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Mutmaßlicher Bilanzskandal um Hess AGAbsturz einer Lichtgestalt

Zwei Vorstände aus der Provinz sollen Wirtschaftsprüfer, Großbanken und Investoren hinters Licht geführt haben. Nun sind sie angeklagt. Ein Mittelstandskrimi aus dem Musterländle.Andreas Dörnfelder 19.10.2015 - 12:01 Uhr Artikel anhören

Verdacht auf Bilanzfälschung, Bankrott, Untreue, schweren Betrug, Kredit- und Subventionsbetrug sowie Verstoß gegen das Wertpapierhandelsgesetz.

Foto: dpa

Villingen-Schwenningen. Christoph Hess brauchte eine Weile, bis er zur Tür kam. Wieder und wieder ging die Klingel. Es war ein Montagmorgen im Juli 2013 gegen sieben Uhr. Als Hess die Tür öffnete, trug er noch seinen Schlafanzug. Vor ihm standen vier Männer und eine Frau. Sie waren förmlicher gekleidet. Einer zeigte seinen Dienstausweis: Landespolizeidirektion Freiburg, Dezernat Sonderfälle/Organisierte Kriminalität. Die Beamten durchsuchten das Haus, packten Akten, Handys und Computer ein. Im Esszimmer nahmen sie Hess fest. Dann fuhren sie ihn von Villingen-Schwenningen nahe dem Schwarzwald 250 Kilometer zum Haftrichter nach Mannheim.

Der Mann, der da in Handschellen im Polizeiauto saß, war in Villingen-Schwenningen hoch angesehen. Die Hess AG hatte sich einen Namen als Leuchtenhersteller mit weltweiten Aufträgen gemacht. Zu Hess’ Hochzeit gab der Oberbürgermeister persönlich den Standesbeamten. Hess förderte Fastnachtszunft und Sinfonieorchester. Die Lokalzeitung lobte ihn und die Firma in höchsten Tönen.

Ex-Vorstände der Hess AG angeklagt

Dunkle Geschäfte im Schwarzwald

Möglicher Schaden: 141 Millionen Euro

Doch nun: der Absturz. Christoph Hess, 44, die Lichtgestalt von Villingen-Schwenningen, soll dunkle Geschäfte gemacht haben. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft, zu denen Hess sich nicht äußert, wiegen schwer. Treffen sie zu, hätte er mit einem Vorstandskollegen seine Geschäftspartner getäuscht, seine Bilanzen gefälscht und seine Aktionäre geschädigt. Seine Wirtschaftsprüfer, die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), ein bundesweit bekannter Politiker – alle hätten sich dann jahrelang vorführen lassen. Der Schaden für Investoren könnte sich auf mehr als 141 Millionen Euro belaufen.

Die Geschichte von Hess begann 1947. Damals gründete Großvater Willi eine Metallgießerei. Sie baute Waffeleisen und Teile für die Industrie. Der Coup gelang 1978. Vater Jürgen entwarf eine Laterne, die so gut in die Villinger Altstadt passte, dass daraus ein eigenes Geschäft wurde: gestaltete Außenbeleuchtung. 1999 holte Jürgen Hess seinen Sohn Christoph in die Firma. Als sich das Unternehmen 2007 in eine AG wandelte, wurde der Junior Vorstandschef. Um die Zahlen kümmerte sich als Finanzvorstand der gelernte Bankkaufmann Peter Ziegler. Christoph Hess knüpfte Kontakte – vor allem in Sachsen, der Heimat seiner Gattin.

Gute Kontakte in Sachsen

Foto: Handelsblatt

Die Sachsen-Connection

2008 wurde er Präsidiumsmitglied der IHK Dresden. Zur Freude von Ministerpräsident Stanislaw Tillich sponserte Hess ab 2010 das Eishockeyteam „Lausitzer Füchse“. Im selben Jahr förderten zwei sächsische Gründerfonds eine von Hess kontrollierte Entwicklungsfirma. Tillich besuchte das Hess-Werk in Löbau bei Dresden. Tillich nahm Christoph Hess mit auf eine Dienstreise nach Katar. Später ernannte das Land Sachsen Hess gar zum Honorarkonsul von Ungarn.

2011 stieg der niederländische Finanzinvestor HPE bei der Hess AG ein. Kurz darauf verkündete der Chef eine kleine Sensation: Der Laternenbauer aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis mit seinen 360 Mitarbeitern strebte an die Börse. Eine Vielzahl von Banken, darunter Deutsche Bank, Commerzbank, Hypo-Vereinsbank und DZ Bank gaben satte Kredite. Die LBBW brachte Hess an die Börse. Tausende Anleger zeichneten die Aktien, darunter viele Badener und Sachsen. Am 25. Oktober 2012 stand Christoph Hess strahlend auf dem Parkett der Frankfurter Börse und läutete die goldene Glocke. Finanzchef Ziegler klatschte. Anleger hatten Hess-Aktien für rund 36 Millionen Euro geordert. Der erste Kurs lag bei 15,60 Euro.

