Sewing: Ex-Mitarbeiter erwägen offenbar Klage gegen Deutsche-Bank-Chef
Frankfurt. Fünf ehemalige Mitarbeiter erwägen offenbar eine Klage gegen Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing, ehemalige Banker und das Institut selbst. Das berichtet die „Financial Times“. Dem Bericht zufolge soll es um Hunderte Millionen Euro Schadenersatz gehen. Die Mitarbeiter würden demnach in den kommenden Wochen eine Klage in London anstreben, heißt es weiter.
„Wie in unserem Geschäftsbericht erwähnt, ist der Bank bekannt, dass fünf Personen angedroht haben, Ansprüche vor englischen Gerichten geltend zu machen“, teilte die Deutsche Bank auf Anfrage mit. „Die Bank hält alle diese Klagen für unbegründet und wird sich entschlossen dagegen verteidigen. Wie zuvor bereits erklärt, wurde die interne Untersuchung gründlich, ordnungsgemäß und unabhängig durchgeführt, und die beteiligten Führungskräfte sind allen ihren Verantwortlichkeiten in angemessener Weise nachgekommen“, heißt es weiter.
Hintergrund ist ein mehr als zehn Jahre alter Fall. Die Banker wurden wegen Beihilfe zur Bilanzfälschung und Marktmanipulation in einem Skandal um die italienische Bank Monte dei Paschi 2019 zu Haftstrafen von bis zu vier Jahren und acht Monaten verurteilt. Nach der erstinstanzlichen Verurteilung wurden sie 2022 freigesprochen.
Banker wollen ihren Ruf wiederherstellen
Bereits zuvor hatte Dario Schiraldi, ein ehemaliger Topbanker des Instituts, laut einem von Reuters eingesehenen Gerichtsdokument 152 Millionen Euro Schadenersatz von der Deutschen Bank verlangt. Er wirft der Bank vor, sie habe durch ihr Vorgehen seinen Ruf geschädigt und ihm Verdienstmöglichkeiten geraubt. Den Angaben zufolge zählt dazu auch eine interne Prüfung umstrittener komplexer Derivate-Geschäfte aus der Zeit der Finanzkrise – eine Untersuchung, die Sewing vor mehr als zehn Jahren in einer früheren Rolle bei der Bank leitete.
Für Schiraldi, der demnach zusammen mit fünf anderen ehemaligen Bankern des Geldhauses klagen will, gehe es darum, entgangene Einnahmen zurückzuerhalten und seinen Ruf wiederherzustellen. Schiraldi argumentiert, die Führung der Deutschen Bank habe damals versucht, ihre stillschweigende Zustimmung zu den damaligen riskanten, aber sehr lukrativen Geschäften zu verschleiern, als sich die globale Finanzkrise zuspitzte.
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Die Deutsche Bank habe zudem entscheidende entlastende Dokumente zurückgehalten, hieß es in Gerichtsdokumenten, die Reuters einsehen konnte. Die Deutsche Bank wies in ihrem Geschäftsbericht 2024 auf die Klage hin.
Die damalige, von Sewing geleitete interne Untersuchung begann 2013 und befasste sich mit Derivategeschäften aus dem Jahr 2008, die die Deutsche Bank mit der italienischen Bank Monte dei Paschi di Siena (MPS) abgeschlossen hatte. Sewing war 2013 Leiter der Innenrevision der Deutschen Bank geworden.
Die MPS-Transaktionen wurden unter dem Namen „Santorini“ bekannt. Italiens Aufsicht nahm die Deals unter die Lupe, weil sie vermutete, die toskanische Traditionsbank habe damit eigene Verluste verdeckt. In Deutschland stand vor allem deren Bilanzierung im Fokus der Aufseher.
Klage gegen Deutsche Bank als Organisation
2014 übermittelte die Deutsche Bank die Ergebnisse ihrer internen Untersuchung an die italienische Zentralbank, die für die Aufsicht zuständig war, und machte das Deal-Team für eine „unzureichende und selektive Offenlegung“ verantwortlich. „Eine angemessene Handhabung (...) hätte dazu geführt, dass die Transaktionen entweder abgelehnt oder eskaliert worden wären“, teilte die Deutsche Bank der italienischen Zentralbank damals mit, wie aus von Reuters eingesehenen Präsentationsfolien hervorgeht.
Die Klage Schiraldis und die Forderung nach Entschädigung richten sich gegen die Deutsche Bank als Organisation. Ein zentraler Punkt von Schiraldis Anwälten ist, dass die interne Prüfung der Transaktionen durch Sewing und die Bank fehlerhaft gewesen sei.
Sie habe ein vorherbestimmtes Ergebnis gehabt und sich nur auf einen Bruchteil der verfügbaren Dokumente gestützt, lautet seine Argumentation. Später habe die Bank dann versäumt, die Sachlage richtigzustellen. Schiraldi und einige Kollegen seien zum Sündenbock gemacht worden.
In einer ausführlichen Antwort auf Fragen von Reuters erklärte die Deutsche Bank, die Vorwürfe seien „falsch“, die damalige Prüfung sei gründlich und unabhängig gewesen, und die beteiligten Führungskräfte hätten „ihre Verantwortung ordnungsgemäß wahrgenommen“. Ein Sprecher des Instituts erklärte damals: „Wir stehen zu den Kernergebnissen der Prüfung.“
Die fünf Banker, die für die Deutsche Bank in Großbritannien tätig waren, werden sich laut der „Financial Times“ voraussichtlich der Argumentation Schiraldis anschließen, dass der von Sewing geleitete Bericht fehlerhaft gewesen sei und ihrer Karriere geschadet habe.
Mit Material von Reuters.