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Verschwundene BoeingWas geschah mit Flug MH370?

Vor einem Jahr verschwand Flug MH370 der Malaysia Airlines von den Radarschirmen. Bis heute ist das Schicksal der Maschine ungeklärt. Während Experten nach dem Wrack forschen, wächst der Markt für Verschwörungstheorien. 05.03.2015 - 18:58 Uhr Artikel anhören

Eine Maschine der neuseeländischen Luftwaffe überfliegt das Gebiet, in dem Flug MH370 verschwunden ist. Trotz intensiver Suche konnte bislang keine Spur der verschollenen Boeing entdeckt werden.

Foto: Reuters

Berlin/Canberra. Was geschah mit Flug MH370? Das Schicksal der Maschine der Malaysia Airlines ist bis heute ein Rätsel. Noch immer weiß niemand, was mit der Boeing 777 geschah, als sie vor einem Jahr plötzlich von den Radarschirmen verschwand. Die Maschine war am 8. März 2014 um 00.41 Uhr Ortszeit (17.41 Uhr MEZ) mit 227 Passagieren und zwölf Besatzungsmitgliedern an Bord in Kuala Lumpur gestartet und auf dem Weg nach Peking, als nach nicht einmal einer Stunde Flugzeit plötzlich der Kontakt abbricht.

Vietnam startet sofort eine Suchaktion im Südchinesischen Meer. In den nächsten Tagen entdecken Flugzeuge Ölspuren im Meer, dann vermeintliche Wrackteile oder eine Rettungsinsel – doch all diese Funde erweisen sich letztlich falscher Alarm.

Verschwörungstheorien rund um Flug MH370
Die Ermittler haben alle Passagiere und Besatzungsmitglieder unter die Lupe genommen. Niemand hatte Terror-Sympathien oder -Verbindungen, auch die beiden Iraner nicht, die mit gefälschten europäischen Pässen an Bord waren. Sie träumten vom besseren Leben in Europa. Keine Terrororganisation hat sich je zu einem Anschlag bekannt.
Das behauptet der Amerikaner Christopher Green in einem auf YouTube populären Video, allerdings ohne jedwede Indizien. Ein Schurkenstaat habe die Maschine gekapert, wolle sie mit Atomwaffen ausstatten und eines Tages auf eine US-Stadt lenken. Der US-Autor Jeff Wise vermutet die Maschine dagegen in russischen Händen, ebenfalls ohne irgendwelche konkreten Anhaltspunkte.
Das FBI taucht immer bei Verschwörungstheorien auf: Die USA seien hinter etwas her gewesen, das an Bord war, meint der chinesische Blogger He Xin. Die US-Botschaft in Kuala Lumpur sah sich sogar genötigt zu dementieren, dass das Flugzeug auf dem US-Stützpunkt Diego Garcia im Indischen Ozean landete. Ex-Airline-Chef und Buchautor Marc Dugain kombiniert diese Theorien zu seiner Version: Hacker manipulierten die Bordcomputer von außen und lenkten die Maschine in Richtung des US-Stützpunkts, wo sie vom US-Militär abgeschossen wurde.
Das behauptet der britische Autor Nigel Cawthorne in einem Buch. Bei einer damals stattfindenden thailändisch-amerikanischen Militärübung im Südchinesischen Meer sei scharfe Munition verwendet worden. Die Geschichte vom stundenlangen Flug in Richtung Süden sei erfunden worden, um sicherzustellen, dass das Wrack an falscher Stelle gesucht und nie gefunden wird. Seriöse Experten zweifeln dagegen nicht an den Angaben der Satellitenfirma Inmarsat, die Stunden nach dem Verschwinden Daten von der Maschine auffing.
Das halten mehrere erfahrene Unfallermittler für die wahrscheinlichste Variante. Sie äußern sich in einer Dokumentation des Senders National Geographic: Der Pilot dirigiert den Kopiloten unter einem Vorwand aus dem Cockpit, nimmt eine Sauerstoffmaske, löst in der Kabine einen Druckabfall aus, der alle ins Koma versetzt und fliegt Richtung Süden, bis die Maschine mit leeren Tanks abstürzt. Warum würde aber jemand auf Suizid-Mission die Maschine so lange fliegen lassen?
An Bord war zwar eine Ladung mit gut 200 Kilogramm hoch brennbaren Batterien. Ein Brand hätte womöglich die beiden Kommunikationssysteme zerstören können - aber die Piloten hätten zuvor im Cockpit Alarm gehört und über Funk eine Notsituation gemeldet, sagen Piloten. Hätten toxische Dämpfe oder ein Druckabfall Passagiere und Crew bewusstlos gemacht, hätte die Maschine nach dem letzten Radarkontakt nicht zwei abrupte Kursänderungen nehmen kön

