Dieter Manz: „Deutschland braucht eine Gigafactory“
In der Gigafactory von Tesla im US-Bundesstaat Nevada sollen schon bald die Lithium-Ionen-Akkus der Zukunft gebaut werden.
Foto: ReutersDüsseldorf. Der schwäbische Maschinenbauer Manz hat turbulente Zeiten hinter sich. Der Abstieg der deutschen Photovoltaik-Industrie hat auch das Unternehmen vor neue Herausforderungen gestellt. Mittlerweile haben sich die Schwaben international aufgestellt und bauen nun auch Maschinen für die Produktion von Lithium-Ionen-Akkus. Zu den Kunden zählen namhafte Unternehmen wie Apple und Tesla. Unternehmensgründer Dieter Manz befürchtet, dass Deutschland bei der Elektromobilität eine wichtige Technologie aus der Hand geben könnte.
Herr Manz, das Elektroauto ist in Deutschland ein Nischenprodukt. Batterien aus den großen Exportnationen USA, Japan und China dürften deutlich günstiger sein. Warum braucht Deutschland überhaupt eine eigene Batteriezellenfertigung?
Es wäre fahrlässig, diese Technologie abzugeben. Man darf nicht glauben, dass die Chinesen derzeit so viel Geld in diese Technologie investieren, alleine um uns Batterien zu verkaufen. Am Ende geht es um das ganze Auto. Damit ist die Frage, ob wir eine europäische Batteriezellenproduktion haben eng mit der Zukunft der europäischen Automobilproduktion verknüpft. Wir brauchen dringend ein Modell für eine nachhaltige Batterieproduktion in Europa.
Wie kann die aussehen?
Deutschland braucht eine Gigafactory. Außer den Kosten gibt es überhaupt keinen Grund, in Deutschland keine Batteriezellenproduktion zu bauen. Die Technik ist da, wir haben hervorragende Forschungseinrichtungen, was fehlt ist die Bereitschaft. Da sind die Hersteller gefordert, zu investieren und die Politik gefordert, das zu unterstützen. Wenn nicht in Deutschland, dann in Europa.
Im Geschäftsjahr 2014 erwirtschaftete Thyssen-Krupp durch Geschäfte mit Volkswagen einen Umsatz von rund 2 Milliarden Euro. Die Summe macht allerdings lediglich 5 Prozent am Gesamtumsatz aus.
Angaben beruhen auf Geschäftsberichte, Unternehmenspräsentationen, Berechnungen und Schätzungen. Quelle: Bloomberg, HRI
Stand: 28. September 2015
Die Leoni AG aus Nürnberg ist als Hersteller von Kabeln und Drähten auf Bordnetz-Systeme spezialisiert. Als Zulieferer für Volkswagen machte das Unternehmen 2014 einen Umsatz von 243 Millionen Euro, das waren 6 Prozent des Gesamtumsatzes.
Foto: dpaAuch Rheinmetall erzielt 6 Prozent seines Gesamtumsatzes mit VW, 294 Millionen Euro waren es im Geschäftsjahr 2014.
Foto: dpaRund 1,5 Milliarden Euro erlöste der Konzern mit den Wolfsburgern, 9 Prozent des Gesamtumsatzes im Geschäftsjahr 2014.
Foto: dpaDer Dax-Konzern erwirtschaftete durch VW-Aufträge im Geschäftsjahr 2014 einen Umsatz von rund 3 Milliarden Euro, die immerhin 9 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachten.
Foto: dpaDer US-Zulieferer Delphi Automotive setzte bei Geschäften mit VW 2014 rund 1,2 Milliarden Euro um – 10 Prozent des Gesamtumsatzes.
Foto: dpa/picture-allianceDer unter anderem auf Zylinderkopf und Spezialdichtungen spezialisierte Konzern machte durch Geschäfte mit VW absolut den geringsten Umsatz in der Rangliste: lediglich 142 Millionen Euro. Die Summe machte trotzdem 10 Prozent des Gesamtumsatzes im Geschäftsjahr 2014 aus.
Foto: dpaDer Roboter-Spezialist erwirtschaftete bei Geschäften mit VW 326 Millionen Euro, 11 Prozent des Gesamtumsatzes.
Foto: dpaDie Automobilsparte des US-Unternehmens Harman stellt Lautsprecher, Audiogeräte und Infotainmentsysteme her. Das Geschäft erwirtschaftete nur mit VW-Aufträgen im Jahr 2014 einen Umsatz von 616 Millionen Euro, 11 Prozent des Gesamtumsatzes des Unternehmens.
