Verschwundene Boeing: Was geschah mit Flug MH370?
Eine Maschine der neuseeländischen Luftwaffe überfliegt das Gebiet, in dem Flug MH370 verschwunden ist. Trotz intensiver Suche konnte bislang keine Spur der verschollenen Boeing entdeckt werden.
Foto: ReutersBerlin/Canberra. Was geschah mit Flug MH370? Das Schicksal der Maschine der Malaysia Airlines ist bis heute ein Rätsel. Noch immer weiß niemand, was mit der Boeing 777 geschah, als sie vor einem Jahr plötzlich von den Radarschirmen verschwand. Die Maschine war am 8. März 2014 um 00.41 Uhr Ortszeit (17.41 Uhr MEZ) mit 227 Passagieren und zwölf Besatzungsmitgliedern an Bord in Kuala Lumpur gestartet und auf dem Weg nach Peking, als nach nicht einmal einer Stunde Flugzeit plötzlich der Kontakt abbricht.
Vietnam startet sofort eine Suchaktion im Südchinesischen Meer. In den nächsten Tagen entdecken Flugzeuge Ölspuren im Meer, dann vermeintliche Wrackteile oder eine Rettungsinsel – doch all diese Funde erweisen sich letztlich falscher Alarm.
Zwischenzeitlich geben die malaysischen Behörden bekannt, dass die Kommunikationssysteme an Bord von Hand abgeschaltet wurden, die Maschine bewusst auf einen anderen Kurs gelenkt wurde und noch sieben Stunden weitergeflogen sein muss, bis der Treibstoff ausging. Steckte möglicherweise ein Mitglied der Besatzung hinter dem Verschwinden?
„Es ist eindeutig das größte Rätsel der Luftfahrtgeschichte“, sagte Malcolm Brenner, einer der erfahrensten Unfallermittler weltweit, in einer Dokumentation des Fernsehsenders National Geographic. Er ist überzeugt, dass ein Cockpitkenner die Maschine bewusst gelenkt haben muss.
Zunächst der Stopp zweier Kommunikationssysteme gleichzeitig: „Es gibt keine elektrische Verbindung zwischen beiden und damit keinen Grund außer menschlichem Eingreifen, warum sie gleichzeitig ausgingen“, so Brenner. Zudem passierte dies genau zu dem Zeitpunkt, als die Maschine von der malaysischen Flugüberwachung in die vietnamesische flog und weder die eine noch die andere den fehlenden Kontakt sofort merkte.
Doch wenn Pilot Zaharie Shah oder sein Kopilot die Maschine zum Absturz bringen wollten, warum dann nicht sofort? Warum ließen sie die Boeing erst noch sieben Stunden weiterfliegen? Ermittlungen der Sicherheitsbehörden konnten bislang nicht erhärten, dass Besatzung oder Passagiere hinter dem Verschwinden der Maschine stecken.
Schon kurz nach dem Verschwinden wird die Suche auf den Süden des Indischen Ozean ausgeweitet, an ihr beteiligen sich zunächst 26, später noch sieben Länder. Australien übernimmt die Koordinierung der großangelegten Suche. Eine Suche, die mit der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen nur unzureichend beschrieben wäre. In diesem Fall ist der Heuhaufen 4,5 Millionen Quadratkilometer groß.
Judith Zielke vom australischen Joint Agency Coordination Centre (JACC) koordiniert die Suche. Von einem Büro in Canberra aus leiten ihre Experten eine internationale Gruppe von Spezialisten, Wissenschaftlern, Matrosen und Sicherheitskräften. Deren Einsatzort ist tausende von Kilometern entfernt, mitten im südlichen Indischen Ozean, sechs Tage Schiffsreise vor der westaustralischen Ostküste.
Dort suchen vier Schiffe mit hochmodernem Gerät nach Überresten der Boeing 777. Die Schiffe „fotografieren“ mit Sonar den bis zu 6000 Meter tiefer liegenden Meeresboden, sagt Zielke. Trotz der bislang erfolglosen Bemühungen gibt sich die Beamtin hoffnungsvoll: „Wir sind zuversichtlich, dass wir im richtigen Gebiet sind – basierend auf der Information, die uns zur Verfügung steht“.
