Argentinien: Protestmarsch in Buenos Aires fordert Gerechtigkeit nach brutalem Femizid
São Paulo. Am 19. September wurden drei junge Frauen in der Peripherie von Buenos Aires zunächst als vermisst gemeldet. Das letzte Mal wurden die 15-Jährige und die beiden 20-Jährigen lebend gesehen, als sie einen Minibus bestiegen. Fünf Tage später wurden ihre Leichen in einem Garten eines Wohnhauses in einem Vorort von Buenos Aires entdeckt. Das Verbrechen erschütterte ganz Argentinien.
Sie seien gefoltert und getötet worden – und das Geschehen sei auf einem geschlossenen Instagram-Kanal live verfolgt und von dort möglicherweise weiterverbreitet worden. Die Polizei vermutet eine Drogenbande hinter dem Verbrechen. Die jungen Frauen hätten offenbar für einen angeblichen Verstoß gegen den Kodex der Bande „bestraft“ werden sollen – und die Liveübertragung habe als Warnung für andere Mitglieder gedient.
Dass solche Verbrechen über die sozialen Netzwerke live übertragen werden, ist in anderen Ländern Lateinamerikas, etwa in Mexiko, Ecuador oder Kolumbien, keine Seltenheit. In Argentinien gab es das bisher jedoch noch nicht.
Protestmärsche nehmen zu
Nach Bekanntwerden der Morde kam es zu spontanen Protestmärschen. Die Demonstrierenden kritisierten die schleppende Arbeit der Behörden sowie die Art und Weise, wie staatliche Institutionen mit Gewalt gegen Frauen umgehen – besonders mit Fällen von Frauen aus ärmeren Bevölkerungsgruppen.
Am vergangenen Sonntag weiteten sich die Proteste aus. Im Zentrum von Buenos Aires protestierten Vertreterinnen der argentinischen Frauenbewegung gegen die Femizide. Die Demonstrationen richteten sich zunehmend gegen die Regierung von Präsident Javier Milei. Denn diese plant, den Straftatbestand des Femizids als erschwerenden Umstand bei der Tötung von Frauen wieder abzuschaffen.
Seit 2012 ist Femizid in Argentinien im Strafgesetzbuch verankert. Es handelt sich dabei um den Mord an einer Frau aufgrund ihres Geschlechts, der oft mit häuslicher Gewalt, Machtmissbrauch oder sexualisierter Gewalt einhergeht. In knapp zwei Dritteln der Fälle sind Partner oder Ex-Partner die Täter. In zehn Prozent der Fälle hatte das Opfer den Täter bereits zuvor angezeigt. Die Opfer sind im Durchschnitt 35 Jahre alt.
Der libertäre Milei argumentiert, dass Sondergesetze Frauen privilegieren würden und mit dem Gleichheitsgrundsatz nicht vereinbar seien. Strafverfolgung solle sich auf die Tat konzentrieren und nicht auf das Motiv. Ein Mord werde ohnehin mit lebenslanger Strafe maximal bestraft. Zudem kritisiert Milei den Femizid als Teil der „feministischen Agenda“, die seiner Meinung nach in Justiz und Politik nichts zu suchen habe und für den Niedergang Argentiniens mitverantwortlich sei.
Im Januar hatte Justizminister Mariano Cúneo Libarona verkündet, den Tatbestand des Femizids aus dem argentinischen Strafgesetzbuch entfernen zu wollen. Er argumentierte, dieser Tatbestand verzerre den Gleichheitsbegriff. „Kein Leben ist mehr wert als ein anderes.“
Auch die Ministerin für Sicherheit, Patricia Bullrich, lehnte jetzt eine Einordnung des Dreifachmordes als Femizid ab. Man dürfe den Fall nicht „politisch vereinnahmen“. Sie fügte hinzu: „In diesem Fall sind es drei Frauen, aber es hätten auch drei Männer sein können. Es handelt sich um eine mafiöse Methodik.“
Landesweite Debatte ausgelöst
„So etwas passiert nicht einfach jeder Frau“, meint hingegen Georgina Orellano, Generalsekretärin der Gewerkschaft AMMAR, die sich für die Rechte von Sexarbeiterinnen einsetzt, während der Proteste. „Es passiert vor allem armen Frauen.“
Die brutale Gewalttat hat eine landesweite Debatte ausgelöst, die den bereits seit Längerem anhaltenden Popularitätsverlust von Präsident Milei weiter verstärken könnte. Solche Verbrechen nähren das weitverbreitete Gefühl wachsender Unsicherheit im Alltag. Auch die zurückhaltende oder als unzureichend empfundene Reaktion der Regierung könnte den Unmut in der Bevölkerung verstärken – insbesondere bei Gewerkschaften, Studierenden und Menschenrechtsorganisationen, die zunehmend zu Protesten aufrufen.
Vor zehn Jahren hatte in Argentinien unter dem Motto „Ni Una Menos“ („Nicht eine weniger“) eine Frauenbewegung begonnen, gegen die wachsende Zahl der Femizide zu protestieren. Die Bewegung fand starken Rückhalt in der argentinischen Gesellschaft. Mitte 2015 gingen in Buenos Aires und in mehr als 100 weiteren Städten des Landes Hunderttausende auf die Straße. Danach setzten sich die Proteste in ganz Lateinamerika fort.
Inzwischen haben 17 lateinamerikanische Staaten den Femizid ins Strafgesetzbuch aufgenommen, mehr als in Europa oder anderswo. Doch Lateinamerika ist nach wie vor die Region mit der weltweit höchsten Zahl an Femiziden. Vergleiche sind jedoch wegen der lückenhaften Erfassung der Verbrechen in vielen Ländern nur wenig aussagekräftig.
Laut der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Lateinamerika ist die Zahl der Frauenmorde in Mexiko und Zentralamerika am höchsten. In Mexiko werden jährlich mehr als 3000 Frauen ermordet – das entspricht etwa 23 Fällen pro eine Million Einwohner.
Auch in Südamerika ist das Ausmaß der Gewalt hoch: In Brasilien wurden im Jahr 2024 rund 1500 Femizide registriert (etwa sieben pro eine Million Einwohner) – die höchste jemals verzeichnete Zahl im Land. Dies geschieht vor dem Hintergrund, dass die Zahl der Tötungsdelikte insgesamt in Brasilien seit einigen Jahren rückläufig ist.
Mit etwa 250 registrierten Frauenmorden pro Jahr – rund fünf Fälle pro eine Million Einwohner – liegt Argentinien statistisch leicht unter der Rate Brasiliens. Gleichzeitig zeigt sich die Gesellschaft dort besonders aufmerksam: Kaum eine Woche vergeht, ohne dass in den Medien über einen neuen Femizid berichtet wird.