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Morning Briefing PlusGranaten aus Deutschland – Wirtschaftswunder oder Selbstbetrug?

Die volkswirtschaftliche Dimension des Rüstungsbooms in Deutschland steht im Mittelpunkt einer neuen Tagung des Handelsblatts. Im Vorfeld stritten zwei Ökonomen über die Frage.Martin Knobbe 30.08.2025 - 10:00 Uhr Artikel anhören
Martin Knobbe, stellvertretender Handelsblatt-Chefredakteur. Foto: Handelsblatt

Liebe Leserinnen und Leser,

willkommen zurück, zu unserem Blick auf die wichtigsten Ereignisse dieser Woche.

Als ich die Bilder aus Unterlüß sah, jenem niedersächsischen Ort, an dem Rheinmetall ein neues Munitionswerk eröffnet hat, war ich erstaunt: Maschinen, die rasant Stahl in Form bringen, präzise Drehungen, saubere Lackierungen in tiefem Grün, dazu gelbe Zahlen wie eine sorgsam gesetzte Typografie. Es sah aus, als entstünden hier edle Möbelstücke für ein Designhaus. Doch es sind Artilleriegranaten, geschaffen, um zu zerstören – um dann selbst unbrauchbar zu sein.

Lässt sich bei alldem von Wertschöpfung sprechen? Oder ist die Rede von einem „olivgrünen Wirtschaftswunder“ nicht mehr eine hoffnungsvolle Beschwörung, ein Selbstbetrug?

Welche volkswirtschaftliche Dimension hat also das neue Rüstungsengagement in Deutschland? Diese Frage steht im Mittelpunkt der neuen Handelsblatt-Tagung „Wirtschaftsfaktor Rüstung“. 300 Gäste treffen am Montag und Dienstag in Düsseldorf auf 40 hochkarätige Rednerinnen und Redner. Wir werden ausführlich berichten.

Auch bei einem Handelsblatt-Live-Talk war dies das Thema. Meine Kollegin Nicole Bastian diskutierte mit unserem Chefreporter für Verteidigung, Markus Fasse, und dem Ökonomen Patrick Kaczmarczyk aus Mannheim sowie Johannes Binder vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Die Aufzeichnung finden Sie hier.

Artilleriemunition im Rheinmetall-Werk: Sorgsam gesetzte Typografie. Foto: picture alliance/dpa

Die Differenzen der beiden Wissenschaftler waren interessant, in einem Punkt jedoch herrschte Einigkeit: Investitionen in die Rüstungsindustrie können grundsätzlich Wachstum auslösen. Kaczmarczyk rechnet im Schnitt mit 50 Cent pro investiertem Euro, Binder mit einer Spanne von 60 Cent bis fast zu einem Euro.

Das makellose Grün aus Unterlüß – es könnte sich also auszahlen.

Was uns diese Woche noch beschäftigt hat:

1. Was war die meistgestellte Frage der Woche? Richtig: Haben wir es geschafft? Vor zehn Jahren hatte Angela Merkel ihr berühmtes „Wir schaffen das“ gesagt, nun blickten viele Medien zurück: Was waren die langfristigen Auswirkungen des Flüchtlingssommers 2025? Auch wir haben es getan und unter anderem mit den beiden Ökonomen Marcel Fratzscher und Michael Hüther gesprochen, über den Blick von heute auf ihre Einschätzungen und Prognosen von damals. Eines ihrer Resümees: „Wir haben dafür viel Prügel bezogen.“

2. Klare Worte: Oliver Blatt, der noch recht neue Chef des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenkassen, hat vermutlich erhebliche Zweifel, ob die aktuelle Regierung einmal sagen kann: Wir haben es geschafft. Etwa die Aufgabe, die Reformen voranzubringen, die Kanzler Friedrich Merz für den Herbst angekündigt hat. „Von der Reform des Sozialstaats spüre ich nichts“, sagte Blatt meiner Kollegin Britta Rybicki in einem ausführlichen Interview. „Gesundheit wird im Kanzleramt wie ein C-Thema behandelt.“ Ohne Reformen aber, prophezeite Blatt, werde der Zusatzbeitrag 2026 auf mehr als drei Prozent steigen. Leistungskürzungen schloss er aus.

Montage von Oliver Blatt: „Es gibt keine Strategie, Leistungen zu kürzen.“ Foto: PR, Getty Images/Westend

3. Es ist kein Geheimnis, dass China seit Jahren und Jahrzehnten in Afrika sehr aktiv ist, zum Beispiel auch beim Abbau von seltenen Erden, die man für die Produktion digitaler Geräte braucht. Weniger bekannt dürfte sein, wie stark die Volksrepublik ihren Vorsprung in diesem Bereich gegenüber Europa, aber auch den USA ausgebaut hat. Lesen Sie die höchst spannende Analyse unseres Datenteams und unserer Kollegen aus der Politik hier.