Foto: apAuch beim kanadisch-österreichischen Konzern Magna machten die Geschäfte mit VW 11 Prozent des gesamten Konzernumsatzes aus – mit einer Summe von rund 3,7 Milliarden Euro ist dies allerdings absolut der höchste Wert im Ranking.
Foto: apDie Schaeffler-Gruppe setzte durch Geschäfte mit VW im Jahr 2014 rund 1,6 Milliarden Euro um, eine Summe, die 13 Prozent des Konzernumsatzes ausmachte.
Foto: dpaDer französische Kunststoffverarbeiter Plastic Omnium setzte durch VW-Aufträge 781 Millionen Euro um, was 15 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachte.
Foto: ScreenshotDer französische Zulieferer Faurecia, einer der zehn größten Automobilzulieferer der Welt, erwirtschaftet sein Geld in den vier Geschäftsbereichen Autositze, Innenraumausstattung, Kunststoffaußenteile und: Abgassysteme. Das Geschäft mit VW brachte im Geschäftsjahr 2014 einen Umsatz von rund 3,4 Milliarden Euro, was stolze 18 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachte.
Foto: obsDer Oberpfalzer Automobilzulieferer Grammer erwirtschaftete durch Geschäfte mit VW 23 Prozent seines Umsatzes, 317 Millionen Euro.
Foto: dpaDer Zulieferer SHW Automotive kann auf eine 640-jährige Tradition zurückblicken; die Geschichte des metallverarbeitenden Unternehmens geht in direkter Linie bis auf die ersten Hüttenwerke in Württemberg im 14. Jahrhundert zurück. Heute ist der Hersteller von unter anderem Bremsscheiben, Pumpen und Motorenkomponenten so abhängig von VW wie kein anderer Zulieferer: 178 Millionen Euro, die im Geschäftsjahr 2014 durch VW-Aufträge umgesetzt wurden, machten 41 Prozent des Gesamtumsatzes aus.
Foto: dpaEs gab schon einmal den Versuch, Lithium-Ionen-Zellen in Deutschland zu produzieren. Doch das Gemeinschaftsunternehmen von Daimler und Evonik hat mittlerweile die Produktion eingestellt…
Die elektrische Mobilität ist leider nicht so schnell vorangekommen, wie wir es erwartet hatten. Da wurde viel angekündigt, doch leider wurde zahlenmäßig nicht so wahnsinnig viel umgesetzt. Li-tec, also die Daimler/Evonik-Zusammenarbeit, war einer unserer ersten großen Kunden. Dort konnten wir auch relativ viel Technologie entwickeln. Leider war das nicht von allzu langer Dauer. Nach dem Manipulationsskandal bei VW-Dieselfahrzeugen sehe ich allerdings jetzt die Chance für neue Impulse aus der deutschen Automobilbranche. Dabei unterstreicht der VW-Skandal nur noch einmal die Notwendigkeit, langfristiger zu denken und auf zukunftsorientierte Technologien wie Elektroantriebe umzusteigen. Die neu entbrannte Debatte um umweltschonende und nachhaltige Mobilität wird daher nach unserer Überzeugung der Entwicklung der Elektromobilität zu neuer Dynamik verhelfen.
Warum sollte eine Produktion in Deutschland heute erfolgreicher sein?
Was wir bisher in der Produktion der Batteriezellen für Elektroautos gesehen haben, ging ehrlichweise kaum über den Pilotstatus hinaus. Daher waren die Kosten noch relativ hoch. Das wird sich aber ändern. In Asien und den USA sind große Batteriefabriken geplant. In den kommenden Jahren werden wir damit die Hauptprobleme der elektrischen Mobilität, nämlich den hohen Preis und die begrenzte Reichweite, lösen.
Maschinenbauer Dieter Manz setzt große Hoffnungen in die elektrische Mobilität.
Foto: PressefotoWas macht Sie da so optimistisch?
In unseren anderen beiden Geschäftsbereichen, also bei der Produktion von Photovoltaik-Zellen und unter anderem auch Flachbildschirmen, haben wir gesehen, dass Skalierung für dramatische Kostenreduzierung sorgt. Eine Solarzelle kostet heute beispielsweise nur noch ein Viertel von dem, was sie vor fünf Jahren gekostet hat. Wir sehen eine ähnliche Entwicklung auch im Batteriebereich. Durch fortschrittlichere Bauweisen, Materialien und Fertigungsverfahren werden die Batterien immer leistungsfähiger. Die großen Fortschritte kommen ja nicht am Anfang einer Technologie, sondern dann, wenn sie wirklich den Massenmarkt erreicht hat. Wenn viele große Unternehmen das Thema entdecken und ihre Forschungsbudgets aufstocken, ist dort noch viel möglich. Da sind wir noch lange nicht am Ende.
