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NestléBisheriger Nespresso-Chef soll Konzern aus Dauerkrise führen

Nach nur einem Dreivierteljahr im Vorstand steigt Philipp Navratil überraschend zum CEO von Nestlé auf. Er soll den Großkonzern aus dem Führungschaos steuern. Aktionäre reagieren skeptisch.Jakob Blume 02.09.2025 - 16:44 Uhr Artikel anhören
Philipp Navratil: Der Nespresso-Chef steigt an die Konzernspitze auf. Foto: Nestlé

Frankfurt. Philipp Navratil hat sein Ziel erreicht, mit 48 Jahren ungewöhnlich früh für einen Nestlé-Manager: Der weltgrößte Nahrungsmittelkonzern mit Sitz in Vevey am Genfer See hat den Schweizer zum Unternehmenschef ernannt. Er folgt auf den Franzosen Laurent Freixe, der nach kaum mehr als einem Jahr an der Nestlé-Spitze über eine konzerninterne Liebesaffäre stolpert.

Navratil, bislang Chef der Prestigemarke Nespresso und erst seit Jahresbeginn überhaupt im Konzernvorstand, kommt mit Vorschusslorbeeren. So sagt Jean-Philippe Bertschy, langjähriger Nestlé-Beobachter bei der Bank Vontobel: „Wir kennen Philipp als außergewöhnlich geradlinig, ehrgeizig und unermüdlich auf Ergebnisse fokussiert.“

Paul Bulcke, Verwaltungsratspräsident von Nestlé, betont laut einer Mitteilung, Navratil sei intern „bekannt für seine beeindruckende Erfolgsbilanz bei der Erzielung von Ergebnissen in herausfordernden Umgebungen.“ Er leite Teams zudem „mit einem kooperativen, integrativen Führungsstil“.

Aktienkurs von Nestlé am Dienstag unter Druck

Für Nestlé ist es der zweite Wechsel auf dem Chef-Posten innerhalb von kaum mehr als einem Jahr. Als Grund für den Rauswurf nannte das Unternehmen in einer Mitteilung von Montagabend eine nicht offenbarte Liebesbeziehung Freixes mit einer direkt unterstellten Mitarbeiterin.

Die ungewohnte Instabilität setzte den Aktienkurs von Nestlé am Dienstag unter Druck. In der Spitze notierten die Anteilsscheine drei Prozent tiefer, machten jedoch im Verlauf des Handelstages einen Teil der Verluste wieder wett.

In der Mitteilung wird Verwaltungsratspräsident Bulcke mit den Worten zitiert: „Das war eine notwendige Entscheidung.“ Nestlés Werte und Unternehmensführung seien das Fundament des Konzerns. „Ich danke Laurent für seinen jahrelangen Dienst bei Nestlé.“

Laurent Freixe: Der bisherige Nestlé-Chef muss wegen einer nicht offengelegten Liebesbeziehung gehen. Foto: Nestlé

Der Rauswurf ist die neueste Wende in dem seit gut einem Jahr anhaltenden Führungschaos bei dem Schweizer Lebensmittelmulti. Dieses hatte Verwaltungsratspräsident Bulcke im August 2024 losgetreten, als er überraschend Mark Schneider als Konzernchef entlassen hatte und Freixe auf den Posten hob. Als Grund wurde damals der ins Rutschen geratene Aktienkurs von Nestlé kolportiert, auf den Schneider keine Antwort zu haben schien.

Der überstürzte Führungswechsel kam jedoch bei den Aktionären nicht gut an: Sie straften Bulcke bei der Generalversammlung im April 2025 ab – dort erreichte er weniger als 85 Prozent Zustimmung. Im August 2025 kündigte Bulcke schließlich an, bei der kommenden Generalversammlung nicht mehr anzutreten. An seine Stelle soll Pablo Isla treten, langjähriger Chef des spanischen Modegiganten Inditex und Herrscher über Marken wie Zara, Massimo Dutti und Bershka.

Navratil soll Ruhe in den Konzern bringen

Der von Bulcke auf den Chef-Posten berufene Laurent Freixe schaffte es jedoch nur kurzzeitig, den Aktienkurs des Nahrungsmittelriesen zu stabilisieren. Ab März 2025 rutschte der Kurs der Nestlé-Aktie von knapp 92 Franken um etwa 20 Prozent auf derzeit 73,50 Franken ab. Für die an langsames, stabiles Wachstum gewöhnten Nestlé-Aktionäre sind das ungewohnt starke Schwankungen.

Nun soll Navratil wieder Ruhe in den Konzern bringen. Er fühle sich geehrt angesichts des Vertrauens des Präsidiums, wird er in einer Nestlé-Mitteilung zitiert. „Ich unterstütze die strategische Ausrichtung des Unternehmens sowie den Aktionsplan zur Steigerung der Perfomance von Nestlé voll und ganz.“

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Navratil hat ähnlich wie sein Vorgänger fast seine gesamte berufliche Laufbahn beim Nahrungsmittelriesen verbracht. 2001 stieg der Absolvent der Schweizer Kaderschmiede HSG in St. Gallen bei Nestlé in der internen Konzernrevision ein.

Später wechselte er in die Region Lateinamerika, und machte sich einen Namen als Manager für das Kaffee- und Getränkegeschäft in Mexiko. Dort habe er eine entscheidende Rolle gespielt, die Marke Nescafé auf dem umkämpften Kaffeemarkt zu stärken, heißt es seitens des Unternehmens.

Keine Erfahrung als Regionen-Chef

Zurück am Konzernsitz in Vevey übernahm er Verantwortung für die gesamte Geschäftseinheit Kaffee. Zu ihr gehören neben der Marke Nescafé unter anderem auch die unter Ex-Chef Mark Schneider zugekauften Vermarktungsrechte für Starbucks-Kaffee in Kapseln und Bohnen außerhalb der Cafés. Die Sparte ist seit Langem ein Cashgarant für den Konzern.

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Allerdings fehlt dem vergleichsweise jungen Navratil Erfahrung als Regionen-Chef in seiner Vita, die die meisten seiner Vorgänger mitbrachten. Das unterscheidet ihn auch vom derzeitigen Europa-Chef Guillaume Le Cunff, dem Beobachter ebenfalls Chancen für den Spitzenposten eingeräumt hatten.

Und so glauben manche, dass mit dem erneuten Führungswechsel der ehrgeizige designierte Verwaltungsratspräsident Isla zum starken Mann in Vevey aufsteigt. Ob das für die Aktionäre von Vorteil ist, muss sich erst noch erweisen.

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