Grünenthal: „Die Führungsrolle der USA bei Innovationen wird gefährdet“
Frankfurt. Für das Familienunternehmen Grünenthal aus Aachen sind die USA der derzeit wichtigste Wachstumsmarkt. Der Geschäftsführungsvorsitzende Gabriel Baertschi, der als familienfremder Manager das Pharmaunternehmen seit mehr als acht Jahren führt, war gerade in den USA und hat frische Eindrücke gesammelt. Die größten Sorgen bereiten ihm, dass die Politik von Präsident Donald Trump die Führungsrolle der USA bei Innovation gefährdet.
Und zwar nicht nur durch Kürzungen bei der Forschungsförderung, „sondern vor allem auch deshalb, weil man sich plötzlich von der faktenbasierten Wissenschaft abwendet“, so Baertschi vor dem Hintergrund der Angriffe auf die Eliteuniversitäten.
Die Wissenschaft in den USA werde politisiert, sagt der gebürtige Schweizer. Er befürchtet, dass die Grundlagenforschung in den USA nicht mehr ausreichend gefördert wird. Das könnte sich langfristig negativ auswirken: „Viele unserer heutigen Therapien basieren auf Innovationen aus der Grundlagenforschung.“
Mögliche Zölle auf Pharmaprodukte würden das Unternehmen vermutlich nicht so schwer belasten wie andere Firmen der Branche. Grünenthal könnte Zölle selbst bei einer Höhe von 25 Prozent verkraften, weil die Produkte in den USA abgefüllt und verpackt werden, so Baertschi.
Trotz aller Unsicherheiten hält Grünenthal an seinen Plänen für die USA fest: Der Umsatzanteil von derzeit zehn Prozent soll mittelfristig verdoppelt werden. Die USA seien von den Patientenzahlen her betrachtet der größte Markt für den Mittelständler. Als forschendes Pharmaunternehmen müsse man in den USA präsent sein, um die Forschung refinanzieren zu können. „Das Preisniveau dort ist viel attraktiver als in allen anderen Märkten“, sagt Baertschi.
Lesen Sie hier das gesamte Interview:
Herr Baertschi, Sie kommen gerade von einem Führungskräftetreffen aus den USA zurück. Wie ist die Stimmung bei den Mitarbeitern dort nach drei Monaten Trump-Regierung?
Im Team herrscht eigentlich Tatendrang, unser noch junges Geschäft in den USA auszubauen. Aber der Blick auf die politischen Entscheidungen von Präsident Trump drückt natürlich die Stimmung.
Meinen Sie die drohenden Pharmazölle? Wie stark würden diese Grünenthal treffen?
Die Zölle waren zwar ein großes Thema. Aber es hat sich herausgestellt, dass wir als Unternehmen gar nicht so schwer betroffen wären, wie vielleicht andere.
Warum?
Wir haben derzeit zwei Produkte in den USA. Die Wirkstoffe dafür werden importiert. Der gesamte Prozess der Abfüllung und Verpackung unserer Produkte erfolgt in den USA. Wir müssten also Zölle nur auf die importierten Wirkstoffe und Komponenten zahlen. Selbst bei einer Höhe von 25 Prozent könnten wir das noch verkraften. So haben wir das in unserer Planung für dieses Jahr auch einkalkuliert.
Das heißt, Sie werden nicht wie andere Pharmaunternehmen in den USA neue Produktionsanlagen aufbauen? Roche etwa will 50 Milliarden Dollar in den nächsten fünf Jahren investieren, Novartis 23 Milliarden.
Nein, eine komplette Produktionslinie aufzubauen, würde sich für die zwei Produkte, die wir momentan in den USA auf dem Markt haben, nicht rechnen. Ich gehe auch davon aus, dass die globalen Pharmakonzerne den milliardenschweren Ausbau der Produktion in den USA nicht erst nach Ankündigung der Zölle geplant haben. Sie dürften das ohnehin auf der Agenda gehabt haben, weil sie in den kommenden Jahren einen entsprechenden Bedarf für ihre Medikamente im US-Markt erwarten. Im Übrigen haben wir auch investiert.