Als Unternehmen machen Sie nur noch zehn Prozent ihres Umsatzes in Deutschland. Kann es Manz nicht egal sein, wo die Batterien gebaut werden?
Für uns als Maschinenbauer ist eine fehlende Produktion in Deutschland eher ein kurzfristiges als ein langfristiges Problem. Denn ohne Produktion haben wir irgendwann auch keine Forschung mehr in Deutschland. Ohne Forschung werden wir aber niemals unsere Technologieführerschaft behalten. Das wird dazu führen, dass Entwicklungsaufwendungen nach Asien oder in die USA verlegt werden. Das sehen wir heute schon, denn dort sind unsere Kunden. Wenn wir den Heimatmarkt verlieren, geht auch ein großer Teil der Wertschöpfung ins Ausland.
So wie wir es in der Photovoltaik-Industrie erlebt haben?
Das ist ein gutes Beispiel: Wir hatten Spitzentechnologie in Deutschland. Das einzige was davon übriggeblieben ist, sind die Maschinenbauer. Heute beliefern wir zwar immer noch Photovoltaik-Hersteller – aber im Wesentlichen chinesische. Die Branche hat sich dann dramatisch verändert. Der Photovoltaik-Markt wächst weltweit - derzeit so schnell wie noch nie. Sowas erwarten wir im Batteriebereich auch. Der Preisdruck wird auch hier deutlich zunehmen. In China werden nicht nur zwei oder drei neue Unternehmen entstehen, sondern 50 oder 100.
Warum ist die deutsche Autoindustrie trotzdem so zurückhaltend?
Das müssen sie die Automobilhersteller fragen. Immer wenn man eine bestehende Technik gut beherrscht, tut man sich relativ schwer mit der Vorstellung, dass die irgendwann abgelöst werden könnte. Deutschland ist aktuell Marktführer in der Motorentechnologie. Doch bei Elektromotoren gibt es kaum mehr Möglichkeiten, sich technisch zu differenzieren. Die Wertschöpfung der Zukunft liegt in der Steuerung des Elektromotors, also der Elektronik und Software, und in der Batterie. Hersteller und Zulieferer sollten sich selbst die Frage stellen, ob man das aus der Hand geben will.
Daimler und BMW wollen immerhin in das Geschäft mit Stromspeichern einsteigen...
Dieses Segment wird in den nächsten Jahren auch dramatisch wachsen - vielleicht sogar noch schneller als der Automarkt. Auch wir haben schon damals großes Potential gesehen, als wir 2009 ins Batteriegeschäft eingestiegen sind. Das Geschäft mit Stromspeichern hat riesengroße Synergieeffekte mit der Produktion von Photovoltaikzellen. Denn selbst wenn die Zellen selbst immer günstiger werden, besteht ja weiterhin das Problem der hohen Volatilität des Stroms. Da in diesem Geschäft Marktnähe und Service wichtig sind, werden die Kunden hier wahrscheinlich eher deutschen Anbietern vertrauen, als chinesischen. Da haben die deutschen Hersteller Imagevorteile.
Was kann die Politik tun?
Eine kurzfristige Förderung macht keinen Sinn. Da würden ein oder zwei neue Fabriken entstehen, die höchstwahrscheinlich nach wenigen Jahren wieder pleite sind. Man braucht nachhaltige, industriepolitische Rahmenbedingungen. Und man sollte Autos bezuschussen, die mit einer heimischen Batterie unterwegs sind. Das hat man im Photovoltaik-Bereich versäumt. Da hat man die Produzenten direkt unterstützt, aber nicht die Produkte im Markt.
Also kann Deutschland noch eine Rolle in der Batterieproduktion spielen?
Es gibt durchaus Chancen. Darum beteiligen wir uns auch an vielen Forschungsprojekten, beispielsweise dem ZSW in Ulm, das vom Forschung- und Entwicklungsministerium gefördert wird. Dort wollen wir unter anderem herausfinden wie Technologie aussehen muss, damit wir auch in Deutschland im großen Stil Lithium-Ionen-Zellen produzieren können. Die Technologie haben wir, es muss nur jemand auch die notwendigen Investitionen tätigen.