Dax: Anlegerstimmung signalisiert zwei Risiken für die Börse
Düsseldorf. Die Sorgen vor einer noch stärkeren Eskalation des Nahost-Konflikts verunsichert die deutschen Anlegerinnen und Anleger. Mittelfristig werden die Investoren aber optimistischer, wie die Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment zeigt. Das könnte noch zur Gefahr werden.
Für das Dax-Sentiment befragt das Handelsblatt jeden Freitagmorgen gut 9000 Privatanlegerinnen und -anleger nach ihrer aktuellen Markteinschätzung. Die Antworten wertet Stephan Heibel, Geschäftsführer des Analysehauses AnimusX, aus und ergänzt sie um weitere Indikatoren.
Die Umfrage endet jeweils in der Nacht auf Sonntag um null Uhr. Der amerikanische Angriff auf iranische Atomanlagen ist damit im Ergebnis noch nicht abgebildet. Dennoch hat sich die Anlegerstimmung, im Fachjargon Sentiment genannt, weiter eingetrübt.
Mit einem Wert von minus 4,2 Punkten ist sie in den extrem negativen Bereich gefallen. Dieser beginnt bei minus vier Punkten, ab dem Niveau weist die Umfrage auf „Angst und Panik“ unter den Umfrageteilnehmern hin.
Nur noch sechs Prozent der Befragten verorten den deutschen Leitindex Dax aktuell noch in einem Aufwärtstrend. Dafür erkennt mit 47 Prozent die größte Gruppe nun einen Abwärtstrend.
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Das verwundert nicht: Der Dax hat in der vergangenen Woche knapp ein Prozent verloren, gegenüber seinem Anfang Juni erreichten Rekordhoch bei 24.479 Punkten beträgt das Minus mittlerweile fast fünf Prozent.
Gleichzeitig wächst die Verunsicherung unter den Anlegern. Der entsprechende Wert in der Umfrage erreicht mit minus 3,7 Punkten ebenfalls fast ein Extremniveau. Die Verunsicherung wird ermittelt, indem die Teilnehmer befragt werden, ob sich ihre Erwartungen in der abgelaufenen Woche erfüllt haben.
Im Vergleich zu Anfang April, als US-Präsident Donald Trump den Zollstreit mit dem Rest der Welt begann, sind die Werte allerdings sowohl für die Anlegerstimmung als auch für die Verunsicherung noch moderat: Damals standen beide Ergebnisse bei minus acht Punkten.
Optimismus und Kaufbereitschaft wächst
Sentiment-Experte Heibel urteilt daher: „Beide Werte signalisieren, dass Anleger sich große Sorgen machen, aber noch nicht die letzte Hoffnung verloren haben.“ Inwiefern der US-Angriff das verändert, wird aber erst das nächste Umfrageergebnis zeigen.
Auffällig ist, dass sich die Zukunftserwartungen mit den fallenden Kursen und der schlechteren Anlegerstimmung verbessern. Sie ist mit minus 0,3 Punkten fast im neutralen Bereich angekommen.
Dass fallende Kurse mit steigenden Zukunftserwartungen einhergehen, ist nicht ungewöhnlich. Denn mit den Kursverlusten materialisiert sich ein Teil des Pessimismus. Heibel findet aber das Tempo bemerkenswert, in dem sich der Prozess vollzieht – Anleger blickten im gesamten Jahr bislang nur zweimal optimistischer in die Zukunft als heute.
„Der Pessimismus, den Anleger während der Dax-Rally von 20 Prozent (Anm. der Redaktion: im April und Mai) pflegten, wird in diesen Tagen durch die fallenden Kurse im Dax abgebaut. Das geht mir zu schnell“, warnt der AnimusX-Experte.
Neuen Käufern fehlt das Gewinnpolster
Denn mit den optimistischeren Zukunftserwartungen steigt auch die Investitionsbereitschaft. Im Vergleich zur Vorwoche legt diese in der vierten Woche in Folge zu und steht nun bei plus 1,8 Punkten.
„Obwohl die meisten Anleger mit ihrer Skepsis den Großteil der 20-prozentigen Rally verpassten, nehmen Sie den fünfprozentigen Rückschlag nun als Bestätigung für ihre Skepsis und wollen jetzt kaufen“, erklärt Heibel. Daraus ergeben sich zwei Risiken.
Erstens würden Anleger, die jetzt kauften, nicht über ein Gewinnpolster verfügen, sondern mit ihren Positionen im Fall eines weiteren Rückschlags direkt ins Minus rutschen. Lösten sie ihre Positionen dann schnell wieder auf, um ihre Verluste zu begrenzen, würde das den Abwärtsdruck für die Kurse noch verstärken.
Zweitens löst sich mit dem Zukunftsoptimismus auch das Sicherheitsnetz an der Börse auf. Das zeigen Daten der Börse Stuttgart, an der Privatanleger mit Call-Optionen auf steigende Kurse setzen können oder sich mit Put-Optionen gegen fallende Kurse absichern. Demnach kaufen Anleger derzeit vor allem Call-Optionen, was eine gestiegene Risikobereitschaft signalisiert.
Dadurch steigt das Abwärtspotenzial an der Börse: Denn wenn Anleger bereits für fallende Kurse positioniert sind, haben negative Nachrichten einen weniger starken Abwärtseffekt, weil lediglich ein erwartetes Szenario eintritt. Sind Anleger dagegen für steigende Kurse positioniert, müssen Anleger bei fallenden Kursen ihre Portfolios anpassen, was dann zu einer stärkeren Korrekturbewegung führt.
Experte rät von sofortigen Nachkäufen ab
Heibel, der einen Börsenbrief mit dem Namen „Heibel-Ticker“ herausgibt, wiederholt daher seinen Rat, den er Anlegern bereits in der vergangenen Woche aussprach: „Ich würde mit Nachkäufen abwarten, da die Situation zwischen Israel und dem Iran noch weiter eskalieren kann.“
Auch für den Bitcoin blicken die Umfrageteilnehmer positiv in die Zukunft: Unter Privatanlegern war der Bitcoin-Optimismus seit 2021 nur vier Mal vergleichbar hoch. In den folgenden sechs Monaten stieg die älteste und wichtigste Kryptowährung um durchschnittlich 17 Prozent. „Wie schon vor einer Woche stehen die Vorzeichen für den Bitcoin weiterhin auf Preissteigerung“, sagt Heibel.
An der Börse bewegt sich der Kurs allerdings aktuell in die andere Richtung: Nach dem US-Angriff auf den Iran ist der Bitcoin das erste Mal seit Anfang Mai kurz unter die Marke von 100.000 Dollar gerutscht.
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