Zwischenzeitlich geben die malaysischen Behörden bekannt, dass die Kommunikationssysteme an Bord von Hand abgeschaltet wurden, die Maschine bewusst auf einen anderen Kurs gelenkt wurde und noch sieben Stunden weitergeflogen sein muss, bis der Treibstoff ausging. Steckte möglicherweise ein Mitglied der Besatzung hinter dem Verschwinden?

„Es ist eindeutig das größte Rätsel der Luftfahrtgeschichte“, sagte Malcolm Brenner, einer der erfahrensten Unfallermittler weltweit, in einer Dokumentation des Fernsehsenders National Geographic. Er ist überzeugt, dass ein Cockpitkenner die Maschine bewusst gelenkt haben muss.

Zunächst der Stopp zweier Kommunikationssysteme gleichzeitig: „Es gibt keine elektrische Verbindung zwischen beiden und damit keinen Grund außer menschlichem Eingreifen, warum sie gleichzeitig ausgingen“, so Brenner. Zudem passierte dies genau zu dem Zeitpunkt, als die Maschine von der malaysischen Flugüberwachung in die vietnamesische flog und weder die eine noch die andere den fehlenden Kontakt sofort merkte.

Doch wenn Pilot Zaharie Shah oder sein Kopilot die Maschine zum Absturz bringen wollten, warum dann nicht sofort? Warum ließen sie die Boeing erst noch sieben Stunden weiterfliegen?  Ermittlungen der Sicherheitsbehörden konnten bislang nicht erhärten, dass Besatzung oder Passagiere hinter dem Verschwinden der Maschine stecken.

Schon kurz nach dem Verschwinden wird die Suche auf den Süden des Indischen Ozean ausgeweitet, an ihr beteiligen sich zunächst 26, später noch sieben Länder. Australien übernimmt die Koordinierung der großangelegten Suche. Eine Suche, die mit der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen nur unzureichend beschrieben wäre. In diesem Fall ist der Heuhaufen 4,5 Millionen Quadratkilometer groß. 

Die Suche nach Flug MH370
Derzeit untersuchen vier Schiffe mit Echolot den Meeresboden im südlichen Indischen Ozean. Rund 40 Prozent eines 60.000 Quadratkilometer großen Gebiets wurden bereits durchkämmt, bis Mai soll die Suche abgeschlossen werden. Was nach dem Mai geschieht, ist noch unklar. Die Winterstürme der südlichen Hemisphäre dürften in jedem Fall weitere Suchaktionen über Monate beeinträchtigen.
Experten berechneten den möglichen Absturzort mit Hilfe von Signalen, die ein Satellit von der Maschine empfing – sogenannte Handshakes. Daraus ergaben sich zwei mögliche Routen, aus denen die in Richtung Indischer Ozean ausgewählt wurde. Hätte die Maschine die andere Route genommen, wäre sie über asiatisches Festland geflogen und nicht unbemerkt geblieben.
Die Experten stünden vor der Herausforderung, wenn nicht das Wrack, so zumindest aber die Flugschreiber in 4000 Metern Tiefe und in völliger Dunkelheit zu finden und zu bergen. Immerhin können sie dabei auf die Erfahrungen bei der Suche nach den Blackboxes von Air-France-Flug AF447 zurückgreifen: Diese waren zwei Jahre nach dem Absturz im Juni 2009 von einem Tauchroboter im Atlantik geborgen worden.
Der Druck in der Tiefe des Meeres ist zwar extrem hoch gewesen, die Strömungen dagegen meist relativ schwach, so dass vermutlich kaum Trümmer weggetrieben worden wären. Experten gehen daher davon aus, dass zumindest Teile der Maschine noch in leidlich gutem Zustand wären.
Spekuliert wird vor allem über technische Probleme oder Konstruktionsfehler, über einen Terroranschlag, eine Entführung oder eine spektakuläre Selbstmordaktion des Piloten – doch Belege gibt es für keine der Thesen. Die glaubwürdigste Theorie ist nach Einschätzung der Ermittler, dass Passagiere und Besatzung nach einem plötzlichen Sauerstoffabfall in der Maschine bewusstlos wurden und die Boeing per Autopilot weiterflog, bis der Treibstoff ausging und sie ins Meer stürzte.
Die Website Aviation Safety Network listet nur einen weiteren Fall auf: 1962 verschwand demnach eine vom US-Militär gecharterte Turboprop der US-Gesellschaft Flying Tiger Line mit 107 Insassen auf dem Weg von Guam zu den Philippinen. Ihr Schicksal ist bis heute unbekannt.
Ohne den Flugschreiber der Maschine wird die Flugzeugindustrie niemals wissen, was genau falsch lief. Dafür aber beflügelt das Schicksal von MH370 die Bemühungen für eine bessere Überwachung von Maschinen. Eine Flugsicherheitskonferenz in Montreal brachte im vergangenen Monat eine Initiative auf den Weg, wonach Flugzeuge bereits ab dem kommenden Jahr so ausgestattet sein sollen, dass sie bei Notfällen im Minutentakt ein Signal absetzen.

