Erfolg: Wie Deutschland von Chinas ehrgeiziger Arbeitskultur lernen kann
Shanghai. Nach den chinesischen Nationalfeiertagen im Oktober fand ich mich zwischen E-Mails und Arbeitsplänen plötzlich in einem Paralleluniversum wieder. Ni Tao, ein früherer Journalist bei chinesischen Medien und Familienvater aus Shanghai, den ich bei einem beruflichen Termin kennengelernt hatte, schrieb mir, wie er die Ferien mit Mathe- und Englischnachhilfe für seine beiden kleinen Söhne verbracht hatte.
„Ich kann auch mal frische Luft schnappen und ein bisschen Gras unter die Füße bekommen, nachdem ich lange am Schreibtisch saß“, schrieb er. Doch selbst ein Spaziergang sei für ihn selten mehr als eine Atempause zwischen den Pflichtterminen der Kinder, die von Kursen und Hausaufgaben bis in den Abend hinein getrieben werden.
Ni hat zwei Söhne, sechs und neun Jahre alt. Mein Sohn, acht, hatte die Feiertage hingegen frei. Also richtig frei, mit Urlaub, Spielen, einer Reise und Nichtstun. Das Gespräch weckte ein schlechtes Gewissen: Tue ich zu wenig fürs Kind? Können wir uns Freizeit leisten, während andere – allen voran die Chinesen – das Tempo in einem längst globalen Wettlauf um Bildung, Arbeit und Aufstieg anziehen?