4. Sehen wir eine KI-Blase am Horizont? Aus den Reihen von Experten und Investoren mehren sich die Stimmen, die den KI-Hype und manche Milliarden-Bewertung von Unternehmen kritisch sehen. Die grassierende Sinnkrise hat nun offenbar auch KI-Pionier Sam Altmann ereilt: Warum es in der Zusammenarbeit seines Unternehmens mit Microsoft nicht rund läuft, so viele hochkarätige Leute OpenAI verlassen und das neue Modell GPT-5 enttäuscht, haben Luisa Bomke, Felix Holtermann und Stephan Scheuer in unserer Titelgeschichte aufgeschrieben.

OpenAI-Gründer Sam Altman: Sinnkrise des KI-Pioniers. Foto: Florian Generotzky/laif, Getty, ChatGPT [M], Handelsblatt

5. Die Lufthansa plant den Komplettumbau. Die Gruppe kämpft mit schwacher Profitabilität und unzufriedenen Passagieren. Jetzt sollen die Premium-Airlines und die Kernmarke Lufthansa selbst zentrale Aufgaben an den Konzern abdrücken. Was bei den Airlines bleibt, wann der Umbau startet und warum intern Zweifel an den vielen neuen Gremien wachsen, darüber schreibt Jens Koenen in einer exklusiven Recherche.

6. Die kleinere Version von Rubik’s Cube besteht aus 26 kleinen Würfeln. Sie war 2013 Namensgeberin für eine neue, moderne Bank namens N26, gegründet von zwei jungen Männern aus Wien. Es war ein schillerndes Projekt. Zwölf Jahre später hat die Bank ein paar Krisen und einigen Ärger mit der Bankenaufsicht Bafin hinter sich. Es folgten in dieser Woche personelle Konsequenzen, wie Yasmin Osman und Dennis Schwarz aus dem Frankfurter Büro exklusiv vermeldet haben. So soll der ehemalige Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret Aufsichtsratschef werden. Warum aber die Bank am Montag drei CEOs haben könnte und was Co-Gründer Valentin Stalf damit zu tun hat, lesen Sie hier.

Geschäftsführer und Mitgründer Valentin Stalf: Muss er seinen Platz räumen? Foto: Christian Charisius/dpa

7. Nvidia wächst und wächst: Für das abgelaufene Quartal steht ein Plus von 56 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Doch was nur wenige wissen: Nvidias Trumpf sind weniger die Chips selbst, es ist mehr der Code dahinter. Mit einer hauseigenen Softwareplattform bindet Nvidia Entwickler eng an sich – und setzt Rivalen wie AMD und Intel unter Druck. Die Erfolgsformel hinter dieser Strategie von Nvidia-Chef Jensen Huang hat Joachim Hofer im aktuellen Text unserer Serie „Insight Innovation“ für Sie aufgeschrieben.

8. Warren Buffett wird heute 95 Jahre alt. Zum Jahresende gibt er den Chefposten bei Berkshire Hathaway ab, doch schon jetzt gibt es wenig zu feiern: Die Aktie steht unter Druck. Während der S&P 500 seit Mai gestiegen ist, fiel die Berkshire-Aktie um acht Prozent. Das Ende der „Buffett-Prämie“ kostet Berkshire Hathaway Milliarden, schätzen Analysten. Trotzdem sehen viele Experten keinen Grund zur Sorge. Warum das so ist, erfahren Sie in der Analyse meiner Kollegen Astrid Dörner und Andreas Neuhaus.

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9. Vom Großraumbüro ins Biwak-Zelt. Immer mehr Berufstätige holen den Wehrdienst freiwillig nach. Sie üben sich am Gewehr – zwischen Meetings, Familie und Arbeit im Kleingarten. Die Bundesregierung setzt mit ihrem neuen Gesetz zunächst auf Freiwilligkeit, doch reicht das? Jedes Jahr fehlen zehntausende Reservisten. Menschen wie Timo Mügge, Klinikmanager aus Köln, zeigen, wie sich Karriere und Reserve unter einen Hut bringen lassen. Welche Hürden es dabei gibt, von Bürokratie über Gehaltslücken bis hin zum mentalen Umgang mit dem Ernstfall, darüber schreibt meine Kollegin Kathrin Witsch in ihrer Reportage.

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende. Bleiben Sie zuversichtlich!

Herzlichst,
Ihr Martin Knobbe

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