Judith Zielke vom australischen Joint Agency Coordination Centre (JACC) koordiniert die Suche. Von einem Büro in Canberra aus leiten ihre Experten eine internationale Gruppe von Spezialisten, Wissenschaftlern, Matrosen und Sicherheitskräften. Deren Einsatzort ist tausende von Kilometern entfernt, mitten im südlichen Indischen Ozean, sechs Tage Schiffsreise vor der westaustralischen Ostküste.

Dort suchen vier Schiffe mit hochmodernem Gerät nach Überresten der Boeing 777. Die Schiffe „fotografieren“ mit Sonar den bis zu 6000 Meter tiefer liegenden Meeresboden, sagt Zielke. Trotz der bislang erfolglosen Bemühungen gibt sich die Beamtin hoffnungsvoll: „Wir sind zuversichtlich, dass wir im richtigen Gebiet sind – basierend auf der Information, die uns zur Verfügung steht“.

Sogenannte „Handshakes“ –  Signale, die das Flugzeug an Satelliten schickte – wiesen den Weg in das Suchgebiet, einen der isoliertesten Orte auf dem Planeten. Aus den Signalen errechneten die Experten einen Bogen, der sich rund um den Globus spannt. Die Treibstoffmenge im Flugzeug erlaubte ihnen dann, den ungefähren Ort zu identifizieren, an dem die Maschine ins Wasser gestürzt sein könnte.

In dem Millionen Quadratkilometer großen Suchgebiet richtet sich der Fokus der Experten inzwischen vor allem auf eine Kernregion von etwa 60.000 Quadratkilometern. „Davon haben wir 24.000 abgesucht“, sagt Zielke. Bis Mai hofft sie das erste Feld abhaken zu können, „und das Flugzeug hoffentlich bis dann zu finden“.

Hinterbliebene von Passagieren der Unglücksmaschine beten an einem Schrein. Ohne Gewissheit über das Schicksal der Verschwundenen bleiben die Angehörigen in ihrer Trauer gefangen.

Foto: dpa

Und wenn nicht? Dann müssten sich die drei noch an der Suche beteiligten Länder – China, Malaysia und Australien – zusammensetzen und das weitere Vorgehen besprechen. Denn die Kosten steigen: 64 Millionen Euro hat alleine Australien beigesteuert, und ewig wird der Steuerzahler nicht Geduld haben, klagen in den australischen Medien schon heute Kritiker.

Auch Australiens Regierungschef Tony Abbott äußerte sich jüngst in dieser Richtung. „Wir hoffen weiter, dass wir dieses Rätsel lösen werden“, sagte er am Donnerstag vor dem Parlament. Doch die Suche nach Flug MH370 könne nicht ewig auf dem derzeitigen Niveau fortgesetzt werden.