Wo?
Seit wir 2019 auf den US-Markt gekommen sind, haben wir mehr als 800 Millionen Euro dort investiert, zum Beispiel in den Aufbau eines Forschungsstandorts in Boston, unsere Vertriebsorganisation und die Akquise des Unternehmens Valinor. Das ist für uns als Familienunternehmen mit 1,8 Milliarden Euro Umsatz eine große Summe. Ich hoffe daher, dass das Thema Forschungsinvestitionen bei künftigen Diskussionen um Zölle zwischen der EU und den USA nicht außen vor gelassen wird.
Was macht Ihnen besondere Sorgen mit Blick auf Präsident Trumps Politik im Pharma- und Gesundheitssektor?
Mich beunruhigt vor allem die grundsätzliche Ausrichtung. Amerika war immer ein Ort der Innovation. Viele der besten Forschungsstätten sind in den USA angesiedelt. Das ganze System funktioniert über Innovation. Diese Führungsrolle der USA wird nun durch die Politik von Präsident Trump gefährdet. Und zwar nicht nur durch Kürzungen bei der Forschungsförderung. Sondern vor allem auch deshalb, weil man sich plötzlich von der faktenbasierten Wissenschaft abwendet. Das zeigen die Neubesetzungen in zentralen Funktionen des Systems.
Sie spielen auf Gesundheitsminister Kennedy und die Debatte um die Wirksamkeit von Impfstoffen an.
Ja, auch. Aber es geht um mehr. Die Wissenschaft wird politisiert. Ich höre, dass Förderanträge von Forschungsinstitutionen deshalb abgelehnt werden, weil darin Worte wie „gender“, „female“ und „diversity“ vorkommen. Die Freiheit der Wissenschaft ist ein Grundrecht, sie muss in einem demokratischen Staat gewährleistet sein. Jenseits dieser staatspolitisch-gesellschaftlichen Perspektive fürchte ich ganz einfach, dass die Grundlagenforschung in den USA nicht mehr ausreichend gefördert werden wird.
Mit Folgen für die Pharmabranche?
Langfristig dürfte sich das sicher negativ auswirken. Viele unserer heutigen Therapien basieren auf Innovationen aus der Grundlagenforschung.
Wie sieht es mit den Innovationen bei Grünenthal aus? Befürchten Sie, dass die Stellenstreichungen bei der Zulassungsbehörde FDA zu Verzögerungen im Zulassungsprozess Ihrer neuen Medikamente führen?
Ja, ich gehe davon aus, dass sich Zulassungsprozesse nun länger hinziehen können. Aber wir als Unternehmen haben vielleicht Glück. Wir planen, eine Zulassungserweiterung für unser Schmerzpflaster Qutenza zu beantragen, sobald die Phase-III-Studie abgeschlossen ist. Im Bereich Schmerz gab es zuletzt nicht viel Innovation, sodass ich nicht mit einer längeren Bearbeitungsphase in der Fachabteilung rechne. Und unser zweiter Medikamentenkandidat, den wir derzeit erforschen, soll bei Patienten mit Duchenne Muskeldystrophie eingesetzt werden. Das ist eine Form von fortschreitendem Muskelschwund bei Kindern, bei dem es einen sehr hohen Behandlungsbedarf gibt. Hier ist die öffentliche Aufmerksamkeit für den Fortschritt im Zulassungsprozess allein schon durch die Patientenorganisationen groß.
Sie haben vor einiger Zeit die USA zum wichtigsten Wachstumsmarkt für Grünenthal erklärt. Halten Sie daran fest? Oder bauen Sie nun Aktivitäten in anderen Regionen wie Asien auf?
