Kick.com: Tod im Livestream befeuert Kritik an Skandalplattform
Bangkok. Raphaël Graven wurde bekannt für gewalttätige Quälereien, die er in Internet-Übertragungen über sich ergehen ließ. Die Tortur des 46 Jahre alten Franzosen, der online unter dem Pseudonym „Jean Pormanove“ auftrat, endete in dieser Woche. Er starb während eines Livestreams, der zum Zeitpunkt seines Todes bereits seit 298 Stunden ununterbrochen lief.
Die Strafverfolgungsbehörden in Frankreich haben Ermittlungen eingeleitet, auch gegen die umstrittene australische Streamingplattform Kick. Hier war die Gewalt zu sehen, die andere Streamer regelmäßig gegen Graven ausübten.
Zwei australische Glücksspielmilliardäre und ein Berufsstreamer gründeten den Anbieter im Jahr 2022 als Alternative zum Marktführer Twitch. Das Unternehmen moderiert Inhalte weniger streng als die Amazon-Plattform und gibt den Streamern höhere Anteile an den Einnahmen ab. In der Folge wurde Kick vor allem für kontroverse Inhalte bekannt.
Die zuständige französische Ministerin für digitale Angelegenheiten, Clara Chappaz, schrieb auf der Plattform X: „Jean Pormanove wurde monatelang live auf der Plattform Kick gedemütigt und misshandelt.“
Eine rechtliche Untersuchung sei im Gange, sie habe den Fall zudem an die zuständige Regulierungsbehörde weitergeleitet. „Die Verantwortung von Onlineplattformen bei der Verbreitung illegaler Inhalte ist nicht optional: Sie ist gesetzlich vorgeschrieben.“ Versäumnisse könnten schlimmste Folgen haben.
Plattformgründer wurden im Glücksspielgeschäft zu Milliardären
Die am Donnerstag vorgestellten Ergebnisse der Obduktion lieferten keine Hinweise auf eine Misshandlung. Graven sei nicht durch die Gewalteinwirkung Dritter, sondern aus einem medizinischen oder toxikologischen Grund gestorben, teilte die Staatsanwaltschaft in Nizza mit. Noch untersucht werde der Ablauf der letzten Übertragung. Zum Zeitpunkt seines Todes ruhte er sich der Liveübertragung zufolge neben anderen Streamern aus. Berichten zufolge war zuvor auch in diesem Livestream körperliche Gewalt gegen den Verstorbenen ausgeübt worden.
Ein Anwalt der beteiligten Männer teilte mit, dass die Gewalt nur gespielt gewesen sei und Graven an Herz-Kreislauf-Problemen gelitten habe. Kick teilte mit, man untersuche die Umstände des Todes und habe Gravens Co-Streamer bis zur Klärung des Vorfalls von der Plattform verbannt.
Das Geschäftsmodell von Livestreaming-Plattformen kann zu extremem Handeln animieren – Streamer verdienen schließlich direkt durch Abos und Spenden ihrer Zuschauer. Das ist auch Kick-Mitgründer Ed Craven klar: „Die Leute erkennen, dass sie mehr Zuschauer bekommen, je kontroverser sie sind, je mehr Schockfaktor ihre Inhalte haben“, sagte er vor zwei Jahren in einem Interview. Das könne „manchmal eine gefährliche Mischung sein“, fügte der 1995 geborene Unternehmer hinzu.
Craven und Kick-Mitgründer Bijan Tehrani wurden im Glücksspielgeschäft zu Multimilliardären: Sie gründeten 2017 das Krypto-Onlinecasino Stake, das im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben 4,7 Milliarden Dollar Umsatz machte. „Forbes“ schätzt das Vermögen von Craven und Tehrani auf jeweils 2,8 Milliarden Dollar – das Magazin listet Craven als zweitjüngsten Selfmademilliardär der Welt.
Partnerschaft mit dem Rapper Drake
Streamingplattformen sind für das Glücksspielgeschäft von Craven und Tehrani der zentrale Marketingkanal. In der Vergangenheit zahlte Stake bekannten Streamern Millionenbeträge, damit sie die Seite auf Twitch live nutzen. Auch der Rapper Drake schloss eine Partnerschaft mit Stake ab und zockte live auf Twitch. Vor drei Jahren verbannte Twitch allerdings einen Großteil der Glücksspielübertragungen auf seiner Plattform – auch Stake-Spiele dürfen seitdem nicht mehr gezeigt werden.
Craven und Tehrani starteten daraufhin mit Kick ihre eigene Streamingplattform. Sie erlaubt nicht nur Glücksspielinhalte, sondern lässt auch Streamer zu, die anderswo unerwünscht sind. Der umstrittene US-Streamer Adin Ross fand auf Kick eine neue Heimat, nachdem er auf Twitch für mehrere Jahre gesperrt worden war, weil er Hassrede im Chat nicht moderieren ließ. Er ließ auf Kick den rechtsextremen Influencer Nick Fuentes in seinem Kanal auftreten und zeigte pornografische Inhalte.
Zwei andere Kick-Streamer wurden in Australien kurzzeitig festgenommen, nachdem sie während einer Liveübertragung eine Prostituierte anheuerten. Craven war einer der Zuschauer und hinterließ Berichten zufolge Lach-Emojis im Chat.
Auch der Influencer Jack Doherty sorgte für einen Skandal auf der Plattform: Er verursachte während eines Kick-Streams einen schweren Autounfall – offenbar, weil er durch die Übertragung abgelenkt war. Doherty wurde anschließend vorübergehend von Kick verbannt.
Im Fall der Gewalt gegen Raphaël Graven schritt Kick jedoch nicht ein. In seinen Streams war zu sehen, wie ihm Männer minutenlang die Luftröhre zudrückten, ihn schlugen oder mit Paintball-Kugeln beschossen. Die Gruppe, mit der Graven die Videos machte, verdiente damit offenbar viel Geld. Im letzten Stream von „Jean Pormanove“ spendeten Zuschauer Screenshots zufolge 36.000 Euro, bevor die Kameras ausgingen.