FDP: Heilsbringer oder Verlierer? Die Liberalen diskutieren Lindners Erbe
Berlin. Zum Abschied berichtete Christian Lindner seinen liberalen Parteifreunden von der „Einsicht eines Leitungssportlers“. Der Sportler müsse sich bei jedem Wettkampf neu den Herausforderungen stellen. Seine „Errungenschaft sei eigentlich eine Reise“ und „das Bleibende sei der Weg“, begann Lindner seine Abschiedsrede als FDP-Chef auf dem Parteitag Mitte Mai.
Bei Politikern sei das vielleicht auch so, sagte Lindner. Und schloss an: „Ich schaue auf eine großartige Reise mit euch zurück.“ Zu dieser Zeit richteten viele den Blick auf den Anfang und das Ende von Lindners politischer Reise. Im Dezember 2013 wurde er FDP-Chef, nachdem die Liberalen mit 4,8 Prozent aus dem Bundestag geflogen waren. Seinen Rücktritt verkündete Lindner am Abend der vergangenen Bundestagswahl, nachdem die FDP mit 4,3 Prozent erneut gescheitert war.
Kein Wunder, dass Lindner lieber auf den Zeitraum dazwischen schaut. 10.000 Mitglieder habe die Partei da gewonnen, sei in 20 Landtage eingezogen, habe Regierungsverantwortung in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und im Bund übernommen, zählte er auf dem Parteitag auf.
Die Botschaft: Die Reise war erfolgreich, überlagert nur vom tragischen Schlusspunkt. Diese Lesart teilen viele Liberale, auf dem Parteitag im Mai gab es keine Kritik, dafür fünf Minuten Standing Ovations.
Doch nun gibt es in der Partei eine Diskussion, ob das Scheitern nach der Ampelkoalition nicht nur ein Unfall am Ende der Lindner-Ära war, sondern die Probleme früher begannen und tiefer liegen – ob die Reise vielleicht gar nicht so erfolgreich war, wie sie in der Partei immer geglaubt haben.
An zentralem Vorhaben gescheitert
Das legt zumindest eine Analyse für die neue FDP-Führung nahe, über die das Handelsblatt bereits berichtet hat. Sie trägt den Titel „Was ist bei uns Freien Demokraten in den letzten Jahren schief gelaufen?“ und soll die „umfangreichste datengestützte Analyse“ in der Geschichte der Partei sein.
Und der zentrale Befund darin lautet, dass das strategische Ziel aus dem Neustart-Prozess seit 2015 verfehlt wurde: „Eine Wählerschaft aufzubauen, die groß genug ist, um auch in schwierigen Zeiten deutlich über fünf Prozent zu sein.“ Im Klartext: Das Vorhaben, welches die FDP dauerhaft absichern sollte, wurde in den zehn Jahren unter Lindners Führung nicht geschafft. „Das Problem der zu geringen Anzahl von Stammwählern wurde nicht gelöst“, heißt es in der Analyse.
Lindner will sich zu dem Papier nicht äußern. Er hat sich aus der aktiven Politik zurückgezogen, arbeitet heute als Autor und Redner und kümmert sich um die kleine Tochter. Man darf aber annehmen, dass er die Zahlen seiner politischen Reise positiver bewertet – so wie es in vergangenen Jahren auch in der FDP immer gesehen wurde.
Besonders stolz war Lindner auf sein Double: Er führte die FDP bei der Wahl 2017 nicht nur aus der außerparlamentarischen Opposition zurück in den Bundestag, sondern erreichte mit 10,7 Prozent ein historisch gutes Ergebnis. Das steigerte er 2021 dann noch mal auf 11,5 Prozent. Zwei Mal hintereinander bei einer Bundestagswahl ein zweistelliges Ergebnis – das gab es in der Parteigeschichte noch nie.
Die Analyse legt allerdings ein großes Manko hinter den Wahlsiegen offen: Sowohl 2017 als auch 2021 haben mehr als fünf Millionen Wähler ihre Stimme der FDP gegeben. „Doch die Struktur der Wählerschaft hat sich in den vier Jahren vollständig verändert“, wird in der Analyse bemängelt.