Wir sind bereits in Asien präsent, aber vor allem über Partnerschaften mit Unternehmen vor Ort. Und wir wollen unser Geschäft dort auch ausbauen. Aber wir sind ein mittelständisches Unternehmen und müssen uns bei unseren Aktivitäten fokussieren. Zugleich müssen wir auch darauf achten, breit genug aufgestellt zu sein. Deshalb hat Grünenthal nach Europa auch ein großes Standbein in Lateinamerika aufgebaut. Und jetzt kommen eben die USA.
Also bleiben die USA der wichtigste Wachstumsmarkt für Grünenthal?
Ja, das gilt immer noch. Die USA sind von den Patientenzahlen her betrachtet der größte Markt für uns. Als forschendes Pharmaunternehmen müssen wir in den USA präsent sein, um unsere Forschung refinanzieren zu können. Das Preisniveau dort ist viel attraktiver als in allen anderen Märkten.
Aber Trump will doch wie sein Vorgänger Biden gegen hohe Medikamentenpreise vorgehen. Das würde auch Grünenthal treffen.
Aber nicht in dem Maße wie vielleicht andere Unternehmen. Wir sind mit unseren Produkten im Schmerzbereich eher in der Nische angesiedelt und haben wenig Wettbewerber. Der Fokus bei den von staatlicher Seite vorangetriebenen Preissenkungen liegt derzeit auf den großen, häufig verschriebenen Produkten, die für hohe Kosten bei der staatlichen Versicherung Medicare sorgen. Außerdem ist bei unseren Produkten in den USA das Preisniveau auch nicht so viel höher angesetzt als in Europa.
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Was bedeutet das in Zahlen?
Mit unseren Produkten erzielen wir in den USA einen etwa doppelt so hohen Preis wie in Europa. Es gibt aber Produkte anderer Unternehmen, deren Preise in den USA drei-, vier- oder sogar siebenmal höher sind als in Europa.
Welche?
Häufig sind das Innovationen in Krankheitsgebieten, in denen es vorher keine oder nur unzureichende Therapien gab, wie seltene Erkrankungen oder Krebs. Die Kosten und das Risiko für die Forschung sind dann sehr hoch, in den USA wird das stärker honoriert als in Europa.
Bisher hatten die USA rund zehn Prozent Anteil am Umsatz von Grünenthal. Wie viel wird es am Ende dieses Jahres sein?
Wir haben Mitte vergangenen Jahres in den USA für 250 Millionen Euro das Unternehmen Valinor gekauft. Dessen Hauptprodukt und unser Schmerzpflaster wachsen in den USA sehr stark. Ich gehe davon aus, dass die USA in diesem Jahr schon Spanien überholt haben und unser größter Markt werden. Unsere Ambition ist, unseren Umsatz in den USA mittelfristig zu verdoppeln. Dabei sind wir erst 2019 in den US-Markt eingestiegen und konnten quasi erst nach der Coronapandemie dort richtig durchstarten. Für uns ist die Expansion in die USA eine echte Erfolgsstory.
Kein Erfolg war dagegen der Zukauf der Firma Mestex aus der Schweiz vor vier Jahren. Das neuartige Mittel gegen Schmerzen bei Kniearthrose war Ihr großer Hoffnungsträger, hat aber kürzlich nicht die erwartete Wirkung gezeigt. Und das in der letzten Studienphase vorm Zulassungsantrag.
Das war ein harter Rückschlag. Aber es gehört eben auch zum Geschäft eines forschenden Pharmaunternehmens, dass die Projekte in der Forschung scheitern. In der dritten Studienphase sind es laut Branchenregel immer noch etwa 40 Prozent der Wirkstoffe, die ihr Ziel nicht erreichen. Umso wichtiger ist es für uns, dass wir für das Schmerzpflaster Qutenza die Zulassung für diabetische Neuropathie erhalten haben. Das sind durch Diabetes verursachte Nervenschäden, die Schmerzen verursachen. Und wir haben weitere Ambitionen.
