutschen Presse-Agentur.
Möglich seien Nachbebenserien, die in der Anzahl und Stärke mit der Zeit abnehmen. Die Wissenschaftler rechneten damit, dass es in den nächsten Stunden bis Tagen Nachbeben der Stärke 6 bis 6,5 geben könne. Es könne auch zu einem zweiten starken Beben kommen.
„Das ist von großer Bedeutung, weil dann die seismischen Wellen, die durch starke Nachbeben erzeugt werden, schon auf vorgeschädigte Gebäude treffen“, erklärte Heidbach. Rettungsarbeiten könnten dadurch erschwert oder sehr gefährlich werden.
Mit Agenturmaterial.