Sogenannte „Handshakes“ – Signale, die das Flugzeug an Satelliten schickte – wiesen den Weg in das Suchgebiet, einen der isoliertesten Orte auf dem Planeten. Aus den Signalen errechneten die Experten einen Bogen, der sich rund um den Globus spannt. Die Treibstoffmenge im Flugzeug erlaubte ihnen dann, den ungefähren Ort zu identifizieren, an dem die Maschine ins Wasser gestürzt sein könnte.
In dem Millionen Quadratkilometer großen Suchgebiet richtet sich der Fokus der Experten inzwischen vor allem auf eine Kernregion von etwa 60.000 Quadratkilometern. „Davon haben wir 24.000 abgesucht“, sagt Zielke. Bis Mai hofft sie das erste Feld abhaken zu können, „und das Flugzeug hoffentlich bis dann zu finden“.
Hinterbliebene von Passagieren der Unglücksmaschine beten an einem Schrein. Ohne Gewissheit über das Schicksal der Verschwundenen bleiben die Angehörigen in ihrer Trauer gefangen.
Foto: dpaUnd wenn nicht? Dann müssten sich die drei noch an der Suche beteiligten Länder – China, Malaysia und Australien – zusammensetzen und das weitere Vorgehen besprechen. Denn die Kosten steigen: 64 Millionen Euro hat alleine Australien beigesteuert, und ewig wird der Steuerzahler nicht Geduld haben, klagen in den australischen Medien schon heute Kritiker.
Auch Australiens Regierungschef Tony Abbott äußerte sich jüngst in dieser Richtung. „Wir hoffen weiter, dass wir dieses Rätsel lösen werden“, sagte er am Donnerstag vor dem Parlament. Doch die Suche nach Flug MH370 könne nicht ewig auf dem derzeitigen Niveau fortgesetzt werden.
Abbotts Worte dürften den Angehörigen der Verschwunden in den Ohren geklungen haben. Für die Hinterbliebenen ist die Ungewissheit über das Schicksal der Verschwundenen quälend. Ohne Gewissheit bleiben die Angehörigen in ihrer Trauer gefangen. „Für uns gibt es keinen Abschluss“, sagt die malaysische Anwältin Grace Subathirai, deren Mutter Anne Daisy an Bord war. „Es hat unser Leben komplett verändert. Nichts wird je wieder sein, wie es war.“
Für die 57-jährige Li Shuping ist die Suche nach ihrer Tochter zum Lebensinhalt geworden. Ihr einziges Kind war verlobt, als sie vergangenes Jahr für eine Dienstreise nach Malaysia flog. Das Hochzeitsdatum stand schon fest. Aber die 29-Jährige kehrte nie mehr nach Peking zurück.
„Mir will es einfach nicht in den Kopf, dass sich heute jedes Handy orten lässt. Aber eine riesige Boeing soll einfach verschwinden können? Da stimmt doch etwas nicht“, sagt Li. Die Fluggesellschaft Malaysia Airlines bot ihr eine Entschädigung an. Li lehnte ab. „Mir geht es nicht um Geld. Ich will meine Tochter zurück.“
Im Januar wollte Malaysia einen Schlussstrich unter das MH370-Desaster ziehen. Das Unglück wurde als Unfall eingestuft und alle Menschen an Bord für tot erklärt. Für viele Angehörige war das ein Affront.
„Wie konnten sie das machen? Bis heute fehlen stichhaltige Beweise“, klagt Gan Mingsong. „Hier geht es um Menschenleben. Die kann man nicht einfach auf dem Papier auslöschen“, sagt der 75-Jährige. Sein 47 Jahre alter Sohn war an Bord der MH370. Er hat eine Frau und ein kleines Kind hinterlassen.
Nach Einschätzung der in Sydney ansässigen Expertin Sarah Wayland erlitten die MH370-Hinterbliebenen einen „unklaren Verlust“ – ihre Liebsten verschwanden spurlos, aber niemand weiß, was passiert ist. „Für die Angehörigen blieb ihr Leben stehen“, sagt Wayland. „Nur wenn sie akzeptieren, dass sie es nie erfahren werden, können sie weiterleben. Das ist unglaublich schwierig und kann Jahre dauern.“