Polen: Präsidentenwahl in Polen – Starker Mann gegen Bürgermeister
Warschau. Im Kinosaal in der polnischen Kleinstadt Grojec warten die Menschen dicht gedrängt auf Karol Nawrocki. Als der Präsidentschaftskandidat erscheint, skandiert die Menge: „Tu jest Polska – Hier ist Polen!“
Nawrocki ist offiziell parteilos, doch er wird von der nationalkonservativen Oppositionspartei PiS gestützt. In seiner Rede setzt er auf nationalistische Parolen und Seitenhiebe gegen Deutschland. „Wir werden nicht die Kammerdiener und Lakaien unserer westlichen Nachbarn sein“, sagt er mit erhobener Faust. Sich selbst empfiehlt er als „starken Präsidenten für schwere Zeiten“ – eine Anspielung auf den Krieg in Polens Nachbarland Ukraine.
Am 18. Mai wählt Polen einen Nachfolger für den scheidenden Präsidenten Andrzej Duda. Die Umfragen führt der Warschauer Oberbürgermeister Rafal Trzaskowski, der für die liberalkonservativen Bürgerkoalition von Regierungschef Donald Tusk startet. Der von der PiS aufgestellte promovierte Historiker Nawrocki liegt auf Platz zwei. Geringe Chancen hat Slawomir Mentzen von der rechtsradikalen Konfederacja. Nach der ersten Wahlrunde wird es vermutlich eine Stichwahl am 1. Juni geben.
Kaczynski wollte „großen imposanten Mann“ als Kandidaten
Die Wahl bestimmt auch die Richtung, die Polen in den kommenden Jahren nehmen wird. Der proeuropäische Regierungschef Donald Tusk braucht einen Sieg seines Kandidaten Trzaskowski. Denn der bisherige Präsident Duda stammt aus den Reihen der PiS, mit seinem Veto hat er bislang wichtige Reformvorhaben blockiert.
Die größte Oppositionspartei PiS dagegen hofft, dass die Schlüsselposition des Staatsoberhaupts weiter in ihren Händen bleibt. Der mächtige Parteichef Jaroslaw Kaczynski zog dafür den 42-jährigen Nawrocki aus dem Hut. „Der Kandidat für das höchste Staatsamt sollte ein Mann sein. Jung, groß, imposant, mit Familie und Fremdsprachenkenntnissen“, befand Kaczynski. Nawrocki erfüllt diese Kriterien. Der Direktor des Instituts für Nationales Gedenken (IPN) ist allerdings politisch unerfahren. Das könnte sich nun rächen.
Audienz bei Trump – und Lügen über eine Wohnung
Zunächst lief alles gut. Anfang Mai bekam der Trump-Fan Nawrocki eine kurze Audienz im Weißen Haus. „You will win“, habe der US-Präsident zu ihm gesagt, postete Nawrocki stolz auf X.
Doch auf den Triumph bei Trump folgte ein Desaster. In einer TV-Debatte der Kandidaten sagte Nawrocki, er besitze nur eine Wohnung – „so wie die durchschnittlichen Polinnen und Polen“. Das klang bescheiden – war aber gelogen.
Polnische Medien enthüllten: Nawrocki gehört in seiner Heimatstadt Danzig noch eine zweite Wohnung. Und diese soll ihm ein Rentner unter dubiosen Umständen überschrieben haben. Nawrocki behauptete, die Wohnung gehöre ihm, weil er sich um den alten, kranken Mann gekümmert habe. Dann sei der Rentner verschwunden.
Doch auch das stimmte nicht. Journalisten fanden den 80-Jährigen in einem städtischen Pflegeheim. Seinen Unterhalt zahlt die Stadt Danzig. Die hat Nawrocki angezeigt und fordert die Übernahme der Kosten.
Der Kandidat steht nun im Verdacht, einen wehrlosen alten Mann abgezockt zu haben. Für manche in Polen passt dies ins Bild seiner schwierigen Vergangenheit: In einem Danziger Arbeiterviertel aufgewachsen, holte er als junger Mann einen Titel als Amateurboxer und jobbte während des Studiums als Türsteher. Aus dieser Zeit hat er gute Kontakte ins Rotlichtmilieu.
Liberaler Trzaskowski hat es auf dem Land schwer
Für das Lager von Regierungschef Tusk ist die Wohnungsaffäre Wasser auf die Mühlen. Man frage sich, ob sich Nawrocki als Präsident so um Polen kümmern werde, wie er sich um den Rentner gekümmert habe, ätzte Tusk auf X.
Das liberalkonservative Lager setzt mit Rafal Trzaskowski auf einen politisch erfahrenen Kandidaten. Der 53-jährige Politologe trat bereits bei der letzten Präsidentenwahl 2020 an. In der Stichwahl unterlag er Duda nur knapp.
Trzaskowski ist weltgewandt, spricht fünf Fremdsprachen, gilt innerhalb seiner Partei eher als links: Regelmäßig marschiert der Vater von zwei Kindern bei Warschaus LGBT-Paraden mit. Für viele Wähler in den katholisch geprägten ländlichen Regionen ist er deshalb ein rotes Tuch.
Wahlkampf mit der Grenze vor Augen
Bei seinem Auftritt vor dem Rathaus im ostpolnischen Lublin beschwört Trzaskowski die Einheit des Landes. „Wir brauchen eine Hand, die für alle ausgestreckt ist“. Auch Polens außenpolitische Lage macht er zum Thema. „Hier verläuft die Grenze zwischen zwei Welten, sie wird von polnischen Soldaten bewacht. Es ist die Welt der Demokratie und die Welt der Gewalt“, sagt er mit Blick auf die 80 Kilometer von Lublin verlaufende Grenze zum autoritär regierten Belarus, einem Verbündeten Moskaus.
Polen ist ein wichtiger Unterstützer der von Russland angegriffenen Ukraine. Das EU- und Nato-Land sieht sich auch selbst von Moskau bedroht und rüstet massiv auf. Anders als in der Slowakei, Ungarn oder Rumänien gibt es in Polen keinen ernstzunehmenden Politiker, der prorussische Positionen vertritt.
„Wir haben keine andere Wahl als Trzaskowski“, sagt der pensionierte Bauunternehmer Jan Dutkiewicz in Lublin, „alle anderen sind Populisten und Faschisten. Die sympathisieren mit der AfD, das wollen wir nicht.“ Trzaskowski werde Polen weiter in europäischen Strukturen halten, hofft er. „Und wenn wir eine geeinte Front in Europa haben, wird Putin sich nicht trauen anzugreifen.“