Ökonom warnt vor Finanzkollaps: Russland taumelt der Pleite entgegen
Russische Flagge auf dem Gebäude der russischen Botschaft in Berlin: Westliche Sanktionen treffen russische Firmen hart.
Foto: dpaBerlin. Die Wirtschaftssanktionen gegen Russland zeigen offenbar schnellere und härtere Wirkungen als von Kreml-Chef Wladimir Putin erwartet. Die DZ Bank hält gar einen „Finanzkollaps“ für möglich und weist dabei auf die Lage der russischen Wirtschaft hin, die die Folgen der Strafmaßnahmen besonders deutlich zu spüren bekommt.
Grund ist der erschwerte Zugang für russische Firmen zum westlichen Kapitalmarkt. Um die Betriebe zu refinanzieren, muss der Staat derzeit zu den Mitteln im nationalen Wohlfahrtsfonds und den Reservefonds greifen. Ein schwieriges, fast unmögliches Unterfangen, wie DZ-Bank-Chefökonom Stefan Bielmeier in einer Analyse erklärt.
Die Gemengelage, die durch die Sanktionen und den niedrigen Ölpreis entstanden ist, ist hochgefährlich. Bielmeier zeichnet ein düsteres Bild. „Der Finanzsektor erleidet hohe Verluste, die Unternehmen kommen nicht mehr ausreichend an Devisen, um benötigte Einfuhrgüter zu kaufen, Technologiegüter können zum Teil überhaupt nicht mehr importiert werden.“ Hinzu kommt, dass inzwischen auch die Regierung einräumt, dass es im nächsten Jahr zu einer Rezession kommen dürfte. Das Wirtschaftsministerium rechnet nun für 2015 mit einem Konjunktureinbruch von 0,8 Prozent.
Hinter der krisenhaften Zuspitzung der Lage stehen die Kapitalflucht und der rapide Preisverfall für Rohöl und anderer Energieträger – die wichtigsten Exportgüter und Devisenbringer für Russland. Im Ergebnis, so Bielmeier, unterliege der Rubel einem „dramatischen“ Abwertungsdruck. Allein seit Ende Juni habe er die Hälfte seines Wertes zum US-Dollar eingebüßt und Allzeittiefs markiert.
Der Kurs der russischen Währung hängt stark von der Ölpreisentwicklung ab: Sinkt der Preis für die Ressource wie zuletzt, fällt auch der Rubelkurs. Kostete etwa ein Euro Anfang des Jahres noch rund 45 Rubel, so müssen die Russen inzwischen mehr als 60 Rubel für einen Euro auf den Tisch legen.
Der Ölpreis hat seit Jahresbeginn um rund 30 Prozent nachgelassen. Regierungschef Dmitrij Medwedjew hofft nun auf eine Entspannung am Energiemarkt. „Jetzt wäre es gut, wenn das Öl etwas teurer würde, den Rest können wir machen“, sagte er jüngst beim Besuch einer Raffinerie.
Mit Blick auf den Wertverfall des Rubels mahnte Medwedjew seine Landsleute zu Geduld. "Es ist absolut unnötig, hysterisch zu werden", sagte er heute im russischen Fernsehen. Experten seien sich einig, dass der Rubel derzeit "unterbewertet" sei. Medwedjew warnte davor, Ersparnisse in andere Währungen umzutauschen. Er erinnerte daran, dass 2008 und 2009 viele Russen letztlich Geld verloren hätten, nachdem sie bei einem schwachen Stand den Rubel in Dollar und Euro umgetauscht hatten. Auch sein Vermögen bleibe weiterhin in Rubel erhalten, sagte Medwedjew. "Wir sitzen in einem Boot."
Wegen der anhaltenden Rubel-Schwäche rechnet das Wirtschaftsministerium in Moskau für 2015 mit einem Kapitalabfluss von 90 Milliarden Dollar (72 Milliarden Euro) statt wie bisher angenommen von 50 Milliarden Dollar. Für 2014 gehen die Behörden zudem von einer Kapitalabwanderung in Höhe von rund 125 Milliarden Dollar aus.
Bielmeier merkt an, dass die Notenbank zwar versucht habe, mit Devisenmarkinterventionen gegenzusteuern. Doch der dieses Jahr bereits eingesetzte dreistellige Milliardenbetrag ist längst aufgebraucht. Bielmeier gibt zu bedenken, dass Leitzinsanhebungen als letztes Mittel gegen die Kapitalflucht und die horrend gestiegene wechselkursinduzierte Inflation kurzfristig auch keine Linderung des Rezessionstrends brächten. Ohnehin handle sich die Notenbank mit ihrer restriktiven Geld- und Zinspolitik bereits „bedenkliche Tadel aus dem Kreml“ ein.
Russland scheine damit, resümiert Bielmeier, „vor wirklich ernsten Problemen zu stehen“. Der Ökonom schließt auch einen Finanzkollaps nicht aus. Die Rechnung dafür sei einfach, konstatiert er nüchtern: Die russischen Banken verlören derzeit Milliardenbeträge an möglichen Einnahmen. Bis Ende 2015 würden bei Russlands Unternehmen 130 Milliarden Dollar an Fremdwährungsverbindlichkeiten fällig. „Sollte ihr Devisenzugang bis dahin gestört bleiben, wären sie darauf angewiesen, dass die Regierung sie „freikauft““, so Bielmeier.
