The Spark: Cutiss züchtet Haut nach Maß
München. Verbrennungen, Verletzungen, Krankheiten: Millionen Menschen in aller Welt benötigen neue Haut. Die klassische Methode – die Transplantation von eigenem Gewebe – ist mit Problemen verbunden, von schmerzenden Narben bis zu teuren Folgebehandlungen.
Cutiss will Abhilfe schaffen. Das Start-up aus Zürich hat ein Verfahren entwickelt, um aus patienteneigenen Zellen ein Transplantat zu züchten, automatisiert und somit im großen Maßstab. Für diese Idee wurde das Unternehmen am Freitag beim Digitalpreis „The Spark“ mit dem zweiten Preis ausgezeichnet.
Die Grundlage für Cutiss entstand an der Universität Zürich: Bereits 2001 begann ein Forschungsprojekt zur Zucht von Hautzellen. Die Biologin mit Forschungsschwerpunkten im Bereich der Stammzellbiologie und regenerativen Medizin, Daniela Marino, stieß nach ihrer Promotion dazu. Erste Studien zeigten bald, dass der Hautersatz funktionierte.
Mit der Zeit reifte bei Marino die Überzeugung, dass die Erkenntnis nicht nur in Publikationen Niederschlag finden durfte. 2017 beschloss die gebürtige Italienerin mit einem fünfköpfigen Team, aus den wissenschaftlichen Ergebnissen ein kommerzielles Produkt zu entwickeln. Ein Start-up-Accelerator in Zürich unterstützte die Gründung.
Dritte Studienphase läuft bereits
Kern des Geschäftsmodells sind zwei Neuheiten. Zum einen will Cutiss ein Verfahren zur Reife bringen, mit dem das Start-up aus einer Hautprobe in der Größe einer Briefmarke Zellen gewinnt und vermehrt. Der Chirurg kann anschließend das Laborgewebe einsetzen, ohne ein gesundes Stück Haut an anderer Stelle des Körpers entnehmen zu müssen.
Dabei verspricht Cutiss, dass die Laborhaut weniger Nebenwirkungen hat: Anders als transplantierte Haut enthält die Nachzucht beide Hautschichten, Dermis und Epidermis – wodurch weniger Narben entstehen sollen.
Zum anderen hat das Start-up an Maschinen getüftelt, mit denen es die Zellzucht weitgehend automatisieren will, und zwar an beliebigen Standorten. „Die Produktion muss in der Nähe der Patienten geschehen“, sagt Cutiss-Chefin Marino – und zwar in einer möglichst hohen und einheitlichen Qualität. Es ist zugleich eine Möglichkeit, das Geschäftsmodell zu skalieren: vom Forschungslabor zur Massenproduktion.
Es war ein finanzielles Risiko, das sich aber offenbar gelohnt hat. Mittlerweile führt Cutiss die dritte Phase der klinischen Studien durch. Wenn das Verfahren einmal mehr Verträglichkeit und Nutzen zeigt, steht einer Markteinführung nichts mehr im Wege. Gründerin Marino hofft, dass sie damit bald die Zulassung beantragen kann. Zunächst in der Schweiz und Europa, dann in anderen Märkten wie den USA.
Im September schloss Cutiss eine Finanzierungsrunde in Höhe von 56 Millionen Franken ab (rund 60 Millionen Euro). Insgesamt erhielt das Start-up damit 125 Millionen Franken (134 Millionen Euro). Mit diesem Kapital will das Team um Marino die Technologie weiterentwickeln und eine erste kommerzielle Produktionsstätte aufbauen. Für eine breite Markteinführung in einigen Jahren dürften jedoch weitere Mittel notwendig sein.