Katastrophenjahr für Asiens Luftfahrt
Transasia Flug GE235 rammt kurz nach dem Start in Taiwans Hauptstadt Taipeh eine Brücke in einem Wohngebiet und stürzt anschließend in einen Fluss. 38 Insassen kommen um, 15 überleben. Beide Triebwerke sind ausgefallen. Es ist eine Maschine vom Typ ATR-72.
AirAsia-Flug QZ8501, ein Airbus A320, verschwindet zwischen Indonesien und Singapur vom Radar. 162 Menschen sind an Bord, überwiegend Indonesier. Der Pilot des Billigfliegers setzt keinen Notruf ab. Wrackteile werden zwei Tage später in der Javasee entdeckt.
Transasia-Flug 222 stürzt bei schlechtem Wetter im Landeanflug auf Penghu Insel (Taiwan) ab, es gibt 48 Tote und 10 Überlebende. Es ist eine Maschine vom Typ ATR-72.
Malaysia Airlines MH17, eine Boeing 777, stürzt über dem Kampfgebiet in der Ostukraine ab, aller Wahrscheinlichkeit nach ist sie von einer Rakete abgeschossen worden. 298 Menschen an Bord kommen um, es sind überwiegend Niederländer.
Das Verschwinden Malaysia Airlines MH370 gehört zu den größten Rätseln der modernen Luftfahrt. Es wird davon ausgegangen, dass die Boeing 777 auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking vor der Küste von Westaustralien in den Indischen Ozean stürzte. An Bord befinden sich 239 Menschen. Bis heute gibt es keine konkreten Hinweise auf den Verbleib der Maschine.
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So kämpfen Flughäfen um Passagiere

Abbotts Worte dürften den Angehörigen der Verschwunden in den Ohren geklungen haben. Für die Hinterbliebenen ist die Ungewissheit über das Schicksal der Verschwundenen quälend. Ohne Gewissheit bleiben die Angehörigen in ihrer Trauer gefangen. „Für uns gibt es keinen Abschluss“, sagt die malaysische Anwältin Grace Subathirai, deren Mutter Anne Daisy an Bord war. „Es hat unser Leben komplett verändert. Nichts wird je wieder sein, wie es war.“

Für die 57-jährige Li Shuping ist die Suche nach ihrer Tochter zum Lebensinhalt geworden. Ihr einziges Kind war verlobt, als sie vergangenes Jahr für eine Dienstreise nach Malaysia flog. Das Hochzeitsdatum stand schon fest. Aber die 29-Jährige kehrte nie mehr nach Peking zurück.

„Mir will es einfach nicht in den Kopf, dass sich heute jedes Handy orten lässt. Aber eine riesige Boeing soll einfach verschwinden können? Da stimmt doch etwas nicht“, sagt Li. Die Fluggesellschaft Malaysia Airlines bot ihr eine Entschädigung an. Li lehnte ab. „Mir geht es nicht um Geld. Ich will meine Tochter zurück.“

Im Januar wollte Malaysia einen Schlussstrich unter das MH370-Desaster ziehen. Das Unglück wurde als Unfall eingestuft und alle Menschen an Bord für tot erklärt. Für viele Angehörige war das ein Affront.

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„Wie konnten sie das machen? Bis heute fehlen stichhaltige Beweise“, klagt Gan Mingsong. „Hier geht es um Menschenleben. Die kann man nicht einfach auf dem Papier auslöschen“, sagt der 75-Jährige. Sein 47 Jahre alter Sohn war an Bord der MH370. Er hat eine Frau und ein kleines Kind hinterlassen.

Nach Einschätzung der in Sydney ansässigen Expertin Sarah Wayland erlitten die MH370-Hinterbliebenen einen „unklaren Verlust“ – ihre Liebsten verschwanden spurlos, aber niemand weiß, was passiert ist. „Für die Angehörigen blieb ihr Leben stehen“, sagt Wayland. „Nur wenn sie akzeptieren, dass sie es nie erfahren werden, können sie weiterleben. Das ist unglaublich schwierig und kann Jahre dauern.“

tt, urw, dpa, afp
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