Helsinki: Supercomputer – super Strategie? Was das kleine Finnland richtig macht
Berlin. Die Nachricht klingt wie der Plot-Twist einer Netflix-Serie: Vor einem Jahr hat Peter Sarlin seine Firma Silo AI für 665 Millionen Dollar an den Chipkonzern AMD verkauft. Für den Finnen bedeutete der Exit einen großen Erfolg, für Europa den Verlust eines seiner vielversprechendsten Start-ups im Bereich Künstlicher Intelligenz (KI) an die USA.
Doch nun belebt der Unternehmer Infolytika Ventures wieder – die Firma von KI-Forschenden, aus der Silo vor acht Jahren überhaupt erst entsprungen ist. Unter dem Namen Post Scriptum (PS) soll sie viele weitere Digitalfirmen hervorbringen, deren Geschäftsmodell im Kern auf KI beruht und die in ihren jeweiligen Branchen führend sein sollen. Bei einem Gespräch in Berlin sagte Sarlin dem Handelsblatt: „Das Ziel ist, zu bedeutenden Erfolgsgeschichten beizutragen.“
Ein Jahr nach dem Verkauf von Silo wird klar: Sarlin verfolgt einen umfassenden Plan, das große Schwungrad aus Forschung, Kommerzialisierung und Reinvestition anzutreiben. Von seinem persönlichen Erfolg soll am Ende doch noch das ganze Land, vielleicht sogar Europa profitieren. „Finnland hat als Sprungbrett für Silo AI fungiert“, sagt Sarlin. Sowohl durch eine starke Historie in der KI-Forschung als auch durch jüngste Investitionen in Supercomputer. Jetzt spricht er vom „Zurückgeben“. Was kann einer wie er bewirken?
Finnlands begrenzte Möglichkeiten – und was daraus werden kann
Fest steht: Finnland hat begrenzte Möglichkeiten und macht daraus viel. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von 277 Milliarden Euro steht es nur auf Platz 15 im Ranking der EU-Staaten. Die Zahl von 5,6 Millionen Einwohnern entspricht gerade einmal der Bevölkerung von Berlin und Hamburg. Für ein Land dieser Größe ist es ausgeschlossen, bei allen Schlüsseltechnologien vorn mitzuspielen. Der Unterschied zu anderen Ländern: Finnland hat das laut Jan Goetz erkannt.
Der Unternehmer operiert mit seiner Quantencomputer-Firma IQM in Deutschland und Finnland: Während Fördergelder in Deutschland oft breit verteilt würden und wenig Effekt hätten, gehe Finnland eine Wette ein, sagt er. Das Land fokussiere sich auf die Förderung von schnellem Datentransfer, KI und Quantencomputing – und damit auf Technologien, die miteinander verwandt sind.
Finnlands KI- und Quantenstrategie besteht im Wesentlichen aus drei Bausteinen und dem Supercomputer Lumi, bei dem alles zusammenkommt: Forschung, Infrastruktur und Beschaffung. Unis können den Hochleistungsrechner kostenfrei nutzen. Start-ups wird der Zugang vereinfacht. Und manche dürfen sogar die Hardware liefern.
Während Silo seine großen Sprachmodelle auf Lumi entwickeln konnte, hat IQM seine ersten experimentellen Quantencomputer an Finnland verkauft und an Lumi angeschlossen.
Heute steht die Firma von Goetz Medienberichten zufolge vor einer neunstelligen Finanzierungsrunde – und hat laut dem Gründer bereits dazu beigetragen, dass sich neue Quanten-Start-ups gegründet und angesiedelt haben. Das ist ein guter Start. Doch beim Transfer, bei der Kommerzialisierung und Skalierung sind die Möglichkeiten der öffentlichen Hand begrenzt.
Geldmittel für Generationen in Finnland
Peter Sarlin, inzwischen Corporate Vice President bei AMD, hat andere Mittel. Der Start von Post Scriptum fügt sich ein in eine Reihe von Aktivitäten, die er seit dem Verkauf von SIlo getätigt hat. Und sie zeigt, wie alles zusammenhängt.
Bereits im Oktober hatte Sarlin die Gründung der Stiftung Foundation PS angekündigt, die Finnland eine führende Stellung in der KI-Forschung sichern soll. Sie finanziert Professuren an allen finnischen Universitäten, die bestimmte Exzellenzkriterien einhalten. 13 Hochschulen sind den Deal eingegangen, darunter die Universität der Künste und die militärische National Defence University. Jetzt wird klar: Geldgeber der Stiftung ist Post Scriptum alias Infolytika Ventures.
Dieses kommerzielle Unternehmen wird darüber hinaus auf drei Feldern aktiv: Erstens beteiligt sich Post Scriptum an ganz jungen KI-Firmen; zweitens erwirbt die Firma Minderheitsbeteiligungen an Digitalfirmen und unterstützt sie auf dem Weg zu einem KI-zentrierten Geschäftsmodell; drittens baut PS selbst forschungsstarke Unternehmen auf, die in ihren Sektoren Innovationsführer sein sollen. Dabei ist Sarlin wichtig: „Post Scriptum ist kein fünf, zehn oder 15 Jahre lang laufender Fonds. Um wirklich Einfluss zu haben, braucht es eine generationenübergreifende Perspektive.“
Der Aufbau eines Portfolios mit indirekten und direkten Beteiligungen hat bereits begonnen. So hat PS in den neuen Quantumlight-Fonds investiert, hinter dem der Chef der Neobank Revolut, Nik Storonsky, steht. Die Besonderheit: Die Firma trifft Investmententscheidungen fast ausschließlich mit Algorithmen.
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Bei den Direktbeteiligungen sticht Lovable hervor. Die Firma aus Schweden gilt als das am schnellsten wachsende KI-Start-up Europas und automatisiert die Entwicklung von Apps. Zu weiteren Investments zählen die Freiburger Firma Prior Labs, die KI-Modelle für Tabellen baut, und QMill, das im finnischen Espoo an Quantenalgorithmen arbeitet.
Und hier schließt sich gewissermaßen schon der Kreis: Denn hinter QMill steht mit Mikko Möttönen ein Professor, der schon IQM mitgegründet hat. Jan Goetz sagt, die Ausgründung habe ihm sämtliche Doktoranden aus dem Labor abgesaugt. Der Professor habe danach von vorn angefangen und sich auf ein neues Thema fokussiert. Mit Menschen wie Möttönen und Sarlin, die am Schwungrad die Drehzahl erhöhen, kann ein Ökosystem reifen. Dass sich im finnischen KI- und Quantensektor jeder kennt, kann dabei nur helfen.