Allianz: Was die Brücke nach Russland über Nordkoreas neuen Status verrät
Tokio. Auf den jüngsten Satellitenaufnahmen von Mitte Oktober ist der Fortschritt in einem Prestigeprojekt von Nordkoreas Führer Kim Jong-un und Russlands Präsident Wladimir Putin unübersehbar: Die erste Autobrücke zwischen Nordkorea und Russland über den Tumen-Fluss wird schneller gebaut als erwartet.
Auf nordkoreanischer Seite erstreckt sich die Konstruktion bereits etwa 150 Meter in den Fluss hinein, der die Grenze zwischen beiden Ländern bildet. Sechs Brückenpfeiler sind errichtet, die Zufahrtsrampe und das Widerlager offenbar kurz vor der Fertigstellung. Auf russischer Seite ragt der Bau etwa 110 Meter ins Flussbett hinein und drei Pfeiler sind bereits errichtet. Die Brücke wird eine Länge von etwa einem Kilometer haben.
Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington, das die Satellitenbilder analysiert hat, revidiert daher den bisher bekannten Zeitpunkt der Fertigstellung: Die Brücke dürfte bereits im ersten Quartal 2026 fertiggestellt sein, also neun Monate früher als ursprünglich angekündigt.
Die Geschwindigkeit des Baus und der anhaltend hohe Zugverkehr auf der parallel verlaufenden Eisenbahnbrücke seien „klare Indikatoren für die Bedeutung und Ausweitung des Handels zwischen beiden Ländern während Russlands andauerndem Krieg gegen die Ukraine“, schreiben die Experten vom CSIS.
Die Brücke ist der sichtbarste Ausdruck der strategischen Partnerschaft, die Nordkoreas Machthaber und Russlands Präsident im Juni 2024 in Pjöngjang unterzeichnet haben. Sie markiert die engsten russisch-nordkoreanischen Beziehungen seit dem Ende des Kalten Krieges – wirtschaftlich wie militärisch. Kim befreit sich zusehends aus der Isolation.
Teil des Abkommens ist eine Beistandsklausel, die beide Länder im Falle eines Angriffs zur militärischen Hilfe verpflichtet. Damit besiegelten beide Länder, was sie schon begonnen hatten, als Nordkorea Russland beim Angriff auf die Ukraine unterstützte. Nordkorea lieferte nicht nur Artilleriemunition und Waffen, es entsandte auch mindestens 13.000 Soldaten.
Als Gegenleistung verstärkte Russland die Lieferung von Energie und anderen Gütern nach Nordkorea. Ein Zeichen des ökonomischen Teils dieser Partnerschaft ist die Brücke. Bislang existiert nur eine einzige Landverbindung zwischen beiden Ländern für Eisenbahnen: die „Freundschaftsbrücke“, die in unmittelbarer Nähe etwas weiter nördlich über den Fluss führt.
Die neue Verkehrsverbindung wird mit einer Gesamtlänge von 4,7 Kilometern – inklusive Zufahrtsstraßen – die russische Region Khasan mit dem nordkoreanischen Bezirk Tumangang in der Region Rason verbinden. Mit einer Breite von sieben Metern bietet die Brücke Platz für zwei Fahrspuren. Die Baukosten belaufen sich laut bisher vorliegenden Informationen auf etwa 100 Millionen Dollar.
Auf beiden Seiten entstehen zusätzlich zu den notwendigen Grenzübergängen mehrere Quadratkilometer große Gebiete mit Lagerhäusern, Werkstätten und Parkplätzen. Dort werden künftig die Lkw-Fahrer ausgetauscht – keinem Fahrer wird es gestattet sein, tiefer ins jeweils andere Land vorzudringen.
Die schnellere Fertigstellung lässt sich laut den Experten des CSIS nur durch eine intensivierte Ressourcenmobilisierung auf beiden Seiten erklären. Dies hat möglicherweise auch eine militärische Bedeutung. Denn die neue Straßenverbindung wird es Russland ermöglichen, einen Teil des Handels von Seefracht auf Landtransport zu verlagern.
Damit reduziert sich das Risiko, dass russische Handelsschiffe auf Sanktionslisten landen. Zudem erschwert der Straßentransport die Überwachung des bilateralen Handels erheblich, da Lkw deutlich schwerer zu verfolgen sind als Schiffe.
Die wirtschaftliche Zusammenarbeit erreicht damit eine neue Dimension
Wie sehr sich die Handelsströme in den vergangenen Monaten tatsächlich verändert haben, lässt sich nicht genau beurteilen, denn Russland und Nordkorea veröffentlichen seit Frühjahr 2022 keine detaillierten bilateralen Handelszahlen mehr. Nach Schätzungen scheinen sich die Beziehungen jedoch zu vertiefen.
Allein in der ersten Jahreshälfte 2025 belief sich das Handelsvolumen auf 52,9 Millionen US-Dollar – deutlich mehr als die 34,4 Millionen Dollar für das gesamte Jahr 2023. Das schrieb Olena Guseinova, Expertin an der Hankuk University of Foreign Studies in Seoul, kürzlich in einer Studie für die deutsche Friedrich-Naumann-Stiftung. In diesem Handelsvolumen sind allerdings keine Waffen enthalten.
Guseinova geht daher davon aus, dass der bilaterale Handel wieder das Niveau von 2017 erreichen könnte. Laut russischen Zollstatistiken exportierte Russland in dem Jahr Waren im Wert von 74,2 Millionen Dollar und importierte Güter im Wert von 3,7 Millionen Dollar. Damals verschärften die Vereinten Nationen nach einem Atombombentest die Sanktionen gegen Nordkorea.
Auch der zwischenzeitlich zurückgegangene Handel Nordkoreas mit seiner eigentlichen Schutzmacht China steigt wieder. Laut chinesischen Statistiken stieg der bilaterale Handel im September auf 271 Millionen Dollar und damit den zweithöchsten Wert seit Dezember 2019.
Symbol für Nordkoreas neue Vernetzung mit der Welt
Doch der wahre Wert der Zusammenarbeit dürfte für Nordkorea viel höher sein. Ein Grund sind Waffenlieferungen, ein anderer die Entsendung von Soldaten und Bauarbeitern gegen Gebühr. Zudem unterstützt Russland Nordkorea vermutlich auch militärisch mit Know-how und Analysen für das Raketen- und Atomprogramm.
Ein strategischer Gewinn ist für Kim zudem, dass er zusehends die diplomatische Isolation durchbricht. Für geraume Zeit traf sich der Machthaber lediglich mit Putin, im September dieses Jahres nahm er dann in China an den Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag des Kriegsendes mit Japan teil.
Im Oktober begrüßte er schließlich in Pjöngjang hohen Besuch aus mehreren Ländern: China schickte Ministerpräsident Li Qiang für mehrere Tage in die nordkoreanische Hauptstadt, Russland den früheren Präsidenten Dimitri Medwedew, aus Vietnam kam mit To Lam erstmals seit 20 Jahren der Chef der dortigen Kommunistischen Partei.
Inzwischen haben ihm auch US-Präsident Donald Trump, Südkoreas Staatsoberhaupt Lee Jae-myung und Japans Ministerpräsidentin Sanae Takaichi Gipfeltreffen angeboten. Kim lehnt sie bisher ab. Und selbst wenn er darauf eingehen sollte, ist er in einer stärkeren Position als zuvor. Er wird sich weniger als bisher um UN-Sanktionen scheren und ist auch nicht auf Gespräche mit den USA und deren Alliierten angewiesen.