Strafzölle: Pharmaexporte in die USA könnten um 53 Prozent einbrechen
Düsseldorf. Wenn die USA Zölle auf Arzneimittel erheben sollten, könnten die deutschen Pharmaexporte in die Vereinigten Staaten um 53 Prozent einbrechen. Dieses Worst-Case-Szenario zeichnet das Beratungsunternehmen Deloitte in einer Studie, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.
Demnach würden Pharmaexporte in die USA in Höhe von 13,4 Milliarden Euro wegfallen, falls die USA in einem mehrstufigen Szenario Zölle in Höhe von 35 Prozent erheben sollten. Die Summe ist auf einen Zeitraum von drei bis vier Jahren berechnet. Für die deutsche Pharmaindustrie sind die USA der wichtigste Exportmarkt.
Für den Standort könnten Pharmazölle eine „erhebliche Belastung“ sein, warnte bereits der Verband forschender Pharmaunternehmen (VFA). „Europa hat aber auch eine einmalige Chance, die Forschung und Produktion von Medikamenten hier verstärkt anzusiedeln“, sagt Susanne Uhlmann, Pharmaexpertin bei Deloitte und eine der Studienautorinnen.
US-Präsident Trump droht mit Zöllen auf Arzneimittel
Bisher sind Arzneimittel von den US-Zöllen ausgenommen. Doch das könnte sich ändern. Präsident Donald Trump droht immer wieder, Zölle auch auf Medikamente zu erheben. Seit Montag läuft eine Untersuchung des Weißen Hauses, deren Ziel es ist, Arzneimittel unter einer speziellen Gesetzgebung mit Strafzöllen zu belegen – wie schon Autos, Stahl und Aluminium.
Dass in der Branche Verunsicherung herrscht, ist laut Pharmaexpertin Uhlmann das derzeit größte Problem für die Pharmaunternehmen. In der Studie berechnet sie deshalb drei Zollhöhen als Szenarien durch.
Bei Zöllen in Höhe von zehn Prozent würden die deutschen Pharmaexporte in die USA um 1,3 Milliarden Euro zurückgehen, bei 20 Prozent um 7,1 Milliarden Euro und beim mehrstufigen Szenario, an dessen Ende sie Zölle in Höhe von 35 Prozent modelliert, um eben jene 13,4 Milliarden Euro.
Für Pharmaunternehmen ist die Unsicherheit groß. Sie müssen langfristig planen, wo sie investieren und produzieren. Zudem sind sie beim Aufbau von Produktionsketten stärker von Regulierungen abhängig als Unternehmen aus anderen Branchen. Uhlmann sieht auch deshalb den Moment gekommen, dass Europa Planungssicherheit schafft und die Produktion vor Ort stärkt.
Das sieht Bayer-Chef Bill Anderson ähnlich. Im Interview mit dem Handelsblatt sagte er: „Europa sollte großes Interesse haben, die Forschung und Entwicklung von Medikamenten stärker anzulocken und auszubauen.“
Die niedrigen Medikamentenpreise in Europa bewertet er als Gefahr für den Pharmastandort. Während die Branche in den USA die Forschung und Entwicklung über höhere Einnahmen finanzieren könne, erzwinge die Politik in Deutschland niedrige Pharmapreise, sagte Anderson: „Die amerikanischen Verbraucher und Unternehmen finanzieren also Fortschritt und Innovation in der Medizin, wovon die ganze Welt profitiert.“
Bei einer Veranstaltung im Auswärtigen Amt vergangene Woche plädierte Thomas Steffen, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium (BMG), dafür, die europäische Gesundheitspolitik zu stärken.
Europa müsse souveräner werden, betonte er. Steffen sprach dabei auch von einer gezielten Stärkung des Produktionsstandorts Europa, aber auch von mehr Diversifizierung. Gleichzeitig hofft die Politik auf eine einvernehmliche Lösung mit den USA.
Werden Medikamente teurer?
2024 ging ein Viertel aller deutschen Pharmaexporte mit einem Wert von 26 Milliarden Euro in die USA. Dort sind die Preise für Markenarzneimittel im Schnitt fast 350 Prozent höher als in anderen OECD-Ländern.
Gleichzeitig machen Pharmakonzerne einen Großteil ihres Umsatzes dort. Beim dänisches Konzern Novo Nordisk sind es mehr als 60 Prozent, beim Schweizer Unternehmen Roche mehr als 50 Prozent. Als deutsche Firma erwirtschaftet Boehringer Ingelheim die Hälfte des Gesamtumsatzes in den USA, aber auch für Merck und Bayer sind die USA ein wichtiger Markt.
Eigentlich will Trump die Medikamentenpreise in den USA senken. Sein Ziel ist es, die Pharmaunternehmen dazu zu bringen, ihre Produktion in die USA zu verlagern. Die ersten haben schon entsprechende Ankündigungen gemacht, darunter der Schweizer Konzern Novartis. Er will über fünf Jahre 23 Milliarden Dollar in den Ausbau seiner Anlagen in den USA investieren.
Deloitte-Expertin Uhlmann sagt: „Zölle können nur durch höhere Preise im Markt kompensiert werden.“ Dann gibt es zwei Szenarien: Entweder müssen amerikanische Patienten die höheren Preise bezahlen. Oder es gibt ähnliche Medikamente aus den USA, die günstiger sind. Sie würden dann europäische Produkte ersetzen, die Nachfrage sinkt, weniger wird exportiert.
Global gesehen, lässt sich die gesunkene Nachfrage laut den Studienautoren von Deloitte nicht ausgleichen. Denn anders als Konsumprodukte sind Medikamente meist unverzichtbar – und deshalb in den meisten Ländern zu jedem Zeitpunkt in ausreichender Menge verfügbar.
Durch weniger Nachfrage nach Arzneimitteln aus den USA würden parallel die Preise sinken. Dadurch könnten zwar Länder, die derzeit wenig Handel betreiben, Arzneimittel günstiger erwerben. Das würde den Effekt aber wegen der gesunkenen Preise nicht ausgleichen.