Im Jahr 2021 hat sich die FDP vor allem als Bürgerrechts- und Freiheitspartei profiliert und Wähler gewonnen, denen die staatlichen Corona-Einschränkungen zu weit gingen. „Lindner hat mit großem taktischem Erfolg Unzufriedenheit mit der Regierung Merkel für die Mobilisierung genutzt“, heißt es in der Analyse. Es ist die einzige Stelle in dem Dokument, bei der Lindner namentlich genannt wird.
Die Kritik bleibt hingegen allgemein, schmälert aber die beiden großen Wahlerfolge des früheren Vorsitzenden. Lediglich zwei Millionen Wähler hätten 2017 und 2021 die FDP gewählt, heißt es in dem Papier. Das Problem: Zwei Millionen Wähler entsprechen bei einer üblichen Wahlbeteiligung nicht mal fünf Prozent. Sprich: Die Liberalen haben keine sichere Basis für den Einzug in den Bundestag.
Damit haben Lindner und die FDP-Vorderen bei einem zentralen Vorhaben der vergangenen zehn Jahre versagt: „eine Kernwählerschaft von über drei Millionen Menschen aufzubauen“. Das Ziel wurde „verfehlt“, heißt es in dem Dokument.
Abbruch der Sondierungen, der Thüringen-Eklat und der D-Day
Hinzu kommen weitere Fehler, die jeweils eine Million Wähler verschreckt hätten. Genannt werden in der Analyse der Abbruch der Sondierungen mit Union und Grünen im Jahr 2017. Und der Eklat in Thüringen, wo sich FDP-Landeschef Thomas Kemmerich mit Stimmen der AfD zum Kurzzeit-Ministerpräsidenten wählen ließ.
Dann kamen die bei FDP-Anhängern ungeliebte Ampelkoalition und schließlich die D-Day-Affäre, also der Plan zum Koalitionsbruch, den die Parteiführung erst abgestritten hat und dann zugeben musste. Die Folge laut Analyse: ein Reputations- und Vertrauensverlust. Die FDP erreichte nur noch ihre verbliebenen zwei Millionen Kernwähler – zu wenig für den Einzug in den Bundestag.
Die Führung um Lindners Nachfolger, Christian Dürr, will nun nachholen, was in den vergangenen zehn Jahren nicht gelungen ist, nämlich „eine Mission zu definieren, die über den Kern der Wählerschaft hinaus anschlussfähig ist“.
Die FDP will eine „innovative und moderne Reformpartei“ werden, „die individuelle Freiheitsrechte verteidigt“. Die Partei arbeitet unter anderem an einem neuen Grundsatzprogramm. Das aktuelle mit dem Titel „Karlsruher Freiheitsthesen“ stammt aus dem Jahr 2012. Nach der Sommerpause soll es Dialoge mit Mitgliedern und allen Parteigliederungen geben.
„Die FDP braucht mehr Profilierung über Themen, die den Markenkern stärken“, wird in der Analyse als Ziel ausgegeben. „Mut zu Reformen ist entscheidend.“ Das soll auch eine klare Unterscheidbarkeit vor allem zu CDU und CSU bringen.
Die Zielgruppen der FDP seien „Individualisten“, „glauben an den Fortschritt“ und „haben ein positives Verhältnis zu Leistung“. Bei der Ansprache ihrer potenziellen Wähler wollen die Liberalen „bürgernäher“ werden. Man müsse „als normale und nahbare Menschen“ erlebbar sein „und weniger als technokratische Politik-Experten“.
Und noch etwas soll anders laufen als in den vergangenen zehn Jahren, in denen die FDP vor allem durch Lindner repräsentiert wurde: Es soll „mehr Gesichter“ geben und eine „Abkehr von Spitzenzentrierung“.
Erstpublikation: 06.08.2025, 16:47 Uhr.