Die wären?
Dank der Verdreifachung unserer Profitabilität seit 2017 ist es gelungen, stärker in Forschung und Entwicklung zu investieren, insgesamt über eine Milliarde. Durch mehr Forschungsprojekte können wir auch das Ausfallrisiko senken. In den nächsten zwölf Monaten wollen wir mit vier Wirkstoffkandidaten in klinische Studien gehen.
Das Mittel gegen Schmerzen bei Kniearthrose war auch deswegen ein Hoffnungsträger, weil es kein opioidhaltiges war und damit kein Abhängigkeitsrisiko hat.
In diesem Bereich forschen wir auch weiter. Wir haben einen Medikamentenkandidaten in der frühen klinischen Entwicklung, der Signalkanäle verschließen kann, damit der Schmerz nicht weitergeleitet wird. Im Bereich Schmerz konzentrieren wir uns ohnehin auf die Erforschung nicht-opioidhaltiger Medikamente.
Ihr umsatzstärkstes Schmerzmedikament Palexia ist aber opioidhaltig.
Ja, für die Versorgung von Patienten mit starken Schmerzen sind Opioide auch nach wie vor sehr wichtig. Für Palexia ist aber das Patent inzwischen ausgelaufen, und die Generikakonkurrenz ist bereits auf dem Markt.
Hat Sie die Opioidkrise in den USA zu dem Sinneswandel bewogen?
Wir gehen vom Bedarf für Patienten aus. Und da ist schon lange klar, dass bei Schmerztherapien neue Behandlungsansätze dringend erforderlich sind. Da ist in der Forschung über Jahrzehnte kaum etwas passiert.
Sie haben in den bald neun Jahren an der Spitze von Grünenthal das Portfolio des Unternehmens um Zukäufe in Höhe von mehr als zwei Milliarden Euro erweitert. Geht das so weiter?
Wir werden auf jeden Fall weiter zukaufen. Dazu haben wir auch die finanziellen Möglichkeiten. Wir haben Ende vergangenen Jahres eine neue Anleihe begeben. Wir müssen auch größer werden und mehr Gewinn erzielen, wenn wir unsere Forschung weiter finanzieren wollen. Die Umsatzrückgänge bei Palexia nach dem Patentablauf konnten wir bereits weitgehend kompensieren, aber wir wollen unser Portfolio weiter diversifizieren.
In welchen Bereichen wollen Sie zukaufen?
Wir verfolgen zwei Ansätze. In unserem Schwerpunktbereich Schmerz wollen wir Produkte kaufen, die unser Portfolio ausbauen oder sinnvoll ergänzen.
Und der zweite Ansatz?
Wir werden weiter nach etablierten Medikamenten Ausschau halten, die andere Firmen veräußern möchten, weil sie nicht mehr zum Portfolio passen. Wir können diese Produkte häufig effizienter produzieren und vermarkten, sodass sie für uns einen guten Umsatz- und Gewinnbeitrag leisten. In der Vergangenheit haben wir beispielsweise Produkte wie den Cholesterinsenker Crestor oder Nexium gegen Sodbrennen von Astra-Zeneca erworben. Nexium ist aktuell unser größtes Produkt.
Das hat aber mit Schmerz gar nichts zu tun.
Sodbrennen wird von vielen Patienten als sehr schmerzhaft beschrieben. Aber es stimmt: Bei unseren Zukäufen schauen wir unabhängig von der Indikation nach geeigneten Akquisekandidaten. Als Familienunternehmen müssen wir das Forschungsrisiko balancieren mit Akquisitionen, die viel sicherer sind und für einen stabilen Ergebnisbeitrag sorgen. Grünenthal soll ja auch zukünftig in Familienhand bleiben.
Herr Baertschi, vielen Dank für das Interview.
Erstpublikation: 04.05.2025, 11:52 Uhr.