Doch ein fortgesetzter Rückgriff wie bisher auf den staatlichen Wohlfahrtsfonds, der etwa 88 Milliarden US-Dollar schwer ist, könne dabei aber keine Abhilfe schaffen. Denn nur ein kleiner Teil der Fonds-Mittel wäre kurzfristig liquide. Zudem, so Bielmeier weiter, wirft diese Form der Staatshilfe neue Probleme auf, zumal der Fonds die staatlichen Pensionsverpflichtungen absichert.
Auch der Nationale Notfallfonds dürfte nach Bielmeiers Einschätzung kaum für Entlastung sorgen. Zwar sind dort etwa genauso viele Mittel beinhaltet wie beim Wohlfahrtsfonds. Doch diese seien „nur zum Teil kurzfristig disponibel“, gibt der Ökonom zu bedenken. Deshalb ist eine umfassende Rettung angeschlagener Unternehmer durch den Staat nicht ohne einen Rückgriff auf die weiteren Devisenreserven der Notenbank möglich.
Insgesamt verfügte Russlands Notenbank inklusive der beiden genannten Sonderfonds Ende Oktober 2014 über Devisenreserven von 370 Milliarden US-Dollar. Hinzu seien Sonderziehungsrechte und eine Reserveposition beim Internationalen Währungsfonds (IWF) von insgesamt gut 12 Milliarden US-Dollar sowie Goldvorräte von gut 45 Milliarden US-Dollar gekommen, rechnet der DZ-Bank-Ökonom vor. Das ergibt insgesamt eine Summe von knapp 430 Milliarden US-Dollar.
Die Mittel dürften in dieser Höhe aber wohl nicht verfügbar sein, erklärt Bielmeier. „Geht man davon aus, dass nicht einmal die Hälfte davon kurzfristig und ohne Schaden disponibel ist, weil langfristig am Kapitalmarkt angelegt oder anderweitig gebunden, etwa durch bereits vergebene Investitionsgarantien im Inland, würden die effektiven Reserven rasch aufgezehrt sein“, schreibt der Ökonom in seiner Analyse.
Ein schnelles Abschmelzen der Reserven würde allerdings auch nicht helfen. Im Gegenteil: Dadurch würde zudem den Devisenzugang nochmals erschwert, warnt Bielmeier, „weil der Außenwert der Rubels vollends abzustürzen droht“. Erschwerend komme hinzu, dass der Kapitalmarkt diese Prozesse wohl vorweg nehmen und seinerseits beschleunigen dürfte.
Auch dem russischen Staat sind die Hände weitgehend gebunden. Zwar habe er selbst nur relativ geringe Auslandsverbindlichkeiten. Doch im Fall der Fälle geht es um kurzfristige Rettungsmaßnahmen. Fängt der Staat devisenabhängige russische Unternehmen auf, könnten deren Schulden schnell zu staatlichen Schulden werden – mit desaströsen Folgen, wie Bielmeier bemerkt. „In spätestens zwei Jahren wären die russischen Handlungsmöglichkeiten bei einem „weiter so wie bisher“ wohl endgültig ausgeschöpft“, ist der Ökonom überzeugt.
Zur Rubelstützung stünden schon lange vorher kaum noch Mittel bereit, so Bielmeier weiter. Nicht ohne Grund reise Putin deshalb derzeit von einer Ecke der Welt in die nächste, um neue Koalitionen mit bisher vernachlässigten Freunden zu schmieden und langfristige Lieferabkommen für sein Erdöl und Erdgas zu vereinbaren. „Ob dies genügt, um den Kollaps zu vermeiden, ist zweifelhaft“, konstatiert Bielmeier. „Am Ende muss Putin wohl entscheidende Konzessionen an seiner bisherigen Außenpolitik machen, um die Sanktionen gegen sein Land zu beenden und die Wirtschaft wieder auf einen Erholungskurs zu bringen.“
Putin steht auch deshalb unter Druck, weil die wirtschaftlichen Probleme auch ein Loch in den russischen Staatshaushalt reißen. Premier Medwedjew sagte, er erwarte einen Verlust für den Etat 2015 von rund 90 Milliarden Dollar.
Die westlichen Sanktionen gegen Russland schaden allerdings auch der europäischen Wirtschaft. Medwedjew bezifferte die Kosten auf 90 Milliarden Euro. Die russische Wirtschaft habe "vermutlich einige Dutzend Milliarden Dollar" verloren, sagte er. Russische Ökonomen hätten jedoch errechnet, dass der europäischen Wirtschaft durch nicht geschlossene Verträge mit Russland und andere Strafmaßnahmen dieses Jahr 40 Milliarden Euro entgangen seien, im nächsten Jahr kämen noch einmal 50 Milliarden Euro hinzu.