Damals sammelte die Hess AG 36 Millionen Euro ein. (Foto: PR)

Foto: Handelsblatt

Ein Teil der Gruppe soll intern als Schattenwelt bekannt gewesen sein. (Foto: PR)

Foto: Handelsblatt

Doch das neue Börsenglück der Hess AG währte nur drei Monate. Am 17. Januar 2013 meldete ein Mitarbeiter der Buchhaltung dem Aufsichtsrat merkwürdige Vorgänge. So habe die Hess AG einer Grundstücksgesellschaft zwei Millionen Euro für Umbauten in Rechnung gestellt, die es so nicht gegeben habe. Mit einer Firma in Katar seien 4,5 Millionen Euro abgerechnet worden – bezahlt mit Geld aus Krediten, die die Hess AG selbst aufgenommen habe. Und es gebe noch weitere Ungereimtheiten.

Der dreiköpfige Aufsichtsrat, dem auch Senior Jürgen Hess angehörte, reagierte schnell: Vier Tage nach den Hinweisen wurden Christoph Hess und Peter Ziegler entlassen. Am Abend meldete das Unternehmen selbst „Verdacht auf Bilanzmanipulation“. Am nächsten Tag verlor die Aktie mehr als die Hälfte ihres Wertes. Und das war erst der Anfang.

In 139 Tagen vom Börsengang in die Pleite

Die Ermittler der auf Wirtschaftsdelikte spezialisierten Staatsanwaltschaft Mannheim nahmen die Spur auf. Schnell war von „Briefkastenfirmen“ die Rede. Die Aktionäre hatten ihr Geld offenbar in ein undurchsichtiges System gesteckt. Neben der Hess AG und ihren bekannten Töchtern gab es gut ein Dutzend weitere Gesellschaften. Sie hießen AMW Präzisionstechnik oder Evros, K+K Objekt oder Econ Projektmanagement. Aber wer etwa bei AMW Präzisionstechnik anrief, landete nicht etwa in einer Metallfirma, sondern in der Privatwohnung von Finanzchef Peter Ziegler. Die Adresse der K+K Objekt führte zu einem alten Wohnhaus in Essen. Intern soll es einen einfachen Begriff für diese Konstrukte gegeben haben: Schattenwelt.

Den Geschäftsbetrieb hat inzwischen der niederländische Lichtkonzern Nordeon übernommen.

Foto: dpa

Der Aktienkurs fand nun keinen Halt mehr. Am 12. Februar 2013 lag er bei 3,30 Euro, 24 Stunden später war die Hess AG pleite. Seit dem Börsengang waren nur 139 Tage vergangen.

Insolvenzverwalter Volker Grub sollte später feststellen, dass die Bilanzen wohl schon ab 2007 geschönt wurden. Laut eines Gutachtens hätte im Jahresabschluss 2012 ein Verlust von 76,5 Millionen Euro stehen müssen. Die Manager sollen aber nach Informationen des Handelsblatts nur mit 4,8 Millionen Euro geplant haben. Der Anwalt von Peter Ziegler zweifelt das Gutachten an.

101 Seiten Anklageschrift

Am 18. Juli 2013 erließ das Amtsgericht Mannheim Haftbefehl gegen Christoph Hess und Peter Ziegler. Beide kamen kurz nach der Verhaftung wieder frei, doch für Hess wurde zumindest sein Amt als Honorarkonsul von Ungarn schwierig. Er musste vorübergehend seinen Pass abgeben.

Nun sind die Ex-Manager angeklagt. In der 101 Seiten starken Schrift wirft ihnen die Staatsanwaltschaft vor, Umsätze und Gewinne um zweistellige Millionenbeträge geschönt zu haben. Hinzu kämen Bankrott, Untreue, schwerer Betrug, Kredit- und Subventionsbetrug sowie Verstoß gegen das Wertpapierhandelsgesetz. Bei einer Verurteilung drohen mehrjährige Haftstrafen. Hess und Ziegler hatten eine Schuld bisher stets bestritten.

Foto: Handelsblatt

Neben den früheren Vorständen sind auch der frühere Seniorchef Jürgen Hess sowie zwei ehemalige Mitarbeiter und zwei Geschäftsführer konzernfremder Gesellschaften angeklagt. Ihnen wird Beihilfe zur Bilanzmanipulation vorgeworfen. Die Angeklagten haben sechs Monate Zeit, sich zu den Vorwürfen zu äußern. „Wir sind an der Aufklärung interessiert und werden zu gegebener Zeit Stellung nehmen“, sagten die Verteidiger von Christoph und Jürgen Hess dem Handelsblatt. Peter Zieglers Anwalt sprach von einem schwierigen Verfahren. Im Kern gehe es um die Frage, ob Entwicklungskosten in der Bilanz aktiviert werden dürften oder nicht.

Insolvenzverwalter bisher erfolglos vor Gericht

Bis die ganze Wahrheit ans Licht kommt, wird es noch dauern. Insolvenzverwalter Grub hat in mehreren Schadensersatzklagen bisher kein rechtskräftiges Urteil gegen die Ex-Manager erstritten. Der Strafprozess soll frühestens Ende 2016 starten.

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Den Geschäftsbetrieb des Leuchtenherstellers hat inzwischen der niederländische Nordeon-Konzern übernommen. Rund 200 Mitarbeiter verloren nach der Pleite ihren Job. Von der alten Hess AG bleiben Erinnerungen an alte Glanzzeiten. Und ein Haufen Schulden.

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