Gesundheit: Bei den Krankenhäusern droht die nächste Milliardenlücke
Berlin. Die Finanzprobleme im Gesundheitswesen sind noch größer als gedacht. Das belegt eine neue Schätzung zur finanziellen Lage der Krankenhäuser. So könnten deutschen Krankenhäusern jedes Jahr zehn Milliarden Euro fehlen, wie aus einer dem Handelsblatt vorliegenden Präsentation hervorgeht, die kürzlich auf einer internen Veranstaltung des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherung vorgestellt wurde.
Die Modellrechnung wurde von dem Intensivmediziner Christian Karagiannidis verfasst, der als Mitglied der Krankenhauskommission bei der Krankenhausreform von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) beratend mitgewirkt hat.
Seine Berechnungen zeigen, dass das ohnehin teure System bereits seit Jahren eine dauerhafte, strukturelle Mehrbelastung mit sich schleppt – möglicherweise mit direkten Folgen für die Beitragszahler. Im Verhältnis zu den Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) ist die errechnete Lücke massiv.
Für 2025 veranschlagt der GKV-Schätzerkreis die Ausgaben der GKV auf rund 347 Milliarden Euro. Das Gremium, bestehend aus Mitgliedern des Bundesgesundheitsministeriums, des Krankenkassenverbands und des Bundesamts für Soziale Sicherung, prognostiziert jedes Jahr die Finanzlage der GKV.
Besonders ins Gewicht fallen dabei die Krankenhauskosten. Allein im ersten Halbjahr 2025 gaben die Krankenkassen dafür 54,5 Milliarden Euro aus, im Gesamtjahr 2024 waren es etwa 100 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Die Gesamtausgaben der Krankenkassen beliefen sich 2024 auf 312 Milliarden Euro. Die von Karagiannidis errechnete Zehn-Milliarden-Lücke entspricht damit etwa einem Zehntel der jährlichen Krankenhausausgaben und könnte die Höhe der Beitragssätze beeinflussen.
Karagiannidis leitet diese Lücke nicht aus einzelnen Defizitposten ab, sondern aus einer grundsätzlichen Systemschieflage: Die Krankenhausausgaben wachsen seit Jahren dauerhaft schneller als die Grundlohnsumme, also schneller als die Einkommen, aus denen sich die GKV-Beiträge finanzieren.
Mehr Personal und Tarifsteigerungen
Als Hauptursache nennt er eine Leistungsausweitung. Karagiannidis zufolge könne das teilweise als medizinischer Fortschritt verbucht werden, bisweilen werde allerdings übers Ziel hinausgeschossen. Weitere Kosten entstünden durch gestiegene Personalzahlen im ärztlichen und pflegerischen Bereich samt entsprechenden Tarifsteigerungen.
Die Krankenhäuser entzogen anderen Sektoren Personal, während zugleich Fallzahlen pro Vollzeitkraft sanken. Inflation und Energiekosten spielten zwar eine Rolle, erklärten diese Entwicklung aus seiner Sicht aber nur teilweise.
Sein Fazit: Die Milliardenlücke ist keine kurzfristige Haushaltsdelle, sondern eine dauerhafte, strukturelle Last für die Krankenkassen. Wird diese Lücke nicht durch zusätzliche Bundesmittel oder spürbare Einsparungen geschlossen, wird sie möglicherweise über steigende Zusatzbeiträge finanziert.
Transformationsfonds löst Problem nicht
Zwar sieht die Krankenhausreform milliardenschwere Maßnahmen vor, wie einen Transformationsfonds von 50 Milliarden Euro und jährliche zusätzliche Vorhalte-Zuschläge von rund 750 Millionen Euro ab 2027 für Bereiche wie Pädiatrie, Geburtshilfe, oder Intensivmedizin. Auch für ländliche Häuser sind höhere Sockelbeträge vorgesehen. Zudem sind zusätzliche Mittel in Höhe von 14 Milliarden Euro vorgesehen. An der grundlegenden Finanzierungslücke ändern diese Instrumente aus seiner Sicht jedoch wenig. Zudem sind sie die Gelder teilweise als Investition zu verstehen, also für den Umbau der Krankenhauslandschaft gedacht.
Die von Karagiannidis berechnete Größenordnung bestätigt auch der GKV-Spitzenverband: „Für das Jahr 2025 erwarten wir stationäre Mehrausgaben für die GKV von zehn Milliarden Euro – ein Anstieg um zehn Prozent, während die Grundlohnrate nur um fünf Prozent wächst“, sagte die stellvertretende Vorstandsvorsitzende Stefanie Stoff-Ahnis dem Handelsblatt. Besonders alarmierend sei, dass dieser Kostenanstieg bei Fallzahlen erfolge, die noch immer unter dem Vor-Corona-Niveau lägen.
Gerald Gaß, der Vorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, sieht diese Schätzung hingegen skeptisch. Die Krankenhausausgaben würden nicht stärker als die Gesamtausgaben der GKV steigen, sondern eher unterdurchschnittlich.
Er räumt aber ein, dass die Kliniken durch immer neue Personalvorgaben – etwa in der Pflege – stärker belastet worden seien. „Die Entwicklung von Fallzahlen, Produktivität und Inflation ist deutlich komplexer, als es eine einzelne Milliarden-Zahl suggeriert, und muss im Detail genauer analysiert werden“, sagte er dem Handelsblatt.
Karagiannidis zieht aus den Entwicklungen andere Schlüsse und plädiert für ein Budgetsystem. Den Krankenhäusern soll jedes Jahr ein festes Gesamtbudget zugesagt werden, über das sie frei verfügen können. So würden sie aus dem „Hamsterrad“ herauskommen, immer mehr Leistungen erbringen zu müssen, um steigende Kosten zu decken. Sie sollten selbst steuern, welche Patienten in der Arztpraxis oder auf einer Krankenstation behandelt werden müssten.